Gidon Kremer greift regimenahe Kollegen wie Valery Gergiev an – bei den Münchner Philharmonikern wird er zukünftig wohl nicht mehr eingeladen

Unter Christian Thielemann gastierte er regelmäßig beim Orchester der Stadt. Gidon Kremer spielte Schnittke, Gubaidulina, aber auch Robert Schumanns Violinkonzert. Damit dürfte es nun vorbei sein: Denn Kremer hat regime-nahe russische Musiker wie Anna Netrebko, Yuri Bashmet und den künftigen Philharmoniker-Chef Valery Gergiev scharf angegriffen.

In einem Interview mit der Zeitung „Die Welt“ erklärt Kremer, er mache sich große Sorgen, „dass in Russland immer mehr normale Freiheiten, etwa das Recht auf freie Meinungsäußerung oder die Kunstfreiheit, eingeschränkt werden“. Er kritisierte – ohne selber Namen zu nennen – prominente Kollegen, die sich als Patrioten bezeichneten, das herrschende Regime aber mehr aus Opportunismus unterstützten. Dafür habe er „kaum Verständnis“.

Kremer fügte zwar abschwächend hinzu, er wolle „niemanden aus der Ferne verurteilen“. Anna Netrebko und Gergiev gehörten einem Prominentenkomitée an, das Putins Präsidentschaftskandidatur unterstützte. Gergiev sagte über seinen „Freund“: „Wenn Sie Putin mit Jelzin vergleichen, ist er ein wirklicher Demokrat.“ Der ehrte ihn anlässlich der Eröffnung des St. Petersburger Zweit-Opernhauses mit dem neuerdings wieder verliehenen Ehrentitel „Held der Arbeit“ aus der Stalinzeit.

Kremer will im November mit einem „To Russia with Love“ betitelten Konzert auf die schwierige politische Situation in Russland aufmerksam machen. Martha Argerich, Daniel Barenboim, Khatia Buniatishvili und Nicolas Altstaedt wirken mit. Auf dem Programm steht unter anderem das Stück „Engel der Trauer“, das der georgische Komponist Giya Kancheli für den inhaftierten Unternehmer Mikhail Chodorkowski geschrieben hat.

Gergiev hat erst Ende Juni in einem Konzert von Musikern seines St. Petersburger Mariinski-Orchesters und der Münchner Philharmoniker Gustav Mahlers Fünfte dirigiert und das deutsch-russische Jahr gefeiert. Als Dirigent ist seine Reputation beachtlich. Aber seine Nähe zu Putin kann sich für die Stadt und ihr Orchester noch als politischer Bumerang erweisen.

Noch ein paar Repressionsmaßnahmen des Regimes mit Verhaftungen und Arbeitslager wie nach der Aktion von Pussy Riot in der Erlöserkathedrale – und die Münchner Philharmoniker haben ein gewaltiges Image-Problem. Auf Kremer verzichten muss München nicht: Private Veranstalter haben ihn im Angebot. Im März 2014 gastiert er mit der Kremerata im Herkulessaal.