Münchner Stadtmuseum Der Fotograf Adolphe Braun

Der Aletschgletscher, fotografiert um 1860. Foto: Stadtmuseum

Eine Schau! Mit dem Franzosen Adolphe Braun entdeckt das Stadtmuseum einen der einflussreichsten Fotografen der Frühzeit und einen kreativen Unternehmer

Diese Hände kennt jeder. Gottvater tippt den Finger Adams an, um so seinen ersten Menschen zum Leben zu erwecken. Dass dieses Detail aus Michelangelos Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle seit 150 Jahren um die Welt geht und nicht mehr nur Kunstexperten und Vatikanpilgern vorbehalten ist, hat auch mit einem cleveren Franzosen zu tun: Adolphe Braun (1812-1877). Der umtriebige Mann aus dem Elsass zählt zu den einflussreichsten Fotografen des 19. Jahrhunderts. Er schuf ein regelrechtes Imperium und unterhielt Dependancen in Paris und New York. Dass Braun heute nur mehr den Kennern des Metiers ein Begriff ist, gehört zu den Kuriositäten der Lichtbildgeschichte.

Denn wer im Stadtmuseum die fabelhaft geratene und zugleich erste Überblicksschau im deutschsprachigen Raum besucht, kommt aus der Verwunderung nicht so recht heraus. Adolphe Braun hatte nicht nur ein ungemein breites Repertoire, bei dem es dann sehr wohl in die Tiefe ging, er war auch experimentierfreudig wie kein anderer.

In den Bergen und in Ägypten

Diesem Macher „mit der Energie von zehn gewöhnlichen Sterblichen“ und seinen Söhnen Gaston, Henri und Fernand schienen keine Mühen zu viel. Egal, ob es hinauf zu den Gipfeln der Schweizer Berge ging oder ins ferne Ägypten zur Eröffnung des Suezkanals. Braun brachte die Welt in die Salons und Stuben der Bürger, die begierig seine Ansichten vom Matterhorn oder der neuen Gotthardbahn erstanden, vom Straßburger Münster und von Mülhausen, das er – äußerst geschäftstüchtig – gleich im 1,30 Meter breiten Panorama anbot. Dabei begann Braun ganz bescheiden mit Blumen. Die hat der gelernte Stoffdesigner in eindrucksvollen Kompositionen fotografiert, und mit einer Auswahl von 300 Bildern gelingt ihm 1855 in Paris auf der Weltausstellung sofort der Durchbruch.

Ohnehin lebt Mitte des 19. Jahrhunderts das Stillleben wieder auf. Braun trifft damit also auch einen Nerv der Zeit und widmet sich parallel gleich noch den für die Fotografie eher ungewöhnlichen Jagdarrangements. Der Aufwand ist immens, mächtige Glasplatten kommen zum Einsatz, teilweise wird bis zu 30 Minuten lang belichtet. Doch am Ende ist eben auch jedes Hasenfellhärchen und jeder Federflaum zu sehen. Dabei liegt die Erfindung der Daguerreotypie gerade mal zwanzig Jahre zurück. Von Anfang an werden die Aufnahmen nicht nur als technische Errungenschaft betrachtet, sondern genauso in ihrem künstlerischen Wert diskutiert. Fotografenkollegen wie Antoine Claudet wissen zwar, dass sie die Maler weder vom Thron stoßen, noch deren Platz einnehmen können, dafür haben die Künstler längst das Potenzial der neuen Bilder erkannt.

Braun bedient auch hier den Bedarf. Besonders die Tiermaler sind spitz auf die akkuraten Vorlagen à la nature. So malt etwa die Französin Rosa Bonheur Brauns Pferde, während Anton Braith aus dem schwäbischen Biberach vor allem die Kühe schätzt, die der Nebenerwerbslandwirt in Dornach vor seiner Haustür ablichtet.

