Dem kleinen Ivan ist ein Gehirntumor entfernt worden. Jetzt erholt sich der Elfjährige von einer kräftezehrenden Chemotherapie.

MÜNCHEN - Sein Blick ist schelmisch, neugierig und lebendig. Es ist der Blick eines Elfjährigen, der abenteuerlustig in die Zukunft schaut. Doch Ivans Körper verrät, was der Bub in den vergangenen Monaten alles mitmachen musste. Wie sehr er leiden musste. An ihm ist kein Gramm Fett mehr. Bei einer Größe von 1,48 Meter wiegt Ivan bloß noch 27 Kilo. Er ist zu schwach, um zu laufen. Mit einem Gehwagen schafft er ein paar Meter. Dann verlässt ihn seine Kraft.

Vor 14 Monaten ist bei Ivan Iverec ein Gehirntumor entdeckt worden. Links hinten in seinem Kopf. Groß wie ein Golfball. Den Ärzten gelang es, die bösartige Geschwulst bei einer mehrstündigen Operation zu entfernen. Kurz danach berichtete die Abendzeitung erstmals über Ivan. Damals stand ihm noch eine langwierige Chemotherapie bevor. Jetzt hat er die Tortur hinter sich gebracht. „Die Chemo war sehr anstrengend“, sagt der Bub. „Man kotzt sich dauernd aus. Das ist nicht schön.“

20 Kilo nahm das Kind während der neunmonatigen Behandlung ab. Der Bub behielt nichts bei sich. Selbst als er für einige Monate ausschließlich über eine Magensonde ernährt wurde, musste er sich noch übergeben. Er wurde schwächer und schwächer.

„Es gab Zeiten, in denen er nur geweint hat“, berichtet seine Mutter Katarina Iverec. „Er hat mich gefragt: ,Mama, wie ist es, wenn man stirbt?’“ Daran dürfe er nicht einmal denken, gab sie hilflos zurück. Was hätte die verzweifelte Mutter dem Elfjährigen auch antworten sollen?

Die alleinerziehende 40-Jährige ist mit ihrer Kraft am Ende. Die Sorgen stehen ihr ins Gesicht geschrieben. „Ich bin fix und fertig“, sagt sie. Sie hat miterlebt, wie andere Kinder auf der Krebsstation im Krankenhaus es nicht geschafft haben. Wie unerträglich der Abschied ist. „Die Angst vor einem Rückfall ist immer da.“

Dabei räumen die Mediziner Ivan gute Chancen ein: „Seine Ärztin hat gesagt, die Prognose, dass alles gut geht, liegt bei 87 Prozent“, berichtet Katarina Iverec. Seine Werte sind in Ordnung. Es scheint so, als hätte er mit der Chemo das Schlimmste hinter sich gebracht. Als er vor einiger Zeit seine alten Klassenkameraden in der Schule besuchte, erklärte Ivan ihnen tapfer seine Krankheit: „Bei mir haben bösartige Zellen gewohnt. Aber die gutartigen kämpfen.“

Alle hoffen, dass er ab März wieder den Unterricht besuchen kann. „Ich freu mich darauf“, sagt der aufgeweckte Schüler. Vor kurzem sind ihm die Schläuche entfernt worden, über die er mit Nahrung und Medikamenten versorgt worden war. Danach konnte er das erste Mal seit Monaten baden. „Er hat sich so gefreut, er wollte gar nicht mehr raus“, sagt seine Mama.

Langsam kehrt auch Ivans Appetit zurück. Egal, ob er tagelang nur Lachsbrot mit Ei essen mag. Oder ob er Lust auf drei Bissen von einem Döner hat. Seine Familie versucht, ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen. „Ich schaffe zwar nur ein bisserl. Aber dafür esse ich eben mehrmals am Tag“, sagt der Bub. Ein knappes Kilo hat er bereits wieder zugenommen. Jetzt wiegt er 27,8. „Das wird schon!“, sagt Ivan.

Kürzlich hat sich für ihn ein großer Wunsch erfüllt. Er durfte, gemeinsam mit anderen krebskranken Kindern, die Spieler vom FC Bayern kennenlernen. Im Rollstuhl sitzend verfolgte er zuerst das Training seiner Idole. Danach begrüßten sie ihn und posierten für gemeinsame Fotos. „Ich kann gar nicht sagen, wer der Netteste war“, sagt Ivan. „Alle waren freundlich.“ Jetzt wird er allerdings eine Zeit lang darauf verzichten müssen, beim Training zuzuschauen.

 Denn seit eineinhalb Wochen ist er mit seiner Mutter in einer Reha-Klinik im Landkreis Rosenheim, die auf Patienten wie ihn spezialisiert ist. Ivan konnte kaum erwarten, dass es losgeht. „Ich mag endlich wieder laufen können“, sagt er.

Oft erzählt er seiner Mama, was er alles unternehmen möchte – wenn seine Beine ihn wieder tragen. Er will angeln gehen. Und er will radeln. Stundenlang. Ohne Pause. So wie es der kleine Wildfang getan hat, bevor ihn die Krankheit gebrechlich machte. Er hat sich das alles schon ganz genau ausgemalt. Allerdings ist sein altes Radl ihm zu klein geworden. Deshalb wünscht er sich sehnlichst ein neues. Ein „modernes, cooles“ Radl, wie er sagt, ein Mountainbike. Gerne würde seine Mutter ihm ein solches kaufen. Doch ihr fehlt das Geld dazu.

Seit ihr Nesthäkchen erkrankte, ist die Familie auf staatliche Hilfe angewiesen. Auch einer von Ivans zwei Brüdern lebt noch daheim – der 13-jährige Benjamin ist von Geburt an geistig behindert. Schon einmal haben die AZ-Leser der Familie geholfen – und mit ihren Spenden unter anderem eine Erneuerung der Möbel im Kinderzimmer der beiden Buben ermöglicht

Katarina Iverec hofft, dass sie bald wieder selbst für die Familie sorgen kann. So wie sie es jahrelang getan hat. Sie möchte wieder voll in ihren alten Beruf als Kellnerin zurückkehren. Nicht nur wegen des Geldes. „Die Arbeit ist für mich wie eine andere Welt. Es ist so schön, wenn ich mit den Kollegen lachen kann.“ Zunächst einmal muss es Ivan aber wieder besser gehen.

Der Bub weiß, dass vor ihm noch viel Training liegt, bis er wirklich wieder auf ein Radl steigen kann. „Ich hab’s bestimmt verlernt“, sagt Ivan. „Erst muss ich wieder laufen können. Und dann werde ich ganz neu lernen, Fahrrad zu fahren.“ Auch, um dann jeden Tag damit zur Schule düsen zu können.

Katarina Iverec selbst wünscht sich nur eines: Dass ihr Kind wieder gesund wird. Dass Ivan erwachsen werden darf. Vielleicht erfüllt sich später sogar sein Berufswunsch. „Er will Kriminalkommissar werden. Schon immer.“ Jeden Abend betet die gläubige Frau für ihren Buben. Mut hat ihr ein Traum gemacht, den Ivan vor kurzem hatte. Und aus dem er aufgewühlt erwachte. Atemlos berichtete er seiner Mutter, was er da gesehen hatte im Schlaf. Er träumte, der liebe Gott stünde plötzlich mitten in seinem Kinderzimmer. Er sprach zu ihm. Was er sagte? „Ivan, du wirst wieder gesund.“