Der Münchner Michael B. (46), einst ein Muskelmann, fühlt sich nach vielen Leiden als "Krüppel".

MÜNCHEN - Schweigend sitzt er da. In der rechten Hand hält er ein Foto seiner Eltern. „Meine Mutter starb ganz plötzlich vor einem halben Jahr“, erzählt Michael B. „Dass am 8. November auch noch mein Vater gehen musste, zog mir den Boden unter den Füßen weg.“ Er legt das Bild zur Seite, um sich die feuchten Augen abzuwischen. Das geht nur mit der Rechten: Die linke Hand, der ganze Arm, ist gelähmt.

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„Ich hatte so liebe Eltern, die mir immer beigestanden haben. Jetzt bin ich allein – in dieser Situation.“ Michael B., der in bescheidenen Verhältnissen lebt, hat einen Schicksalsschlag nach dem anderen erleiden müssen. Aus dem einstigen Gewinner von Bodybuilding-Amateur-Preisen ist „ein Krüppel“ geworden, wie er selbst sagt. Von Kindheit an leidet der heute 46-jährige Münchner am Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS).

Doch Michael B. absolvierte eine Bäckerlehre, arbeitete am Flughafen und leitete ein Fitnessstudio – bis September 2008. Da brach er zusammen. Ein Freund alarmierte den Notarzt. In der Klinik wurde bei B. ein lebensbedrohliches Aneurysma festgestellt – ein gerissenes Blutgefäß im Kopf. „Ich wurde am offenen Kopf operiert, wurde ins künstliche Koma versetzt und bekam eine Palacosplastik eingesetzt.“ Er zeigt auf die Narben. „Anfangs hatte ich fürchterliche Kopfschmerzen, doch ich habe mich gefangen. Da hatte ich ja noch keine Spastiken.“

Das Erzählen fällt ihm schwer. Mühsam zieht er sich an einem Haltegriff an der Wand vom Sofa hoch. Gestützt auf eine Krücke, bewegt er sich in seinen Spezialschuhen schleppend langsam vorwärts. Ein paar Schlucke Mineralwasser, er atmet tief durch. „Ich war eigentlich so weit wieder hergestellt und hatte die Hoffnung, zumindest teilweise in mein altes Leben zurück zu können und auch wieder zu arbeiten“, sagt er schließlich.

Bei einem epileptischen Anfall schlägt er sich viele Zähne aus

Mit stockender Stimme erzählt er weiter – davon, dass es Komplikationen bei einer Behandlung gegeben habe: „Durch eine Überdosierung von blutverdünnenden Mitteln nach dem Aneurysma bekam ich Lähmungen.“ Michael B. fiel bei einem Telefonat mit seinen Eltern auf einmal der Hörer aus der Hand. Er rutschte von der Couch, kam nicht mehr hoch. Geistesgegenwärtig riefen die Eltern den Notarzt. Bei Michael B. wurde ein geplatztes Gefäß diagnostiziert. Das war zu viel für den vorgeschädigten Körper: In der Folge bekam der Münchner epileptische Anfälle.

Der letzte war so heftig, dass er unglücklich stürzte und sich zehn Zähne ausschlug. Immer wieder hält er sich beim Erzählen die rechte Hand vor den Mund. „Das sieht schlimm aus“, sagt er entschuldigend. „Durch mein lückenhaftes Gebiss muss ich auch beim Essen aufpassen und fast alles pürieren. Doch das geht schon.“ Lamentieren ist nicht seine Sache. Vielmehr huscht ein Lächeln über sein Gesicht. „Da hat mir ja auch Schwester Mirjam geholfen. Sie hat für mich eine passende Prothetik bei der Krankenkasse durchbekommen. Sie gibt mir Kraft und Halt nach dem Tod meiner Eltern. Durch meine Krankheit haben sich ja leider auch viele Freunde abgewandt.“

Mirjam Ullmann ist Sozialpädagogin bei der Münchner Vereinigung Integrationsförderung (VIF) und wegen einer spastischen Lähmung selbst auf den Rollstuhl angewiesen. „Wenn ich sehe, was Schwester Mirjam alles schafft, gibt mir das Mut“, sagt Michael B. „Mut, um jeden Tag weiter ums Überleben zu kämpfen.“ Was seinen Alltag ein bisschen leichter machen würde, wäre ein neuer Herd. Bei seinem alten Modell funktioniert nur noch eine Platte. Auch Michael B.s Kühlschrank ist kaputt. Er taugt nur noch zur Aufbewahrung für Konserven.

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