München 2022 ist gescheitert, viele Befürworter reagieren beleidigt. Nicht so Christian Neureuther. Er fordert im AZ-Interview ein Umdenken: „Weg vom Gigantismus!”

AZ: Christian Neureuther, auch Sie haben vergebens für 2022 gekämpft – die Bürger in München, Traunstein, Berchtesgaden und auch bei Ihnen in Garmisch-Partenkirchen waren dagegen. 0:4 für Olympia ist eine deutliche Niederlage – doch die Befürworter reagieren beleidigt, der künftige DOSB-Chef Alfons Hörmann etwa mag keine Fehler erkennen und sagt: Wenn München das IOC nicht will, zieht das IOC halt woanders hin. „Schlechte Verlierer”, titelte die AZ. Fühlen Sie sich angesprochen?

CHRISTIAN NEUREUTHER: Überhaupt nicht. Als fairer Sportsmann habe ich bei uns im Garmisch sofort dem NOlympia-Boss Axel Doering gratuliert. Wenn über 50 Prozent gegen unsere Idee sind, muss der Fehler bei uns liegen. Als Sportler darf ich mich ärgern über Niederlagen, aber nicht sagen, der Schnee war schlecht oder der Servicemann schuld. Wenn wir so eine flächendeckende Ablehnung erfahren, sind wir an einem kritischen Punkt angelangt, dann müssen wir uns selbst hinterfragen. Das gilt auch für mich. Vielleicht habe ich auch die falschen Argumente gehabt.

Was kommt dabei raus, wenn Sie sich hinterfragen?

Dass der Sport es versäumt hat, die Menschen mitzunehmen. Wer nicht so im Sport und den Verbänden involviert ist, kommt da nicht mehr mit: dass man die WM nach Katar vergibt, dass für die Winterspiele 2014 in Sotschi alles kaputt gemacht wird. Es ist ja nicht nur diese Olympia-Bewerbung, die schief gegangen ist. Es wäre fatal, dies als Betriebsunfall zu deklarieren. Wir brauchen ein Umdenken, die Werte des Sports müssen wieder im Mittelpunkt stehen, nicht der Kommerz.

Diese Niederlage muss eine Chance sein, auch für Alfons Hörmann und Thomas Bach.

Den künftigen DOSB-Boss, den neuen IOC-Präsidenten.

Sie werden das IOC nicht von heute auf morgen revolutionieren können, aber es muss ein Prozess eingeleitet werden, dass der Sport die Menschen wieder abholt und sich nicht von ihnen entfremdet, so wie zuletzt. Das ist doch die Botschaft, die uns die Basis mitgegeben hat. Der Bürger hat nicht gesagt, wir wollen prinzipiell keine Olympischen Spiele. Sondern wir wollen sie nicht so, wie ihr sie betreibt.

Stichworte Gewinnmaximierung, Knebelverträge.

Das Vertrauen zu zerstören, so wie es passiert ist, das ist doch das Schlimmste. Dagegen müssen wir etwas tun.

Aber was?

Wir sind an einem Punkt angelangt, wo es nicht immer größer, reicher, gigantischer weitergehen kann. Wir müssen reduzieren. Warum nicht wieder Spiele nur im kleinen Lillehammer, da war es doch am schönsten. Oder bei uns in Garmisch-Partenkirchen – ohne München! Wir müssen uns abwenden vom Gigantismus, vom Profitstreben um jeden Preis, von der Umweltzerstörung. Olympia muss wieder herzlicher rüberkommen, das kann auch heißen: Olympia muss abspecken. Sonst sehe ich eine ganz gefährliche Entwicklung.

Was meinen Sie?

Dass nicht nur München und Bayern dieses Olympia so nicht mehr wollen. In der Schweiz wurde die Bewerbung abgelehnt, womöglich fände sie in der Wintersport-Nation Österreich keine Mehrheit. Hoch entwickelte Staaten machen da nicht mehr mit – statt dessen haben wir Katar, Sotschi, Korea.

Oder künftig nur noch Schurkenstaaten.

Aber denen dürfen wir das Feld nicht überlassen. Wenn keiner mehr diese Art Verträge unterschreibt, kann doch die Antwort nicht heißen, dass die Spiele künftig nur noch in diktatorisch geführten Ländern stattfinden. Sondern, dass wir andere Verträge brauchen. Und eben ein anderes Klima zwischen Sportverbänden und Öffentlichkeit. Ich kann doch als Reaktion auf die Niederlage nicht sagen: „Die Bayern haben keinen Arsch in der Lederhose!”

Wie es der Eisschnellauf-Präsident getan hat.

Damit zerstörst du das Vertrauen in den Sport nur noch weiter.

Wer kann dies ändern?

Ich denke, wir müssen noch mehr aktive oder ehemalige Sportler mitnehmen, die ihre Leidenschaft und ihre Werte jetzt einbringen. Die großen Figuren des Sports, die müssen sich jetzt melden. Und klarmachen, dass es bei Olympischen Spielen nicht nur um Geschäftemacherei und Gigantismus gehen darf. Der Bogen ist überspannt, wir müssen ein Stück weit zurück zu den Wurzeln des Sports, zu den Werten.