Münchner im Porträt Yoga-Lehrer Patrick Broome: Guru a.D.

„Hallo, ich bin Patrick“: Broome empfängt die AZ in seinem Studio am Amiraplatz. Foto: Daniel von Loeper

Patrick Broome (45) ist mit Philipp Lahm & Co. in Brasilien Weltmeister geworden - als Yoga-Lehrer. Er hat eine Krebserkrankung überstanden und nebenbei auch noch "München vegetarisiert", wie er selbst sagt. Die AZ hat ihn besucht.

Altstadt - Er steht im Eingangsbereich des Luitpoldblocks am Amiraplatz 3 und telefoniert. Die Menschen, die draußen vorbei eilen, tragen den Look des geldigen München und angespannte Gesichter. Er hat an diesem Tag einen dunklen Rollkragenpulli und Jeans an, die blonden Haare zum Zopf geknotet. Ein bisschen müde sieht er aus, aber auch ziemlich gelassen. Läuft schließlich gerade alles ganz gut für Dr. Patrick Broome (45), den bekanntesten Yoga-Lehrer Deutschlands.

Anfang Oktober hat er hier in der ersten Etage des Gebäudes im noblen Briennerviertel sein neues, lichtdurchflutetes Yoga-Studio eröffnet. Ende September kam sein Buch „Mit Yoga leben: Im Hier und Jetzt mit achtsamen Yoga- und Meditationsübungen“ auf den Markt. Und ab Donnerstag läuft „Die Mannschaft“ bundesweit im Kino an, der Film über die Fußball-Helden von Brasilien.

Eigentlich hätte er gern einen deutschen Pass: Macht’s einfacher

Patrick Broome war bei der WM dabei, als Ober-Yogi von Jogis Jungs. Hat mit Philipp Lahm & Co. Heldenhaltungen und herabschauende Hunde geübt – und ganz nebenbei Yoga Menschen und Kreisen nähergebracht, die der alten indischen Weisheitslehre bisher ungefähr so viel abgewinnen konnten wie Torhüter einem Elfmeter.

„Hallo, ich bin Patrick“, stellt er sich vor in seiner Wirkstätte, die er vorläufig „Patrick Broome Yoga Studio“ genannt hat. Er spricht seinen Namen amerikanisch aus, mit ä statt a. Klar, Broome ist Amerikaner, hat (noch) keine deutsche Staatsbürgerschaft. Er denkt aber darüber nach, sie zu beantragen. „In manche Länder reist man einfach lieber mit einem deutschen Pass ein“, sagt er.

Broome wurde in Kulmbach als Sohn einer Deutschen und eines Amerikaners geboren. Die Familie zog nach Kalifornien, als er gerade ein paar Monate alt war. Fünf Jahre später ging es zurück nach Nürnberg, wo er zehn Jahre lebte, bevor die Reise weiterging, nach Köln. Er blieb bis zum Abitur.

Fürs Studium, Psychologie, zog er nach Frankfurt, später nach München, wo er promovierte und die Stadt in sein Herz schloss. Trotzdem und bei aller Liebe: Er ging nochmal weg, wieder USA, diesmal New York. Machte eine therapeutische Ausbildung und traf auf ein schillerndes Künstlerpaar, das in New York einen ganz eigenen Yoga-Stil kreiiert hatte, den sogenannten Jivamukti-Yoga, was etwas lapidar übersetzt „Yoga der im Diesseits befreiten Seele“ bedeutet.

Zu Sharon Gannon und David Life, so heißen die beiden, kamen Sting und Madonna in den Unterricht und jetzt eben auch Patrick Broome. Mit Yoga hatte er bereits in München erste Erfahrungen gemacht. Doch Jivamukti war das pure Gegenteil dessen, was er bisher kannte. Action statt Askese. Dynamische, schweißtreibende, auch akrobatische Übungsfolgen, dazu laute Musik, garniert mit alltagstauglicher, leicht verständlicher Yoga-Philosophie. „Ich habe mich sofort in die Methode verliebt, in meine Lehrer nicht so“, erzählt er. Er ließ sich von den beiden ein Jahr lang ausbilden und ging dann zurück nach München. Im Gepäck hatte er diesen neuen, hippen Yoga-Stil aus den USA, den er, wie er sagt, so toll fand, dass er ihn allen zeigen wollte. Und er hat ihn allen gezeigt. Broome darf heute behaupten: „Ich habe Jivamukti als erster nach München, Europa und in die Welt gebracht.“ Dass Yoga heute nicht mehr als reiner Selbstfindungstripp und Reise nach Innen verstanden wird, sondern auch im Außen fröhlich und gewinnbringend als Lifestyle zelebriert wird, daran ist der promovierte Psychologe nicht ganz unschuldig.

