Münchner Philharmoniker Paul Müller über das Gastspiel in New York und hiesige Konzertsaal-Sorgen

Paul Müller. Foto: dpa

Konzerte mit Schubwirkung: Warum Gastspiele für Orchester so wichtig sind

Die Liste der Chefdirigenten lässt sich sehen: Sergiu Celibidache, James Levine, Lorin Maazel und Christian Thielemann haben hier in den letzten Jahrzehnten den Ton angegeben. Die Münchner Philharmoniker sind ein internationales Spitzenorchester, dessen Führung man gerne übernimmt. Seit 2015 hat nun der Russe Valery Gergiev das Amt des Chefdirigenten übernommen. Mit Erfolg – wie die Gastspiele des Orchesters in New York und Newark letzte Woche wieder gezeigt haben.

AZ: Herr Müller, Konzerttourneen wie die in die USA sind aufwendig und teuer. Was bringen sie?
PAUL MÜLLER: Das Stichwort lautet Reputation. Wenn man in der Spitzenklasse der Orchester mitspielen will – und ich glaube, das ist der Anspruch, den die Münchner Philharmoniker immer hatten und haben –, muss man an gewissen internationalen Orten präsent sein. Wir waren gerade in der Carnegie Hall in New York zu Gast, die zu den 5 bis 10 wichtigsten Konzertsälen der Welt gehört.

Es gibt auch Konkurrenz in München, gegen die man sich durchsetzen muss.
Ja. Deswegen brauchen Sie, um ein Spitzenorchester zu sein, auch Spitzenmusiker. Und was die Ressourcen betrifft, so ist die Nachfrage nach diesen Topleuten viel größer als das Angebot.

Was kann man dagegen tun?
Es geht um Internationalität. Es genügt nicht, wenn man nur Musiker aus unserem Land engagiert. Das ist unrealistisch und funktioniert nicht. Sie brauchen für eine Tournee und die Reputation als Spitzenorchester ein Image, das sich international auf höchstem Niveau bewegt. Es gibt die berühmten Rankings, von denen man halten mag, was man will, aber man sollte in ihnen vorne positioniert sein. Es gibt den CD-Vertrieb und -verkauf. Es gibt die Streaming-Aktivitäten und die Sozialen Medien. All dies muss zusammenpassen und zeigt die Bedeutung von solchen Rankings.

Zahlen sich Tourneen damit auch finanziell aus?
Das ist eine schwierige Frage. Denn wie wollen Sie das in harten Dollars oder Euros messen?

Aber was bringen Tourneen einem Orchester?
Orchester sind emotionale Wesen, die gleichzeitig eine sehr hohe Professionalität haben müssen. Und wenn ein Orchester z. B. an einem Ort wie der Carnegie Hall spielt, dann spürt es eine andere Stimmung oder Atmosphäre.

Eine Tournee gibt einem Orchester und seinem Chefdirigenten also einen Schub.
Das hat qualitative Auswirkungen. Wer seine musikalische Qualität auf einem hohen Niveau halten oder erweitern will, der muss aus seinem vertrauten Terrain heraus. Das ist ein altes Lied. Denn wenn ein Orchester sich nicht auf der internationalen Bühne bewegt, begrenzt es seine Möglichkeiten, wahrgenommen zu werden. Das wirkt sich auch direkt auf das aus, was ein Orchester bietet. Darum sind Tourneen wichtig.

Valery Gergiev ist seit der Spielzeit 2015/16 Chefdirigent. Auf welche Weise macht sich seine künstlerische Handschrift bemerkbar?
Gleich nach seiner Berufung stand eine dreiwöchige Asientournee an – was dazu geführt hat, dass er und das Orchester sich sehr gut kennengelernt haben. Wer ihn bei den Proben beobachtet, der wird feststellen, dass er vornehmlich am Phänomen Klang arbeitet. Das ist sein Weg und erinnert die Ensemblemitglieder nach ihrer eigenen Aussage an die Zeit unter Sergiu Celibedache. Das ist ein großes Lob, denn die großen Orchester sind sich – bei steigender Qualität – ähnlicher geworden. Umso wichtiger ist es, dass man ein eigenes Klangbild und -profil hat. Aber es genügt nicht, dieses nur zur erhalten, man muss es weiterentwickeln. Und das hat der Maestro bisher auf exemplarische Weise gemacht, auch wenn er noch nicht am Ziel, sondern erst am Anfang ist.

Er verfolgt also eine bestimmte Vorstellung, ein Konzept.
Er hat ein sehr klares Ziel, das er erreichen will. In dieser Hinsicht ist er kompromisslos. Valerie Gergiev hat seinen eigenen kulturellen Hintergrund, und seine Wege sind manchmal anders und für uns ungewohnt. Aber entscheidend ist und bleibt, mit welchem Respekt und welcher Achtung er mit den Musikern umgeht – bei gleichzeitiger Kompromisslosigkeit. Genau das brauchen wir, um uns in diesem Metier behaupten zu können.

