Susanne Kennedy legt Marieluise Fleißers „Fegefeuer in Ingolstadt“ lahm und erntet einen Buhsturm in den Kammerspielen

Letztlich ist diese Aufführung ein Fake. Der Ton ist Voll-Playback: Kompliment an den Sounddesigner Richard Janssen. Die Schauspieler, die dazu Sprechen mimen müssen, stehen wie ausgestopfte Zweibein-Tiere starr glotzend herum, dürfen ab und zu Kopf und Hand bewegen sowie gar – Extrem-Action! – einige Schritte gehen oder umfallen. Wenn man das auf Video zeigte, hätten die bedauernswerten Darsteller einen freien Abend, und die Zuschauer dann auch, weil sie schnell flüchten könnten, ohne zu stören.

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Denn das trauten sich in der Kammerspiele-Premiere „Fegefeuer in Ingolstadt“ nur wenige: Das Münchner Publikum ist erstaunlich geduldig und leidensfähig. Erst nach 90 Minuten, kurz vor Schluß löste die sich immer schriller hochschraubende Endloswiederholung einer Litanei Gelächter und einen Buh-Chor aus.

Was allerdings die Regisseurin Susanne Kennedy (35) an diesem 1926 in Berlin uraufgeführten Erstlingsdrama von Marieluise Fleißer interessierte, wüsste man doch zu gern. „Eine Zustandsbeschreibung“, behauptet Kennedy im Programmheft. Aber wessen Zustand? Von der bigotten, dumpfen Kleinstadt-Enge, die Fleißer als 22-jährige Ingolstädterin 1924 beschrieb, ist nichts zu spüren in dem leeren weißen Zimmer mit flackerndem Licht (Bühne: Lena Müller), in dem sich allenfalls mal ein Fenster öffnet und unerwartet ein Tisch auftaucht.

Es ist wohl mehr der Zustand einer Theatermacherin, die vor dem Stück kapituliert. Es gehe um das „Rudelgesetz und die Ausgestoßenen“, sagte die Fleißer. Ausgestoßen stehen hier alle steif rum und glupschen doof ins Publikum. Die sitzengelassene Olga (Cigdem Teke) trägt einen dicken Bauch unterm gerade noch schambedeckenden Mini, ihre eifersüchtige Schwester Clementine (Anna Maria Sturm) stöckelt im Kürzest-Kleidchen auf High Heels mit roten Louboutin-Sohlen einher (Kostüme: Lotte Goos). Der religiöse Fanatiker Roelle wird von Mitschülern nur verachtet und verspottet: Er erpresst die attraktive Olga wegen ihres Abtreibungsversuchs zu Liebesdiensten, will sich öffentlich zum Messias stilisieren und wird zu Hause von Mama wie ein Baby gefüttert.

Christian Löber muss Roelles Heilands-Posen diabolisch grinsend in Unterwäsche durchstehen und dazwischen mal „Sensation“ aus dem The-Who-Musical „Tommy“ winseln. Die schon bei Fleißer unheimlichen, undurchschaubaren Spione und Rudel-Lautsprecher Protasius (Marc Benjamin) und Gervasius (Edmund Telgenkämper) sind hier ein debiles Komiker-Duo. Olgas Vater (Walter Hess) fällt gelegentlich epileptisch um, und dass die arme Heidy Forster (wir kennen sie als wunderbare Schauspielerin) als dauerbetende Mutter Roelle in die Maske der Fleißer gesteckt wurde, ist eine postume Verunglimpfung der Autorin.

Kennedy hält ihre Stilisierung nicht mal durch: Plötzlich wird am Tisch realistisch getrunken und gegessen, und Clementine muss in High Heels auch noch stumm staubsaugen. Fast am spannendsten sind die Szenenwechsel, die oft länger dauern als die Bilder: Lichtblitz, dann Blackout mit nervigem Kurzschlussgeräusch. Danach stehen die Schau-Steller (Spieler kann man sie nicht nennen) an immer neuen Plätzen, und plötzlich ist eben auch ein Tisch da.

Aber was erzählt das heute über Marieluise Fleißer, auf die als wichtige Dramatikerin der Kammerspiele-Geschichte im 100. Jubiläumsjahr neu geblickt werden sollte? Von der Ausbildung her stammt die Deutsche Susanne Kennedy aus dem niederländischen Künstler-Stall von Johan Simons. Es spricht für die Toleranz des Intendanten (sowie für fehlende Auf- und Einsicht seiner Dramaturgen), so eine Inszenierung herauskommen zu lassen. Ob das dem Haus einen Gefallen tut?

Kammerspiele, weitere Aufführungen: 12., 17., 24. 2.; 4., 15., 30. März, 233 966 00