Musical im Gärtnerplatztheater Gil Mehmert über "Priscilla - Königin der Wüste"

, aktualisiert am 15.12.2017 - 10:48 Uhr
Gil Mehmert im AZ-Interview zum "Priscilla – Königin der Wüste"-Musical. Foto: Marie-Laure Briane

Nimm den anderen, wie er ist: Der Regisseur Gil Mehmert über die deutsche Erstaufführung des Musicals "Priscilla – Königin der Wüste" am Donnerstag im Gärtnerplatztheater.

Vor über 30 Jahren bekam der australische Independentfilm "Priscilla – Königin der Wüste" von Stephan Elliott überraschend einen Oscar für die besten Kostüme. Die Musical-Version fügte zahlreiche Discohits der 70er und 80er hinzu. Hierzulande war sie noch nicht zu sehen. Gil Mehmert inszeniert die deutsche Erstaufführung im Gärtnerplatztheater. Premiere ist am Donnerstag.

AZ: Herr Mehmert, "Priscilla" gilt als Kultfilm. Trotzdem kennt ihn nicht jeder. Worum geht es?
GIL MEHMERT: Der Film entstand auf dem Höhepunkt der Aids-Krise. Dem Regisseur ging es darum, die Menschen hinter einer extrem schwulen Fassade zu zeigen.

Wer sind die Hauptfiguren?
Jeder von ihnen lebt seine Homosexualität anders. Wir sind schnell drauf gekommen, dass sie den drei klassischen Typen von Clowns ähneln. Die transsexuelle Bernardette gibt sich wie ein Weiß-Clown mit Weisheit und Würde, Adam, der jünste der drei, ist der Dumme August, der sehr offensiv als Drag Queen Felicia Jollygoodfellow lebt und immer einen dummen Spruch riskiert. In der Mitte Tuck ist der traurige Clown, der nicht grell rüberkommen will und mit einem Bein in der Bürgerlichkeit lebt.

Welche Geschichte wird erzählt?
Tick tritt in einer drittklassige Show auf und wird prompt gedisst vom Publikum. Seine Frau bittet ihn, ob er nicht in ihrem Hotel in Alice Springs auftreten kann.

Das ist in der Mitte des australischen Nirgendwo.
Dort fahren die drei hin, mit einem Bus namens Priscilla.

Wie wurde ein Musical draus?
Die Handlung ließ sich perfekt mit schwulen Kult-Songs von Donna Summer oder Kylie Minogue verbinden. Das Musical tendiert zur Revue. Es schlägt leicht in eine selbstverliebte Tuntenparty um.

Eigentlich passt das fast zu gut zum Gärtnerplatzviertel.
Ich habe mich auch gefragt: Will mir der Intendant mit dieser deutschen Erstaufführung ein Geschenk machen? Oder will er mich strafen, weil ich schon lange keine High Heels mehr anhatte? Falls ich jemals welche getragen habe.

Was war Ihre Antwort?

Ich habe mich in "Priscilla" verliebt. Mittlerweile glaube ich, dass seine soziale und menschliche Komponente stärker ist, als ich ursprünglich dachte. Das Musical ist eine Parabel auf Akzeptanz und Toleranz. Es geht um die Botschaft: Nimm den anderen, wie er ist! Glaube an das Individuum! Es geht nicht um eine Reise ins Innere Australiens, sondern ins Innere der Figuren.

Homosexualität ist auch kein Skandal mehr.
In der westlichen Welt stimmt das. Aber östlich von uns und im asiatischen Raum gibt es Gegenbewegungen zu unserer Freiheit. Auch bei uns gibt es Ausgrenzung. Um das zu erleben, bräuchten drei Drag Queens nur von München aus hinaus aufs Land fahren.

"Priscilla" ist eine Juke-Box-Musical ohne eigens komponierte Musik. Eigentlich ist das die unterste Schublade des Genres.
Aber hier passt es: Eine Drag Queen singt nicht selbst, sie bewegt nur die Lippen. In "Priscilla" wird das auch zum Thema, weil jemand das für die höhere Kunst hält. Daher gibt es hier auch drei singende Diven, sozusagen als psychedelische Zutat.

Welche Musik wird gespielt?
Sie besteht aus der Party-Kompilation eines jeden ordentlichen Homosexuellen, der gern feiert. Aber im Zusammenhang mit der Geschichte bekommen die Songs einen befruchtenden Subtext.

Apropos Party: Am Ende Ihrer Inszenierung von "Hair" in der Reithalle tanzten die Darsteller mit dem Publikum. Das geht im Gärtnerplatz nicht – wegen des Orchestergrabens.
Ich liebe Hallen und sichtbare Scheinwerfer. In der Reithalle konnten wir die Bühne bei den Proben immer weiter verfeinern, hier im Repertoirebetrieb muss die Ausstattung jeden Abend auf- und abgebaut werden. Das renovierte Theater hat eine schöne Fassade. Aber die Anarchie in der Reithalle war professioneller, weil am Gärtnerplatz vieles noch Baustelle ist und die Werkstätten noch nicht perfekt arbeiten.

Auf dem Probenplan werden Rollschuhproben erwähnt.
Ich habe mit der Choreografin Melissa King nach dem Mehrwert der Songs gesucht, weil sich die Geschichte hier nicht unendlich mit Glitter und Flugwerk aufrüsten lässt. Aber zur Schwulen-Hymne "McArthur Park" gibt es Rollschuhe, das stimmt.


Premiere am 14. Dezember, 19.30 Uhr. Auch am 16., 19., 21., 22. und 31. Dezember sowie im Januar und Februar. Karten unter 089 21 85 19 60.

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