Nach Kitz-Sieg nun Olympia-Favorit? Streif-Held Dreßen: In Gedanken bei seinem toten Vater

Hahnenkamm-Sieger Thomas Dreßen: gerade auch im Moment seines größten Triumphs in Gedanken bei seinem Vater. Foto: dpa

Ein Schnaps nach der Pressekonferenz, eine Lokalrunde im bekannten Pub "Londoner" - die Gepflogenheiten nach einem Sieg auf der Streif bekam Thomas Dreßen schnell beigebracht. Spannend ist, wie rasch er sich an die Folgen gewöhnt - schon vor Olympia wird der Mittenwalder "Legende" genannt.

Kitzbühel - Ein Kitzbühel-Sieg ist ein Triumph für die Ewigkeit - Zeit zum Feiern und Genießen hat Deutschlands neuer Ski-Star Thomas Dreßen nach dem historischen Coup auf der Streif aber kaum. In drei Wochen schon steigt die Abfahrt bei Olympia und dank des 24-Jährigen werden die Erwartungen an das DSV-Team immer extremer. Tiefstapeln geht nach der Sensation in Tirol und vor dem anstehenden Heim-Rennen in Garmisch-Partenkirchen nicht mehr! "Das lässt sich jetzt nicht wegdiskutieren, wenn du Kitzbühel gewinnst unmittelbar vor Olympia, dass du dann einer der Favoriten bist, ja klar", sagte Bundestrainer Mathias Berthold. "Es ist ihm eigentlich vieles zuzutrauen."

Noch deutlicher formulierte es der Renndirektor des Skiweltverbands FIS vor der Siegerehrung vor etwa 20.000 Zuschauern mit großem Feuerwerk. "Wenn er hier gewinnt, dann kann man ihm alles zutrauen. Hier gewinnen nur die Superstars. Er ist jetzt schon eine Legende", sagte Markus Waldner der Deutschen Presse-Agentur. "Hier hat noch nie ein Außenseiter gewonnen." Auf der schwersten Strecke der Welt siegen nur die ganz Großen wie Didier Cuche, Hermann Maier, Franz Klammer oder Marc Girardelli. Aber gehört Dreßen zu denen schon dazu?

Thomas Dreßen: So tragisch verlor er seinen Vater

Er hat zwar noch wenig Erfahrung - aber wegen eines Schicksalsschlags doch ein gutes Gespür für die wichtigen Dinge im Leben. Als Dreßen elf Jahre alt war, verlor er seinen Vater bei einem Seilbahnunglück in Sölden. Am 5. September 2005 hatte im dortigen Gletscherskigebiet ein Lastenhubschrauber einen 750 Kilogramm schweren Betonkübel verloren. Der Kübel prallte auf das Seil einer Gondelbahn und riss die Gondel aus der Verankerung. Aus einer weiteren Gondel wurden durch Schwingungen sechs Menschen hinausgeschleudert. Insgesamt kamen bei dem Unglück neun Menschen ums Leben - darunter Dirk Dreßen, Ex-Biathlet und Vater von Thomas. Wie die Bild am Sonntag schreibt, trägt Thomas Dreßen, der bei dem Verlust seines Vaters elf Jahre alt war, immer ein Foto seines Papas in der Brief­ta­sche. "Wer weiß, vielleicht hat von oben jemand zugeschaut und die Sonne ein bisschen mehr scheinen lassen bei mir", sagte der Kirtz-Sieger am Samstagabend zu den guten Sichtbedingungen bei seiner Fahrt auf der Streif. "Der Dank geht nicht nur nach oben, sondern auch zu meiner Mama."

Nach dem Seilbahn-Unglück von Sölden im September 2005: Experten konfiszieren Gegenstände an der Unfallstelle. Nach dem Seilbahn-Unglück von Sölden im September 2005: Experten konfiszieren Gegenstände an der Unfallstelle. Foto: dpa

Nun hat der Deutsche Skiverband (DSV) in Südkorea auch bei den Herren einen Gold-Kandidaten, und das trotz der Kreuzbandrisse von Stefan Luitz und Felix Neureuther, der den Sieg Dreßens live miterlebte und "selten so eine Gänsehaut" hatte bei einem Rennen. "Das ist ein denkwürdiger Tag für den deutschen Skisport", sagte er und ergänzte in der ARD: "Ich könnte zum Flennen anfangen, weil es so schön war."