Malerei und Fotografie

In der Münchner Ausstellung kann man die Gemälde nun mit den entsprechenden Fotografien vergleichen. Übrigens auch in einem ganz prominenten Fall: Gustave Courbet besaß nicht nur zahlreiche Aktfotografien, die in seine Arbeiten eingeflossen sind, er laborierte auch mit Landschaftsaufnahmen – beispielsweise des Genfer Sees mit dem mittelalterlichen Schloss Chillon. Und nun hängen Brauns Kohledrucke dieser touristisch attraktiven Idylle von 1862 und Courbets zwölf Jahre später entstandenes Ölbild fast konspirativ nebeneinander. Von einer Anregung des Malers zu sprechen, ist im Grunde untertrieben.

Es läuft großartig für „ Ad. Braun et Co.“, seit 1861 sind mehrere gut ausgebildete Fotografen gleichzeitig unterwegs, die innerhalb weniger Jahre Tausende von Aufnahmen der Alpen liefern. Die Expeditionen sind gefährlich und anstrengend, denn nicht nur Kameras, sondern auch Chemikalien und ein Entwicklungszelt müssen mit hinauf. Hundert Kilo kommen leicht zusammen, und wenn das Wetter nicht mittut, ist alles vergebens. Aber gerade die Ansichten aus der Schweiz sind auf dem Markt heiß begehrt und so überaus präzise, dass sie heute als Beweismaterial für den Rückgang der Gletscher dienen.

Auch Ludwig II. kaufte seine Bilder

Schon zu Lebzeiten waren Braun und seine Leute als Chronisten gefragt. Direkt nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 sollten neben den wichtigsten Gefechtsorten auch die zerstörten Gebäude und damit das Trauma Frankreichs dokumentiert werden. Vieles in Paris hat seinerzeit an antike Ruinen erinnert und wurde damit auch schon wieder als Motivvorlage für Künstler interessant. Ansonsten herrschte Eiszeit zwischen den Ländern. Ludwig II., dem der Krieg sowieso ein Gräuel war, scherte sich freilich nicht um solche Feindseligkeiten. Er verehrte den Sonnenkönig Ludwig XIV. und sah in der Kunst und Architektur des Ancien Régime das Nonplusultra. Dass der bayerische Monarch seit 1872 im intensiven Austausch mit Adolphe Braun stand und minuziöse Aufnahmen etwa von Schloss Versailles bestellt hat, ist erst seit kurzem bekannt.

Ulrich Pohlmann, der Leiter der Fotografiesammlung im Stadtmuseum, stieß bei seinen Recherchen auf die Korrespondenz sowie ausladende Konvolute mit Braunschen Abzügen. Bislang hatte man lediglich das Ergebnis dieses Kulturimports vor Augen – auf Herrenchiemsee und Schloss Linderhof.

In der Sixtina

Sieht man vom Börsengang einmal ab, der das Unternehmen mit seinen zeitweise über 100 Angestellten für ein paar Jahre in die Schieflage gebracht hat, dann gelang den Brauns einfach alles. Und das in höchster Qualität. Am erfolgreichsten waren diese ersten Globalplayer der Fotografie allerdings mit der Reproduktion von Kunstwerken. Über 30 000 Objekte wurden erfasst, und man ist heute noch verblüfft vom exquisiten Pigmentdruck, der Dürers Radierung eines „Alten Mannes“ wiedergibt, und natürlich von all den Michelangelos, die in Florenz und 1868/69 in der römischen Sixtina aufgenommen wurden.

Um den Fresken möglichst nahe zu kommen, haben Brauns Fotografen auf einer vier Meter hohen Fahrbühne gearbeitet, und um die Kollodium-Nassplatten sofort entwickeln zu können, musste – wie in den Bergen – auch die Dunkelkammer mit nach oben.

Dagegen waren die Aufnahmen der Venus von Milo im Louvre bequemer. Zumindest vordergründig. Denn die hellenistische Schönheit, die jetzt im warmen Sepia-Ton von der Wand schimmert, wurde auf ein 1,30 Meter hohes Glasplattennegativ gebannt. Auch das sprengt bis heute die üblichen Dimensionen.

„Adolphe Braun. Ein europäisches Photographie-Unternehmen und die Bildkünste im 19. Jahrhundert“, bis 21. Januar im Stadtmuseum, Katalog (Schirmer/Mosel) 39,80 Euro

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