Der Familienvater Hamzat B. ist schwer krebskrank. Wie seine Frau und die Kinder damit umgehen – wie Sie ihnen helfen können.

Amir zupft seinen Vater am Ärmel. Mit großen Augen schaut er ihn fragend an. Noch einmal zieht er am Pullover, noch einmal sagt er „Papa“. Doch sein Papa kann nicht einfach aufstehen, seinen Amir wie früher auf die Schultern nehmen, lachend mit ihm herumtollen und spielen. Hamzat B. ist schwer krebskrank.
Gerade hat die zehnte Chemotherapie begonnen. Der 44-jährige Familienvater liegt im verdunkelten Schlafzimmer, hat Schmerzen, kämpft mit Übelkeit – doch wie soll der kleine Amir mit seinen 15 Monaten das wissen oder gar verstehen. Müde streichelt ihm sein Vater über den Kopf.

Das Spielen übernimmt dann Amirs Bruder Ahmed. Liebevoll kümmert sich der 13-Jährige um das Nesthäkchen der Familie. „Er ist ja noch so klein“, sagt Ahmed. „Er weiß nicht, wie krank unser Vater ist.“ Mutter Zara B. (35) legt das Messer aus der Hand, mit dem sie gerade eine Salatgurke fürs Abendessen geschält hat. Verstohlen wischt sie sich über ihre feuchten Augen. „Ahmed, mein Großer, ist ein fantastischer Sohn und Bruder“, sagt sie. „Meine Kinder geben mir Kraft in dieser schweren Zeit.“

Es war vor elf Monaten, am 28. Januar, als die Ärzte bei Hamzat B. einen bösartigen Gehirntumor diagnostizierten. Nur drei Tage später wurde er im Klinikum Bogenhausen operiert. „Und seither kämpfen wir Tag für Tag weiter gegen den Krebs“, erzählt Zara B. Man sieht ihr an, wie sie um Fassung ringt. „Es ist fürchterlich, ein sehr schweres Leben“, sagt sie schließlich. „Doch der liebe Gott hat uns ja schon oft geholfen.“

Ohne ihr tief verwurzeltes Gottvertrauen hätte Zara B. wohl kaum die Kraft, „wie eine Löwenmutter“ immer weiter um ihre Familie zu kämpfen. Denn der Krebserkrankung ihres Mannes gehen bereits lange Jahre voll Angst, Verzweiflung und Trauer voraus. Familie B. stammt aus dem Nordkaukasus, aus Tschetschenien. Zara B. arbeitete dort als Lehrerin für Tschetschenisch und Literatur, ihr Mann Hamzat als Fernseh- und Radiotechniker.

Was sie bereits im ersten Tschetschenien-Krieg im umkämpften Grosny durchstehen mussten, ist in den Hintergrund gerückt. „Das Drama fing im zweiten Krieg an, 1999“, erzählt Zara B. und schluckt. „Da wurde mein geliebter Bruder erschossen. Meine Mutter drehte Hunderte Leichen um, bis sie ihn fand. Dann konnten wir ihn wenigstens davon schaffen und in unserem Heimatdorf beerdigen.“

Damit nicht genug: Ihr zweites Kind, die heute zehnjährige Milena, musste Zara B. ohne die Unterstützung ihrer Familie in einem Schutzkeller zur Welt bringen. „Um mich herum lagen Tote und Verletzte“, erzählt sie. „Geholfen hat mir nur eine alte Frau, die etwas Erfahrung hatte.“ Unter diesen katastrophalen Umständen wurde Milena geboren. „Eine halbe Stunde nach der Geburt hörte man noch immer nichts von ihr. Sie bewegte sich nicht. Sie gab keinen Ton von sich“, sagt die Mutter. „Ich dachte, sie lebt nicht.“

Milena lebt, doch sie ist körperlich und geistig behindert, wird nie ein selbständiges Leben führen können.
Zara B. wiegt den kleinen Amir auf ihrem Schoß. Der 13-jährige Ahmed ist derweil auf dem Weg zur Apotheke, um die bestellten Schmerzmittel für seinen Vater abzuholen. Frau B. nimmt einen Schluck Tee. Amirs fröhliches Geplapper zaubert ihr ein Lächeln ins Gesicht.

Dann erzählt sie weiter. Von den Schrecken und Gefahren der Flucht nach Deutschland, den Jahren im Asylbewerberheim – und vom Krebs. „2010 erhielt mein Mann aus der Heimat die Nachricht, dass seine Mutter an Darmkrebs erkrankt ist. Nur ein Jahr später starb sie. Seine Schwester hatte auch Krebs. Ihr musste in Grosny ein Auge entfernt werden.“ Zara B. stockt die Stimme. „Und jetzt ist Hamzat krank.“

Schweigen. Stille. Plötzlich kommt Amir kichernd mit seinem Plastikbagger angelaufen. Seine Unbekümmertheit lässt aufatmen. Zara B. lächelt. „Er ist ein Sonnenschein für uns alle.“ Ahmed und seine Schwester Madina (8), die gerade vom Hort heimgekommen ist, nicken. Gemeinsam mit der Mutter decken sie den Abendbrottisch – für fünf. „Papa kann ja leider nicht mit uns essen“, sagt Ahmed und erzählt von der Übelkeit, unter der sein Vater nach der Chemo immer zu leiden hat.

Was könnte das Leben der Familie B., die neben all dem auch finanzielle Probleme hat, ein wenig erleichtern? „Ich kann gar nicht sagen, wie unendlich dankbar ich bin, wie uns hier in Deutschland geholfen wird“, platzt es aus Zara B. heraus. Nach mehrmaligem Nachfragen sagt sie, dass für ihren Mann ein spezielles Krankenbett wichtig wäre. Zudem bräuchte die Familie eine Waschmaschine. Die eigene ist kaputt. Im Bad steht zurzeit eine geliehene des freundlichen Hausmeisters.