Bianca T. aus Freising tötet ihre drei Kinder und rast mit dem Auto gegen eine Leitplanke auf der A 92. Das Familien-Drama macht viele fassungslos. Jetzt spricht der verzweifelte Vater.

München/Freising – Äußerlich wirkt Norman H. gefasst. Der kräftige, nicht sehr große Mann rückt höflich einen Stuhl für seine Besucher zurecht. Er spricht mit ruhiger, fester Stimme. Zwischendurch lächelt er – fast trotzig. Die blauen Augen hinter der randlosen Brille lächeln nicht mit. Norman H. sagt, dass er ein Mensch sei, dem es schwer fällt, Gefühle zu zeigen.

Die AZ trifft den Mann, dessen Lebensgefährtin am Dienstag vor einer Woche die gemeinsamen Zwillingsbabys Lisa und Fabian (†4 Monate) und ihre große Schwester Anna-Lea (†6) getötet hat, in einer Klinik.

Dort war Norman H. bereits zuvor wegen einer schweren Depression in Behandlung, dort wird er auch seit dem Tag der Tragödie betreut. Mit Kurznachrichten aufs Handy hatte Bianca T. den Vater ihrer Kinder ständig über ihr Handeln auf dem Laufenden gehalten. Völlig machtlos musste der 40-Jährige in der Klinik miterleben, wie ihm das Liebste genommen wurde.

„Ich grüble jeden Tag über das Warum. Ich verstehe es nicht.
Auch die Menschen, die ganz nah dran waren, haben es nicht kommen sehen“, sagt Norman H. Der Internetspezialist sitzt im Aufenthaltsraum in einem blauen Sessel. An den Fenstern stehen Palmen in Blumentöpfen. Zwischendurch wirkt er, als spräche er nicht über sich, sondern über eine dritte Person. Dann wieder taucht er so tief ein in die Erinnerung, als sei alles wie zuvor – als die Kinder noch am Leben waren.

Norman H. macht vor, wie er und seine Lebensgefährtin die Zwillinge immer vor sich auf ihre Oberschenkel gelegt haben, um mit ihnen zu spielen. Er macht eine Bewegung, als würde er nach den kleinen Händchen greifen. Dabei lächelt er.

Dann steht Norman H. auf und geht kurz in sein Zimmer, um ein Blatt Papier zu holen. Er hat ein einziges Wort in vielen Varianten darauf geschrieben. „Agrö mit drei ö. Das hat mein kleiner Fabian immer gebrabbelt. Das hat alles bedeutet: ,Hallo Papa!’, ,Ich hab’ Hunger’ – alles.“

Die Mutter seiner Kinder beschreibt Norman H. als resolute, durchsetzungsfähige, „taffe“ Frau. Bianca T. engagierte sich schon im Kindergarten und ließ sich später in den Elternbeirat wählen.
„Was sie wollte, hat sie durchgesetzt. Sowohl im Positiven wie im Negativen“, sagt Norman H. Sie habe ihre Kinder geliebt. „Bianca war nie gewalttätig. Es gab höchstens mal einen Klaps auf den Hintern für Anna-Lea. Sie hat eigentlich alles getan für ihre Kinder. Das macht es mir so unbegreiflich.“

Norman H., der zwölf Jahre bei der Bundeswehr gedient hat, und die ein Jahr jüngere Verkäuferin, lernten sich auf einer Geburtstagsfeier von seiner Cousine kennen. „Bianca hat sehr offen über alles gesprochen. Auch darüber, dass sie schon vier Kinder hatte“, erinnert sich Norman H. Von den Kindern lebte nur die damals vierjährige Tochter Anna-Lea bei ihr.

Sie war ein sehr lebhaftes, anhängliches und liebes Kind. Ein süßer Wildfang“, schildert er das Mädchen. Der gebürtige Berliner schloss das Kind schnell ins Herz. „Sie war wie meine Tochter“, sagt er. „Es gab auch eine Begegnung mit ihrem leiblichen Vater. Ich habe ihm das Versprechen gegeben, sie zu beschützen.“ Während Norman H. dies sagt, verliert er das erste Mal die Fassung. „Ich habe es nicht geschafft, sie zu beschützen! Ich habe Angst davor, ihm bei der Beerdigung gegenüber zu treten.“

Der 40-Jährige will sich an den Kosten für die Beerdigung von Anna-Lea beteiligen. Sie wird im Familiengrab ihres leiblichen Vaters beigesetzt. Doch momentan weiß Norman H. nicht einmal, wie er die Kosten für die Bestattung seiner Zwillinge aufbringen soll. Dabei will ihm die AZ helfen (siehe Spendenaufruf).

