Weil er sich von Facebook nicht länger für dumm verkaufen lassen will, zieht der 25-jährige Wiener Jura-Student Max Schrems gegen das beliebte Freunde-Netzwerk vor Gericht.

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Wien - Weihnachtszeit ist Spendenzeit. Auch Max Schrems ruft seit heute zu einer Spendenaktion auf. Nicht für Afrika, nicht für den Bau von Schulen - sondern für mehr Datenschutz im Internet. Der Wiener Jura-Student macht das, was noch kein Datenschützer vor ihm gewagt hat: Er zieht gegen Facebook vor Gericht!

Vor eineinhalb Jahren hatte Schrems den Multi-Milliarden-Dollar-Konzern dazu gezwungen, ihm eine Daten-CD mit sämtlichen Informationen auszuhändigen, die der Internet-Riese über ihn gespeichert hatte. Das Ergebnis: Über 1200 Schreibmaschinen-Seiten, die sich in gerade mal drei Jahren Mitgliedschaft angehäuft hatten. Darunter auch Fotos und Nachrichten, die der 25-Jährige schon lange gelöscht hatte.

Anhand der Rohdaten gelang es dem Studenten, Facebook teils gravierende Datenschutzverstösse nachzuweisen. Schrems erstattete Anzeige in 22 Fällen. Das ist möglich, weil das Freunde-Netzwerk seine internationale Konzernzentrale in Irland hat.

Damit spart der US-Konzern jede Menge Steuern, fällt dafür aber unter EU-Recht. "Entscheidend ist der Firmensitz, nicht der Wohnort der Nutzer", so Schrems. Doch statt die Vorwürfe des Österreichers juristisch zu verfolgen, liess sich die für Facebook zuständige irische Datenschutzbehörde auf einen Deal ein. In zwei "Audits" wurde Facebook die Möglichkeit eingeräumt, seinen Datenschutz freiwillig nachzubessern. Im September legte die Behörde ihren Abschlussbericht vor. Das Ergebnis: Facebook habe die "Empfehlungen" der Kommission zur "vollsten Zufriedenheit" erfüllt.

Facebook biete seinen Nutzern jetzt die Möglichkeit, seine Daten selbst herunterzuladen. "Eine Farce", sagt Schrems. Die Dateien, die man auf diesem Wege erhält, seien nur ein Bruchteil dessen, was der Konzern tatsächlich über einen gespeichert habe. Hinzu kommt, dass der Konzern auch nach wie vor Daten über Personen sammelt, die gar nicht bei Facebook angemeldet sind.

Auch die Aussage, dass Facebook die automatische Gesichtserkennung für die EU vorübergehend abgeschaltet habe, hält Schrems für eine Nebelkerze. "Wie soll denn das technisch bitteschön funktionieren, wenn beispielsweise ein Schweizer Staatsbürger das Foto eines EU-Bürgers hochlädt?"

Schrems vermutet wirtschaftliche Interessen hinter diesem wachsweichen Kompromiss. Nicht nur Facebook hat auf der grünen Insel seinen internationalen Firmensitz, sondern auch Google, Apple oder Dell. Irland sei abhängig von diesem IT-Sektor, so Schrems, es gehe um Tausende von Jobs. "Kein Politiker hat Interesse, in dieses Wespennest hinein zu stechen."

Hinzu kommt, dass die Datenschutzbehörde, die mitten in der irischen Pampa im Gebäude eines Supermarktes untergebracht ist, hoffnungslos überfordert zu sein scheint. 21 Mitarbeiter müssen sich mit den Beschwerden über Facebook aus der ganzen Welt herumschlagen. Unter ihnen kein einziger Jurist.

Max Schrems, der vergangene Woche seine letzte Jura-Prüfung abgelegt hat, will es jetzt wissen: Für den Fall, dass die irische Datenschutzbehörde seine Anzeigen endgültig fallen lässt, will er mit seinen Mitstreitern von der Organisation "Europe versus Facebook" in Irland vor Gericht ziehen. Mindestens 100 000 Euro werde das kosten, haben seine Anwälte ihm vorgerechnet. Viel Geld für einen Studenten, der für den Fall, dass die Sache schiefgeht, mit seinem Privatvermögen haftet.

Deshalb haben Schrems und seine Mitstreiter im Internet eine Crowdfunding-Plattform eingerichtet, über die er weltweit um Spenden bittet. Unter www.crowd4privacy.org können Facebook-Nutzer, aber auch besorgte Eltern Geldbeträge ab einem Euro beisteuern. "Wenn nur 5000 Leute 20 Euro spenden, haben wir eine echte Chance." Sollte die Klage aus irgendwelchen Gründen nicht zustande kommen, bekomme jeder Spender sein Geld zurück.

Die Klage des Wiener Studenten könnte weitreichende Konsequenzen für die Datenschutzbestimmungen weltweit, nicht nur in Bezug auf Facebook haben. Irland übernimmt 2013 den Vorsitz der EU-Ratspräsidentschaft. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem die 17 Jahre alte EU-Datenschutzverordnung reformiert werden soll.

Das Verfahren, auf das sich Schrems jetzt vorbereitet, könnte aber noch ganz andere Folgen haben. Vorstellbar wäre auch ein Musterprozess wie einst gegen Microsoft. Im Zuge mehrerer Kartellverfahren wurde der Software-Gigant von Brüssel zu Zahlungen von insgesamt 1,6 Milliarden Euro verdonnert.

Schrems hofft, dass bis zum Frühjahr genug Geld für seine Klage gegen Facebook zusammen kommt. "Wenn's nicht klappt, will ich zumindest sagen können, ich hätte alles probiert." Das Schicksal scheint es gut zu meinen mit dem smarten Wiener. Unmittelbar nach dem AZ-Gespräch erfährt Schrems das Ergebnis seines Jura-Examens: bestanden.