Nach Jahren in der Psychiatrie Gustl Mollath: So wird sein Weihnachten 2013

Wie verbringt Gustl Mollath das erste Weihnachtsfest nach dem Ende seines umstrittenen Psychiatrie-Aufenthalts? Besuch bei einem tief Verletzten.

Nürnberg - Weihnachten 2013. Gustl Mollath (57) müsste sich eigentlich freuen. Seine siebeneinhalbjährige Zwangsunterbringung in der Psychiatrie, die ihn zu einer Person des öffentlichen Interesses machte, hat er hinter sich. Doch die Freude über das Fest der Liebe und des Friedens hält sich bei dem Mann, der zum Spielball von Gutachtern, Gerichten und der Politik wurde, in deutlichen Grenzen.

Wie er den Heiligen Abend und die Feiertage verbringt, weiß er noch nicht genau. „Vielleicht liege ich unter einem alten Auto und schraube ein bisschen dran rum.“ Ob er auch den Weihnachtsgottesdienst besucht, wird von seiner momentanen Gefühlssituation abhängen, ausschließen will er es nicht: „Wenn eine schöne Kirche in der Nähe ist….“

Ein unverkennbarer Unterton schwingt bei solchen Aussagen mit. Da denkt er automatisch an die Seelsorger, die er im Bezirkskrankenhaus kennen gelernt hat: „Die kriegen genau mit, was dort läuft, aber haben nicht den Mumm, etwas dagegen zu unternehmen. Sie sind Teil des kranken Systems, das dort herrscht.“

Was dort läuft, stuft Gustl Mollath als „staatlich sanktionierte Folter“ ein: „Ich habe selbst oft genug miterlebt, wie Menschen durch Zwangsmedikamentierung in eine andere Persönlichkeit verwandelt wurden. Nicht mehr wiederzuerkennen. Psychische Wracks. Mit Therapie hat das nichts zu tun.“

Immer wieder wird er zu Diskussionsrunden eingeladen, um seine Erfahrungen und Erkenntnisse zu schildern. Er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Er weiß, dass er damit nur einen relativ kleinen Kreis erreicht und will das unbedingt ändern. „Ich habe bereits mit den Vorarbeiten für ein Buch begonnen, in dem ich die Zustände in der Psychiatrie in Deutschland beschreiben werde“, verrät er eines seiner großen Ziele.

Lesen Sie hier: Wiederaufname - Mollath-Prozess beginnt am 7. Juli

Seine persönliche Bilanz, die er jetzt, ein knappes halbes Jahr nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie, zieht, fällt absolut ernüchternd aus: „Ich bin völlig mittellos, ich besitze nichts mehr. Und für meine soziale Perspektive hat sich auch niemand interessiert, als ich innerhalb von drei Stunden auf die Straße vor das Bezirkskrankenhaus gestellt wurde.“

Gustl Mollath fühlt sich im Stich gelassen, denkt auch eher zornig daran, dass er weder beim Nürnberger Oberbürgermeister noch beim Polizeipräsidenten Gehör fand, um seine Probleme besprechen zu können. „Es gibt schon noch einige Dinge zu klären, was mit meinem Besitz genau passierte, als ich unter Zwang in der Psychiatrie saß.“

In dem Zusammenhang fällt auch der Name seiner Ex-Frau. Mollath gebraucht nicht den Vornamen, wenn er von ihr spricht, sondern ihren neuen Familiennamen. Freundlich klingt das nicht – und das ist auch beabsichtigt. „Ich habe keinerlei Interesse, sie zu sehen“, sagt Mollath. Zu tief sitzt der Stachel der schmutzigen Trennung.

Freundschaft sieht für ihn ohnehin anders aus. „Wenn man in seinem Leben einen echten Freund hatte, darf man glücklich sein", gibt er ein Sprichwort wieder und meint damit vor allem einen seiner langjährigen Bekannten, der für seine materielle Existenz sorgt. „Ohne ihn wäre ich aufgeschmissen.“ Allerdings vergisst er auch nicht die zahllosen Unterstützer, die ihm Mut gemacht haben: „Das ist eine wertvolle Erfahrung, wenn man so etwas erlebt.“

Buch, Job, Existenzaufbau: Das sind seine Ziele: „Ich frage mich, ob ich in diesem Land bleiben möchte“, sagt er: Neuseeland, da würde er gerne hin. Vorrangig für „Deutschlands bekanntestem Psychiatrie-Insassen“, wie er gern postuliert wird, sind aber die Vorbereitungen für die Neuauflage seines Prozesses. Im Juli in Regensburg wird er stattfinden, und bis dahin hat er in dieser Angelegenheit noch viel zu tun. „Ich muss erst richtige Ordnung in die vielen Akten bringen, das war ja in der Klinik nicht möglich."

Bammel vor dem Prozess? Gustl Mollath wiegelt mit einer Gegenfrage ab: „Wovor soll ich denn Angst haben?“ Und er liefert auch gleich die Antwort dazu: „Ich war ja schon ganz unten.“ Gustl Mollath ist überzeugt, dass er die endlos erscheinende Zeit in der Psychiatrie ohne erkennbare psychische Folgeschäden überstanden hat. „Ich habe von Anfang an auf meine Rechte und die Pflichten der Klinik hingewiesen, mich beschwert und Eingaben gemacht, wenn es notwendig war. Hätte ich nicht um meine Rechte gekämpft, wäre ich untergegangen. Auch wenn klar war, dass ich mich dadurch nicht beliebt mache“, beschreibt er seine Lebensphilosophie, bei der Freiheit und Gerechtigkeit eine große Rolle spielen.

Was ihm allerdings am wichtigsten erscheint, hört sich wie ein Überbleibsel vergangener Tage an. „Ich wünsche mir grenzenlosen Frieden“, sagt er und meint es durchaus ernst. 

 

 

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