Für Norman H. war Bianca T. die große Liebe.
Er spricht von der großen Nähe, die zwischen ihnen war. Dass sie fast jede Nacht Hand in Hand einschliefen. Er sagt, sie sei die erste Frau gewesen, mit der er Kinder haben wollte. Als sie mit den Zwillingen schwanger wurde, freuten sich beide sehr. Er gab seine Bundeswehr-Wohnung auf, gemeinsam zogen sie in eine günstige Wohnung im Freisinger Norden. Als die Zwillinge per Kaiserschnitt auf die Welt kamen, war Norman H. dabei.

Doch dann stürzte über dem Vater alles zusammen. Er musste mit seiner Internetfirma Insolvenz anmelden, das Geld war knapp, Norman H. war mit der Gesamtsituation überfordert. Er rutschte in eine schwere Depression. „Ich war teilweise wie gelähmt. Ich hörte die Babys schreien, stand vor ihrem Bett und konnte mich nicht bewegen.“ Norman H. brach zusammen, der Notarzt lieferte ihn ins Krankenhaus ein. Von dort wurde er in eine Fachklinik für Psychiatrie eingewiesen.

Sechs Wochen verbrachte er dort. Bianca T. war in dieser Zeit mit den Kindern allein. „Das war mit Sicherheit auch für sie nicht einfach. Die Kassen haben meine Krankheit nicht anerkannt. Deshalb kam in der Zeit auch keine Haushaltshilfe – anders als in der Schwangerschaft, da hatten wir eine“, sagt der Vater. Nach sechs Wochen kehrte Norman H. zurück zu seiner Familie.
Doch bald kam die Depression mit voller Wucht zurück. Am Tag der Tragödie, am 13. November, überwies ihn sein Hausarzt erneut in die Fachklinik. Eine Freundin brachte Norman H. hin. Von unterwegs schrieb er Bianca T. eine SMS. Er wollte gesund werden. „Für die Kinder“, sagt Norman H.

Bianca T. versuchte, ihren Mann zurück zu holen. Sie fuhr ihm nach in die Klinik. „Plötzlich stand sie vor mir. Ich weiß gar nicht mehr, was wir alles geredet haben. Ich erinnere mich nur noch an die letzten Sätze. Sie sagte: ‚Okay. Dann gehe ich auch nicht nach Hause.’ Sie küsste mich und sagte noch ‚Ich liebe dich’.“

Das Unheil nahm seinen Lauf. Dabei war Hilfe in Sicht. „Die Caritas hat uns unterstützt. Wir wollten eine Paartherapie machen, sollten auch psychologische Hilfe bekommen. Bianca hätte in der Woche einen Termin gehabt“, erzählt der Vater.

Doch Bianca T. entwickelte in dieser Situation ihren eigenen – mörderischen – Plan. Auf dem Rückweg von der Klinik fuhr sie in einen Wald und tötete ihre Kinder (AZ berichtete). Zwischendurch schickte sie Norman H. Kurznachrichten auf sein Handy. Die erste lautete sinngemäß: „Ich habe Anna-Lea erstickt und erwürgt.“ Außer sich vor Verzweiflung alarmierte der Vater aus der Klinik die Polizei. Er hatte nicht den geringsten Zweifel, dass es stimmte, was Bianca T. schrieb. Dann kam wieder eine SMS: Fabian sei bei Anna-Lea. Und bei Gott.

Als Polizisten den Opel Zafira von Bianca T. in Freising entdeckten, waren Anna-Lea, Fabian und Lisa längst tot. Die Mutter flüchtete mit den Kinderleichen im Auto vor der Polizei auf die A<TH92. Vor den Augen der Beamten raste sie dort – wohl in Selbstmordabsicht – in eine Leitplanke. Davor schrieb sie ihrem Mann noch zwei Nachrichten: „Die Polizei hat mich gleich.“ Und als letztes: „Ich liebe dich.“

Bianca T. hat den Unfall überlebt. Sie sitzt inzwischen in Würzburg in Untersuchungshaft.

„Ich habe an dem Tag vier Menschen verloren. Vier Menschen, die ich geliebt habe“, sagt Norman H. Er weint.

So können Sie helfen:

Für Norman H. ist die Beerdigung seiner beiden Babys auch eine große finanzielle Belastung. Zudem möchte er sich nach Möglichkeit an der Beisetzung von Anna-Lea beteiligen, die in den letzten Jahren bei ihm aufwuchs. Das Mädchen wird im Familiengrab ihres leiblichen Vaters in Baden-Württemberg beigesetzt.

Mit der Aktion „Münchner helfen“ möchte die Abendzeitung Norman H. und auch anderen bedürftigen Menschen helfen. Die AZ kann für Spenden ab 201 Euro Bescheinigungen fürs Finanzamt ausstellen (Adresse nicht vergessen!). Für niedrigere Beträge gilt der Überweisungsbeleg als Bestätigung.

Das Spenden-Konto des AZ-Vereins „Münchner helfen e.V.“:

 

Privatbank DONNER & REUSCHEL

Konto-Nr.: 333 888 333

BLZ: 200 303 00