Zu den Neuerungen unter Gergiev gehört auch die Entwicklung eines eigenen Labels – des MPhil. Was versprechen Sie sich davon?
Das ist einfach genial. Wir machen das jetzt seit zwei Jahren, und zwar mit einem sehr guten Distributionspartner, nämlich Warner. Um in diesem Bereich erfolgreich zu sein, braucht man ein gut funktionierendes logistisches Netzwerk. Ob wir etwas aufnehmen oder nicht – wie etwa die 2. und 4. Symphonie von Gustav Mahler oder „Ein Heldenleben“ von Richard Strauss –, sprechen wir mit Warner ab. Denn Markteinschätzungen sind wichtig. Die Zahlen, die wir bislang mit unserem eigenen Label erreicht haben, sind positiv.

Aber die Bedeutung von CDs und Tonträgern hat sich insgesamt verändert.
Richtig. Trotzdem ist dieser Markt immer noch bedeutend, und ihn zu ignorieren, wäre ein kapitaler Fehler. Außerdem weiß man nie, ob die Dinge sich nicht wieder drehen. Wir sind sehr aktiv im Bereich der Streaming Media. So wurde zum Beispiel das 2. Konzert aus der Carnegie Hall live auf Medici übertragen und ist jetzt online verfügbar. Man ist in den Sozialen Medien in einem sehr selektiven Bereich unterwegs, der immer kleinteiliger wird. Doch hat es natürlich keinen Sinn, sich gegen die Zeichen der Zeit zu stellen.

All diese Bemühungen werden nicht fruchten, wenn die vom Stadtrat gebilligte Gasteig-Sanierung ab 2020/21 nicht zügig umgesetzt wird. Was halten Sie von einer Interimslösung aus Holz in Riem?
Die Standortsuche für eine Interimslösung ist im Gange und noch nicht abgeschlossen. Gewiss wird das Ergebnis kein Wunschkonzert sein, weil die Immobilienlage in München dafür zu schwierig ist. Aber es muss jetzt noch einmal genau untersucht werden, welche Spielstätten als Ausweichquartier zur Verfügung stehen. Gleichwohl bin ich froh, dass es Riem überhaupt gibt. Damit haben wir immerhin etwas in der Hand.

Wäre eine zentraler gelegene Spielstätte nicht besser?
Die Formel, je zentraler die Ausweichstätte liegt, desto besser ist sie auch, ist simpel und richtig. Dem wird niemand widersprechen. Aber die Konzertsäle wachsen nicht in den Himmel, und man muss sich nach dem richten, was machbar ist. Gut ist auf alle Fälle, dass Valery Gergiev in diese Angelegenheit sehr involviert ist. Er steht in regem Austausch mit den Münchner Politikern und dem Oberbürgermeister.

Andreas Schessl, Münchens größter Klassik-Konzertveranstalter, hat gesagt, dass Riem für ihn nicht infrage komme, weil es zu weit draußen liege.
Andreas Schessl und ich haben ein sehr gutes Verhältnis zueinander, und ich mische mich hier auch nicht ein. Es gibt in solchen Fragen immer unterschiedliche Aspekte, und das Ideal einer eierlegenden Wollmilchsau ist hier unrealistisch. Ich wehre mich nur dagegen, dass etwas kaputtgeredet wird, bevor es eine entsprechende Alternative dazu gibt.

Die Riemer Interimslösung aus Holz soll 40 Millionen kosten. Dagegen gibt es Widerstand.
Das ist viel Geld. Aber wenn wir für 3 bis 5 Jahre – Verzögerungen bei einem Bauvorhaben dieser Größenordnung sind an der Tagesordnung – aus dem Gasteig heraus müssen und keine hochwertige Spielstätte zur Verfügung haben, wird sich das rächen. Denn es ist fraglich, ob Besucher, die aus Neugier von einem Interimssaal angelockt werden, wiederkommen werden, wenn dieser qualitativ nicht hält, was er in Sachen Akustik und Attraktivität versprechen muss.

Werden Sie trotz des Gasteig-Umbaus Valery Gergiev halten können?
Valery Gergiev ist, wie bereits erwähnt, tief involviert in die ganze Geschichte. Er selbst hat gesagt, dass 3 Jahre Umbauzeit psychologisch vertretbar sind und jedes weitere Jahr ein erhebliches Problem darstellt. Da die bestehenden Untersuchungen zur Sanierungsfrage allerdings noch nicht auf konkreten Planungen basieren, hoffen wir, dass sich zu unseren Gunsten noch etwas ändern wird. Und dafür werden wir kämpfen. Wir kämpfen hier ja nicht um unser Privatvergnügen, sondern um die Chance, diese Zeit möglichst schadlos und gut zu überstehen.

An der Seite von Valery Gergiev.
Gott sei Dank ist er da! Er ist jemand, der in einer solchen Zeit der Ungewissheit – Ungewissheit nicht nur für die Abonnenten, sondern auch für die Musiker – die Moral hochzuhalten vermag. Er verfügt über genug strategische Erfahrung, um diese Situation meistern zu können, und ist genau der Richtige für diese schwierige Situation.

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