Nach Eklat bei Bürgerversammlung Haidhausen wehrt sich: "Wir sind keine Wutbürger"

Die Haidhausener wehren sich gegen die Verunglimpfung als "Wutbürger". Foto: Sigi Müller

Nach der geplatzten Bürgerversammlung läuft den Haidhausern die Zeit davon – doch sie geben nicht auf.

Haidhausen - Es waren Bilder, wie man sie vielleicht aus dem Hofbräuzelt kennt, aber nicht aus dem Hofbräukeller am Wiener Platz: Menschenströme, die sich gegen die Türen des Festsaals mit 400 Plätzen drücken und Ordner, die sie zurückdrängen.

So sah es am Mittwochabend bei der Bürgerversammlung zur zweiten Stammstrecke in Haidhausen aus. Am Ende ließ Verkehrsminister Joachim Herrmann (CSU) die Haidhauser abstimmen – sie entschieden, die Versammlung zu vertagen und in einem größeren Saal neu zu organisieren.

"Keine andere Möglichkeit"

"In diesem Moment ist ihm keine andere Möglichkeit geblieben", sagt Ingeborg Michelfeit, Vorsitzende der Bürgerinitiative Haidhausen, der AZ. Trotzdem ist sie über die Entscheidung nicht glücklich. Denn bereits am 5. April ist der erste Spatenstich für das Großbauprojekt geplant. "Uns läuft die Zeit davon", so Michelfeit. Die Bürgerinitiative wehrt sich seit vielen Jahren gegen die zweite Stammstrecke und präferiert einen Ausbau des oberirdischen Südrings, auf dem heute Fern- und Regionalzüge – aber keine S-Bahnen – zwischen Ostbahnhof und Hauptbahnhof verkehren

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Braucht München eine zweite Stammstrecke?
Die Strecke durch die Innenstadt ist chronisch überlastet. Dort bündeln sich alle S-Bahnlinien. Deshalb limitiert die knapp elf Kilometer lange Trasse zwischen Pasing im Westen und dem Ostbahnhof den Takt - und der ist angesichts des stetigen Bevölkerungszuwachses in der Landeshauptstadt längst an der Kapazitätsgrenze. Derzeit werden dort rund 840.000 Fahrgäste pro Tag befördert. Dabei war die Strecke beim Bau vor den Olympischen Spielen 1972 in München auf rund 250.000 Passagiere ausgelegt. Derzeit fahren 30 Züge pro Stunde und Richtung. Mit der zweiten Röhre sollen perspektivisch bis zu 54 Zugfahrten möglich sein. Legt bisher eine Störung im Tunnel oft den S-Bahnverkehr in der Innenstadt lahm, soll der zweite Tunnel einen Bypass bieten und den Verkehrsfluss sichern.

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Was wird genau gebaut - und wie ist der Zeitplan?
Zwischen den Bahnhöfen Laim im Westen und Leuchtenbergring im Osten soll die rund zehn Kilometer lange zweite Stammstrecke entstehen. Kernstück ist ein sieben Kilometer langer Tunnel zwischen Haupt- und Ostbahnhof. Der erste Spatenstich ist für den 5. April 2017 geplant. Die ersten Züge sollen voraussichtlich im Dezember 2026 rollen.

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Was kostet das Bauprojekt?
Einschließlich eines Risikopuffers von rund 670 Millionen Euro soll das Mammutprojekt rund 3,85 Milliarden Euro kosten. Ohne die Risiken, etwa durch Lohnsteigerungen bei den Baufirmen oder teureres Material, liegen die voraussichtlichen Kosten laut bayerischem Verkehrsministerium bei knapp 3,18 Milliarden Euro. Zum Vergleich: 2012 ging der damals von allen Beteiligten beschlossene Kostenplan noch von 2,05 Milliarden Euro aus.

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Wer zahlt?
Darüber gab es ein jahrelanges Hick-Hack. Inzwischen ist entschieden: Gut 1,55 Milliarden Euro werden von der Bundesregierung übernommen, der Freistaat stemmt rund 1,29 Milliarden Euro, die Stadt rund 160 Millionen Euro. Die Bahn beteiligt sich mit circa 180 Millionen Euro.

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Kann der Bau beginnen, obwohl über Klagen von Anwohnern gegen das Projekt noch nicht entschieden wurde?
Tatsächlich sind am Verwaltungsgericht München noch Klagen gegen den Bauplan anhängig. Zumindest Bayerns Verkehrsminister Joachim Herrmann (CSU) rechnet aber nicht mit juristischen Problemen: "Wir sehen ohnehin keinen Anlass für große Bürgerproteste", sagte er im Oktober.

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Gibt es außer den Anwohnern Gegner des Projekts?
Die Grünen im Landtag etwa lehnen den zweiten Tunnel ab. Es sei nicht ausreichend, eine zweite Stammstrecke zu bauen, um dann festzustellen, dass auf den Außenstrecken trotzdem nicht mehr Züge fahren könnten. Sie favorisieren deshalb einen Ausbau des Südrings als neue Stammstrecke. Damit wäre bis 2030 ein Zehn-Minuten-Takt im Münchner S-Bahn-Verkehr sowie die Verdopplung der Fahrgastzahlen auf mehr als 1,5 Millionen am Tag möglich.

von

Vor der geplanten Bürgerversammlung veranstaltete die Initiative eine Demo, auf der sie das Bauprojekt, das bis 2026 realisiert werden soll, mit Stuttgart 21 verglich. Auch Verkehrsplaner und Grünen-Stadtrat Paul Bickelbacher nahm daran teil. "Der Südring wurde zu früh auf die Seite getan", sagt Bickelbacher der AZ. "Außerdem ist die endgültige Finanzierung der Stammstrecke noch nicht geklärt. Im Stadtrat ist leider keine Bereitschaft zur Diskussion mehr vorhanden. Doch es lohnt sich noch, zu protestieren"

Auf den Vorwurf, die Haidhauser verträten nur ihre eigenen Interessen, erwidert Michelfeit: "Wir sind keine Wutbürger. Die Initiative beschäftigt sich seit zwölf Jahren mit dem Projekt, kennt es wahrscheinlich sogar besser als Minister Herrmann selbst." Die Haidhauser wollen nicht aufgeben, obgleich die Stammstrecke als beschlossen gilt: Noch sind sechs Klagen gegen das Projekt anhängig, eine Online-Petition der Bürgerinitiative ist innerhalb von 11 Tagen von 500 auf 5000 Unterschriften gestiegen. Es scheint ein letztes Aufbäumen zu sein – was und ob es noch etwas bringt, wird sich zeigen.


Kein Stuttgart 21

AZ-Lokalchef Felix Müller über die Proteste gegen die Stammstrecke.

Der Protest gegen die Stammstrecke ist gescheitert. Nicht nur parteipolitisch im Landtag, wo Kämpfe gegen die CSU eh kaum zu gewinnen sind. Sondern vor allem: auf der Straße, bei den Münchnern. Es ist nie gelungen, eine nennenswerte Zahl an Menschen außerhalb Haidhausens für den Protest zu begeistern. Das heißt: Den meisten Münchnern waren die guten Gegenargumente wurscht.

Ganz anders als in Stuttgart, wo jahrelang die ganze Stadt um den Bahnhof stritt. In München entstand der Eindruck, dass es den grün-bürgerlichen Haidhausern doch nur um die Ruhe vor der eigenen Haustür geht. Jetzt ist es zu spät.

 

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