Ayan flüchtet vor  einer Zwangsheirat in Somalia. Ihr Kind muss sie zurücklassen. Die AZ-Leser können beide wieder vereinen.

 

MÜNCHEN  - Dunkle Augen mit warmem Blick. Ebenmäßige Gesichtszüge. Die 19-jährige Ayan (alle Namen geändert) ist eine schöne Frau. Sie lächelt oft. Wirkt aufgeweckt und offen. Was angesichts all der schrecklichen Erfahrungen, die sie in ihrem jungen Leben schon machen musste, nur erstaunen kann.

Ayan trinkt eine Tasse Tee und erzählt. Von ihrer Zwangsheirat. Von Misshandlungen. Das hier in München – das ist Ayans zweites Leben. Das erste endete mit ihrer Flucht aus Somalia.

Ayan war noch keine 14 Jahre alt, als ihr Vater starb. Bei einem Bomben-Attentat in einer Schule in Mogadischu, in der er als Lehrer gearbeitet hatte. „Er war ein sehr lieber Mann“, sagt Ayan über ihn. „Er hätte mich oder meine Schwestern nie zur Hochzeit gezwungen.“ Nach seinem Tod übernahm Ayans Onkel die Rolle als Familienoberhaupt. „Er ist ein sehr, sehr strenger und gläubiger Mann.“ Einer, der die landesüblichen Bräuche hochhält. Und dazu gehört auch, dass viele somalische Mädchen schon im Alter von elf Jahren zu Ehefrauen gemacht werden. „Er hat gesagt, ich muss heiraten oder sterben“, sagt Ayan. „Das ist die Kultur.“

Alles Auflehnen nutzt ihr nichts. Auch ihre Mutter kann ihr nicht helfen. Als Frau hat sie kein Mitsprache-Recht. Tradition ist eben Tradition. Der Ehemann, der für Ayan ausgesucht wird, ist 23. Sie hat ihn nie zuvor gesehen. „Ich will das nicht“, sagt sie unter Tränen zu ihrem Onkel. Die Narbe des Peitschenhiebes, mit dem er das Mädchen daraufhin straft, wird ein Leben lang auf Ayans Schulter zu sehen sein.

Ihren Ehemann trifft die Jugendliche zum ersten Mal in der Nacht, in der sie ihn heiraten muss. Sie zieht mit ihm zu seiner Familie. „Es war...“, beginnt Ayan ihren nächsten Satz und verstummt. Sie sucht das passende deutsche Wort: „... die Hölle.“

Die 14-Jährige darf das Haus nicht verlassen. Alle wissen, dass sie dann nicht mehr zurückkommen würde. Sie weint viel und weigert sich zu essen. Ihr Mann redet kaum mit ihr.

Schon kurze Zeit nach der erzwungenen Vermählung wird Ayan schwanger. Es geht ihr immer schlechter. Sie hat stark abgenommen. Muss sich ständig übergeben. Als ihre Mutter sie bei der fremden Familie besucht, erschrickt sie. Das Mädchen ist in einem so beklagenswerten Zustand, dass die Frau es nicht länger erdulden mag. Sie stellt sich gegen Ayans Onkel – er ist der Bruder ihres verstorbenen Mannes. „Ich nehme sie jetzt mit. Wenn du mich daran hindern willst, musst du mich töten.“ Gleichzeitig verspricht die Mutter: Wenn Ayan das Kind geboren habe, würde das Mädchen zu seinem Mann zurückkehren. Doch der hat daran schon gar kein Interesse mehr. Er erklärt die Ehe für beendet – und verlässt das Land. „Ich war froh, dass er gegangen ist“, sagt Ayan.

Am 19. April 2008 kommt ihre Tochter zur Welt: Amira – ihr ganzer Stolz. Doch schon bald nach der Geburt fängt der Onkel wieder an, die blutjunge Mutter zu terrorisieren. Er hat bereits einen zweiten Mann für sie ausgesucht. Einen, der so alt ist, wie ihr Vater war. Einen, der sich besser gegen sie durchsetzen soll als ihr erster Ehemann. „Ich habe gesagt: Wenn ich wieder heiraten muss, dann bringe ich mich um.“ Doch ihr Onkel lässt nicht locker. Er will ihren Willen brechen. Mit aller Gewalt.

Die Rettung kommt in Gestalt von Ayans Cousin. Er hat Mitleid mit ihr und verkauft ein Stück Land, um ihr die Flucht zu ermöglichen. „Ich wollte weg, aber nur mit meiner Tochter“, sagt Ayan. Sie ist ihr ein und alles. Ihr Grund, am Leben zu bleiben. Doch eine Flucht mit einem Baby? Undenkbar.

Erst als der Druck durch den Onkel unerträglich wird und Ayans Mutter verspricht, sich um ihre Enkelin zu kümmern, beschließt das Mädchen zu gehen. Die kleine Amira, die noch kein Jahr alt ist, muss sie zurücklassen.

Die nächsten Monate im Leben der jungen Frau sind mit die schlimmsten. Zusammengepfercht in Fahrzeugen. Frierend. Hungernd. Die Flüchtlinge werden über Äthiopien und den Sudan nach Libyen gebracht. Von dort aus geht’s per Boot nach Sizilien. Kurz vor der Küste müssen alle raus ins Wasser. Dabei kann Ayan nicht schwimmen. „Ich hatte solche Angst. Ich dachte, ich sterbe.“

Nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in Norwegen landet das Mädchen schließlich in München. Hier wirft ein Schlepper sie aus dem Auto. Hier endet ihre Flucht. Ihre Odyssee. Es ist der Sommer 2010. Ayan ist 16 Jahre alt. Schwer traumatisiert. Und mutterseelenallein.

Weil sie noch minderjährig ist, kommt sie in den ersten Monaten im Münchner Kindl-Heim unter. Später zieht sie in eine Wohngruppe ins Westend. Sie bekommt eine Aufenthaltserlaubnis. Findet Freundinnen. Lernt fleißig Deutsch. Besucht die Schule. Im nächsten Jahr will sie den Hauptschulabschluss machen und dann eine Ausbildung zur Arzthelferin beginnen. Ayan ist angekommen. Endlich. Zurück will sie nicht mehr. Nie mehr. „Hier ist alles Freiheit“, sagt sie.

Das Einzige, das sie noch quält, ist die Abwesenheit ihrer kleinen Tochter. Sie ist inzwischen vier. Ein hübsches Mädchen. Die beiden telefonieren oft miteinander. Dann weint die Kleine und fragt jedes Mal: „Mama, wann holst du mich?“ Seit kurzem kann Ayan ihrem Kind antworten. Am 13. Dezember soll die Familienzusammenführung glücken. Der Flüchtlingsrat hat damit begonnen, Geld für den Flug zu sammeln. Doch der Großteil der 1800 Euro ist noch nicht beisammen. „Ich glaube das alles erst, wenn ich meine Tochter berühren kann“, sagt Ayan. „Ich kann gar nicht warten, dass die Zeit vergeht.“ Ihre Augen füllen sich mit Tränen.