Münchner Philharmoniker Kirill Karabits springt ein

Der Dirigent Kirill Karabits. Foto: Askonas Holt

Kirill Karabits springt bei den Philharmonikern fulminant für den kranken Alan Gilbert ein

Ein heikel zu balancierender Zwitter zwischen Symphonie und Violinkonzert, eine in Extremen schwelgende Ballett-Suite und ein vermittlungsbedürftiges Stück Neuer Musik: Das französische Programm, das Kirill Karabits, der junge Chefdirigent in Weimar, mit reduzierter Vorbereitungszeit von Alan Gilbert im Gasteig übernahm, hat es in sich.

Umso beachtlicher, wie absolut professionell der gebürtige Ukrainer es mit den Münchner Philharmonikern realisiert. Besonders in Édouard Lalos „Symphonie espagnole“ geht es darum, dem Orchester zu seinem eigenen Recht zu verhelfen, ohne den Solisten einzuschränken. Nicht, dass sich Augustin Hadelich nicht selbst behaupten könnte. Doch er agiert auch in einem solchen blendenden Virtuosenstück mit einer Diskretion und einer anmutigen Ernsthaftigkeit, die unmittelbar für ihn einnimmt, ihn aber auch etwas schutzbedürftig erscheinen lässt.

Bitte wieder einladen

Technische Makellosigkeit demonstriert der Deutsch-Italiener und amerikanische Staatsbürger nebenbei. Hörbar interessiert ihn die kunstvoll spröde behandelte Mittellage der Stradivari. Stark konzentriert er sich auf das Timing, die schlafwandlerische Kommunikation mit den Philharmonikern. Wiewohl Karabits den Streicherkörper kräftig anspannt, könnten beide Parteien ab und zu mehr Nachdruck ausüben, um das Profil des Soloparts noch zu schärfen sowie die Holzbläser entschlossener zu akzentuieren.
Doch das sind Kleinigkeiten.

Sowohl Hadelich als auch Karabits sollten bei nächster Gelegenheit wieder eingeladen werden, weil sie sich mit ausgeprägtem Feinsinn und Phantasie in die Musik wirklich hineinversetzen. Am Dirigenten liegt es jedenfalls nicht, wenn „Le Cycle des Gris“ (2002/04) von Bruno Mantovani nicht viel hergibt. Der 1974 geborene Franzose enttäuscht hier mit seiner unmotivierten und lustlosen Handhabung der Tonhöhen, sinnlosen Taktwechseln, die Karabits freilich präzise vorgibt, sowie einer wenig pointierten Formgebung. Zudem kann er kaum etwas mit den Violinen anfangen – warum lässt er sie dann nicht einfach weg? Das sind zu viele Mankos für so ein kurzes Stück.

Mit überlegen klaren Gesten spannt Karabits hingegen den Horizont der beiden Suiten aus Maurice Ravels Ballett „Daphnis & Chloé“ auf zwischen üppiger, doch differenziert vorgestellter Breitwandigkeit und rhythmischer Prägnanz in den Tanzepisoden; die drei philharmonischen Flöten treten auf wie eine einzige – Chapeau! Den französischen Zungenschlag dieses Programms hätten die Münchner Philharmoniker nicht besser treffen können als unter dem polyglotten Karabits.

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