Mutter des Kindermörders Silvio S. "Es war, als wäre die Welt auseinandergebrochen"

Die Ermittlungen um den Doppelmord an den Jungen Elias und Mohammed sind noch nicht zu Ende. Foto: dpa

Ihr Sohn lebt unter ihrem Dach, als er zum Mörder von Mohamed und Elias wird. Wie die Mutter von Silvio S. mit den grausamen Taten umgeht und welche Fragen sie quälen.

Kaltenborn - Astrid S. (53) sitzt Ende Oktober beim Frühstück. Wie jeden Tag trinkt sie einen Kaffee, liest vor der Arbeit die Zeitung. Ihr Sohn Silvio (32) und ihr Mann Dieter (73) sitzen neben ihr. Ein ganz normaler Morgen, den es so schon hunderte Mal vorher gegeben hat. Ein ganz normaler Morgen, den es so für Astrid S. nie wieder geben wird: Ihr Sohn hat zwei Buben getötet. Mohamed (4) und Elias (6).

Den schlimmen Verdacht muss sie an diesem Morgen aus der Lokalpresse erfahren. Dort ist ein unscharfes Fahndungsfoto abgedruckt. Darüber steht: der Entführer von Mohamed. Das Foto zeigt ihren Sohn. Erst glaubt Astrid S. nicht, was sie da liest, wie die Frau aus Kaltenborn (Brandenburg) nun im Interview mit dem Magazin „Spiegel“ beschreibt.

„Ich habe mich gewundert, was macht Silvio da in der Zeitung?“ Sie stellt ihm diese Frage: „Wie kommst du dahin?“ Ihr Sohn sitzt am Frühstückstisch und schweigt. „Wir hatten ein inniges Verhältnis, er wusste doch, dass er mit allem zu mir kommen konnte“, sagt die 53-Jährige. Sie ist verzweifelt, wischt sich im Interview die Tränen weg. Dann braucht sie eine Zigarette zur Beruhigung. Die Mutter glaubt erst an einen Irrtum: „Für mich war da ein Fehler passiert, die Fotos gehörten da nicht hin.“

Doch dann kommt eine Nachricht ihrer Tochter. Auch sie hat die Fahndungsfotos gesehen. Sie schreibt: „Guck mal, Mama, das ist doch Silvio.“ Die Antwort von Astrid S.: „Das sehe ich auch.“ Die Tochter: „Wir müssen zur Polizei.“ Astrid S.: „Ja, das müssen wir. Aber ich will erst mal mit ihm darüber sprechen.“

„Kein Kindergeschrei. Kein Fußgetrappel. Nichts“

Die 53-Jährige stellt ihren Sohn zur Rede. Er gibt die Tat ihr gegenüber zu: „Ich war es.“ Mohamed sei nicht mehr am Leben. Aber er habe das alles nicht geplant. Im Verhör mit der Polizei gesteht er später auch den Mord an dem vermissten Elias aus Potsdam (AZ berichtete). Er wolle sich selbst stellen, sagt er zu seiner Mutter. Doch er fährt zuerst noch einmal weg. „Ich habe mich wie ein Löwe im Käfig gefühlt, bin nur auf und ab gegangen. Ich wusste nicht, was er jetzt tun würde. Ob er vor irgendeinen Baum fährt.“

Dann trifft Astrid S. eine Entscheidung. Sie wählt die Nummer 030/4664912400. Soko Mohamed. Die Polizei nimmt ab und die Anruferin sagt: „Der Mann auf den Bildern ist mein Sohn.“ Danach bricht sie weinend in der Küche zusammen. Die Ermittler rücken an und nehmen Silvio S. fest. Den letzten, eindringlichen Blick, den er ihr zuwirft, wird sie nie vergessen, sagt sie. Für diesen Mut, ihren eigenen Sohn bei der Polizei zu melden, wird sie von vielen bewundert. Doch sie sagt: Sie wolle dafür kein Lob, sie habe einfach nur Angst gehabt.

Als Silvio S. festgenommen wird, übernachtet das Ehepaar nicht zuhause, sie schlafen bei der Großmutter, die im Haus gegenüber wohnt. „Wir haben zu dritt im Dunkeln gesessen und uns angeschwiegen. Wir waren wie erstarrt, als wäre die Welt auseinandergebrochen.“

Warum hat er das getan? Warum hat sie nichts mitbekommen? Mohamed musste in ihren vier Wänden sterben. Silvio S. lebt bei seinen Eltern im Obergeschoss. Dorthin bringt er das Kind, nachdem er es vom Lageso (Landesamt für Gesundheit und Soziales) in Berlin mitgenommen hatte. Wie konnte sie davon nichts merken? „Kein Kindergeschrei, kein Fußgetrappel. Nichts. Ich hätte auch erwartet, dass unser Hund anschlägt. Gar nichts.“

Beim Gedanken an die beiden Familien: "Mir tut es in der Seele weh"

Es gibt so viele Warums, auf die sie keine Antwort findet. Auch an die beiden Familien der Kinder muss sie denken. „Mir tut es in der Seele weh, dass sie ihre Kinder verloren haben. Und das noch auf eine Weise, die nicht auszuhalten ist.“

Ihre Familie wird nach der Festnahme von Reportern belagert. Nicht einmal vor der Oma machen sie halt, so die 53-Jährige. Einer von ihnen habe sich sogar für ein Praktikum im Getränkemarkt von Astrid S. beworben, um an Informationen zu kommen. Sie gibt dieses „Spiegel“-Interview, damit „diese Jagd“ hoffentlich aufhört. Ein Unbekannter schreibt „Mörder“ ans Ortschild ihres Heimatortes. „Ich hatte mich auf Brandanschläge eingestellt, war fest davon ausgegangen, dass wir hier wegziehen müssen. Aber wir werden nicht ausgeschlossen, ganz im Gegenteil: Einige bleiben auf der Straße stehen und nehmen mich in den Arm. Auch wenn ich es kaum schaffe, anderen Menschen in die Augen zu schauen.“

„Vor mir saß der Mensch, den ich kenne, nicht der Bösewicht“

Ende November hat sie Silvio S. zum ersten Mal in der Justizvollzugsanstalt besucht. Sie sei sich nicht sicher gewesen, wie sie reagieren würde: „Ich weiß nicht, was ich tue, wenn ich ihn sehe. Es kann sein, dass ich losschimpfe, dass ich ihn in den Arm nehme, dass mir total die Worte fehlen“, sagt sie vorher. Als sie auf ihn trifft, steht er auf und umarmt sie. Sie sagt zu ihm: „Du bist so ein Idiot.“ Seine Antwort: „Ja, Mama.“ Eine Stunde haben sie gemeinsam, Zeit für Wut ist nicht, „weil vor mir der Mensch saß, den ich kenne, nicht der Bösewicht.“

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