Seine ersten Stunden gab er im „Leo’s“ in der Leopoldstraße, um 21:15 Uhr abends. Bei der Erinnerung daran muss er lachen. „Das war der Wahnsinn, ich würde heute so nicht mehr unterrichten. Aber die Leute haben es geliebt.“

Acht Jahre mit Jogis Jungs – die mag er einfach

Die Jivamukti-Gemeinde wuchs schnell. „Wir waren eine tolle Community mit spannenden Leuten“, sagt Broome. Und weil diese Leute fleischfrei aßen und in Cafés Soja-Milch verlangten, behauptet Broome jetzt einfach mal: „Wir haben München vegetarisiert.“

2003 eröffnete er sein erstes eigenes Jivamukti-Studio in der Schellingstraße. Später kam, zusammen mit Gastro-Größe und Neu-Jivamukti Michi Kern (48) und weiteren Partnern, noch ein Studio im Glockenbachviertel dazu. Über die Münchner Szene hinaus wurde Patrick Broome aber erst bekannt, als er 2006 Yoga-Lehrer der Fußball-Nationalelf wurde. Deren Manager Oliver Bierhoff war zu ihm in den Unterricht gekommen. „Ich dachte mir, das wär’s doch, wenn die Fußballer Yoga üben würden“, sagt Broome.

Bierhoff sah das ähnlich und hatte in Jürgen Klinsmann einen, wie Broome sagt, „mutigen Mitstreiter“. Und während Teile der Bevölkerung den Teufel in Gestalt von Buddha-Statuen Einzug halten sahen, nahmen es die Spieler gelassen. Sagt zumindest ihr Yoga-Verantwortlicher. „Die verlassen sich darauf, dass das, was der Trainerstab ihnen anbietet, Sinn macht und haben die Chance genutzt, ihren Körper mal zu entspannen.“

Acht Jahre hat er mit der Mannschaft gearbeitet, er könnte sich vorstellen, auch bei der EM 2016 wieder dabei zu sein. Er mag sie einfach, Jogis Jungs.

In dem Maße, in dem sein Bekanntheitsgrad wuchs, kühlte das Verhältnis zu seinen Münchner Jivamukti-Partnern ab. Auch seine New Yorker Lehrern betrachtete er zunehmend kritisch. „Ich reagiere allergisch, wenn man mir vorschreibt, wie ich leben soll, was richtig und was falsch ist.“ Vielleicht auch deshalb, weil er schwer erkrankt war. Vor fünf Jahren erhielt er die Diagnose „lymphatische Leukämie“, ausgerechnet an dem Tag, als seine Frau, die Schauspielerin Franziska Schlattner, den gemeinsamen Sohn zur Welt brachte.

Die Krankheit habe ihn verändert, erzählt er. „Ich bin gelassener geworden und habe nicht mehr den Zwang, mich und alles um mich herum unter Kontrolle zu haben.“ Der Krebs habe Beziehungen auf den Prüfstand gestellt, auch die zu seinen Geschäftspartnern und New Yorker Lehrern. „Deren Reaktionen waren nicht so toll“, sagt er und zieht dabei die Schultern hoch. „Meine Lehrer haben mich null unterstützt und auch nie nachgefragt, wie es mir geht.“ Er klingt beinahe verwundet, wenn er das erzählt.

„Das ist meine Stadt, da gehöre ich hin, da bleibe ich“

Als es ihm wieder besser ging, trennte er sich von seinen Münchner Partnern und ließ sich das Studio in der Schellingstraße geben. Den Bruch mit seinen New Yorker Lehrern vollzog er in diesem Jahr, nach der WM. „Die Zeit mit Jivamukti ist vorbei, ich bin bei denen in Rente gegangen.“

Künftig wird es ein Yoga-Studio Schwabing und ein Yoga-Studio Amiraplatz geben. „Yoga für alle“, will er anbieten. Frei von Dogmen und ausgefeilten Techniken. Leicht (nach)machbar für alle, die sich wieder spüren lernen wollen oder auf der Suche nach ihrer Wahrheit sind. Auch Guru will er nicht mehr sein. Sagt er. „Die Leute sollen mich als jemanden sehen, der den Weg schon ein bisschen länger gegangen ist und der Menschen unterstützt, die den Weg auch gehen.“

Er hat sich bei seinen Neustart bewusst für München entschieden. „Das ist meine Stadt, da gehöre ich hin, da bleibe ich“, sagt er. Er liebe ihre Gelassenheit und ihre Werte. „Ich mag den Himmel, dass die Luft und das Wasser sauber sind, dass es Traditionen hat.“ An München habe er nichts auszusetzen. Gut, als Yoga-Lehrer würde Patrick Broome der Stadt eine „feurige Praxis“ verordnen. Zu viel Gemütlichkeit macht schnell mal träge. Läge München aber bei ihm auf der Psychologen-Couch, würde er sagen: „Du kannst heimgehen. Passt scho.“

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