Olympia-Favorit? - Dreßen: "Bin immer noch ein Außenseiter"

Dreßen, der für den SC Mittenwald antritt, wollte davon nichts wissen und schob die Rolle weit von sich. "Ich bezeichne mich immer noch als Außenseiter. Ich bin noch relativ jung und habe noch nicht die Erfahrung. Bei Olympia war ich noch nie", erklärte der Formel-1-Fan nach der überragenden Fahrt über die 3,3 Kilometer lange Streif und vor der langen Party-Nacht inklusive angeregtem Austausch mit Ferrari-Pilot Sebastian Vettel im VIP-Zelt des Hauptsponsors.

Im Weltcup war es erst der siebte DSV-Abfahrtssieg bei den Herren, der erste seit Max Rauffers Erfolg in Gröden vor 13 Jahren und der erste auf der legendären Streif seit 39 Jahren. "Krass, krass, krass. Ein Rennen gewinnen und dann noch Kitzbühel, das ist ein bisschen kitschig", sagte Teamkollege Andreas Sander. "Vielleicht gewinnt er dieses Jahr zwei Rennen: Das sind dann Olympia und Kitzbühel."

Die fehlende Erfahrung kompensiert Dreßen schon den ganzen Winter über und wird von den Trainern und Kollegen gar mit dem zweimaligen Gesamtweltcupsieger Aksel Lund Svindal verglichen. Die Abfahrt in Kitzbühel hat der Norweger im Gegensatz zu Dreßen noch nie gewonnen. In der Abfahrts-Wertung im Weltcup liegt er hinter Svindal und dem Schweizer Beat Feuz, der in Kitzbühel Zweiter wurde, auf Rang drei.

Es war erst seine sechste Fahrt auf der Streif

Dreßen hat die Fähigkeit, sich im Training beständig an die für ihn noch immer relativ unbekannten Strecken heranzutasten. Am Samstag fuhr er in Kitzbühel inklusive aller Übungsfahrten aus dem vorigen Jahr erst das sechste Mal über die schwerste Strecke der Welt.

In Beaver Creek gelang dem Fan des FC Bayern München mit dieser Taktik als Drittem das erste Podest-Resultat seiner Karriere, in Kitzbühel der erste Sieg - dabei lassen ihn seine Trainer noch nicht mal an die Grenzen gehen. "Wir wollen nicht, dass Thomas an die hundert Prozent rangeht, sondern dass er in einem Bereich ist, in dem er sich sicher fühlt, eine gute Körpersprache hat und gute Attacke fährt", sagte Berthold. "Es bringts nichts, sich am absoluten Limit zu bewegen. Thomas ist jung, da darf man solche Sachen nicht machen."

So hat Berthold seine Schützlinge in weniger als vier Jahren zu Fahrern mit Podestpotenzial geformt. Josef Ferstl raste in Gröden zum Sieg im Super-G, Sander war in Kitzbühel bis zur Traverse ebenfalls auf Top-Drei-Kurs und beendetet das Rennen nach einem kleinen Fehler auf Rang sechs und dem besten Abfahrts-Resultat seiner Karriere.

DSV-Alpinchef Maier: "An das wird man sich ewig erinnern"

Vom DSV-Toptrio hat Dreßen die steilste Lernkurve und in den kommenden Wochen auch den größten Druck. "Das geht ja jetzt erst richtig los für ihn", sagte Sepp Ferstl eine Woche vor dem Heim-Weltcup. Der Kitzbühel-Sieger der Jahre 1978 und 1979 machte sich etwas Sorgen um seinen deutschen Nachfolger. "Die Erwartungen sind jetzt groß. Hoffentlich lässt er sich nicht nervös machen."

Alpinchef Wolfgang Maier versuchte zwar, die Erwartungen vor der Südkorea-Reise zu dämpfen, betonte aber auch die enorme Bedeutung des Kitzbühel-Sieges. "Das ist etwas, das uns keiner nehmen kann. An das wird man sich einfach ewig erinnern", sagte Maier. "Olympia-Sieger sind bei weitem nicht so bekannt wie Kitzbühel-Sieger." Zu denen gehört Dreßen jetzt. Ebenso wie zu den Favoriten für Olympia.

Lesen Sie hier: Thomas Dreßen und die Unsterblickkeit - die AZ-Kolumne von Martina Ertl-Renz

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