Die Münchnerin Beate Engel (57) ist durch die Hölle gegangen, ihre Gesundheit ist zerstört. Wie die AZ-Leser die tapfere Frau unterstützen können

MÜNCHEN Schläge, Missbrauch, Kinderarbeit: Beate Engel (Name geändert) ist durch die Hölle gegangen. Ein Leidensweg, der Spuren auf ihrer Seele hinterlassen und ihren Körper gebrochen hat. Die 57-Jährige leidet an Osteoporose und der Nervenkrankheit Polyneuropathie, ihre Feinmotorik ist stark eingeschränkt, jede Bewegung verursacht Schmerzen. Trotzdem ist die Münchnerin heute mit ihrem Leben im Reinen, hilft anderen – und hat ihren Peinigern verziehen.

„Meine beiden Schwestern und ich san aufm Friedhof groß geworden.“ Beate Engel ist keine, die viel redet. Sie macht lange Pausen, ihre Sätze sind kurz. „Mein Vater war Totengräber im Dachauer Land und ein Säufer.“ Sie schaut auf ihre Hände. „Wenn er besoffen war, mussten wir Mädchen die Gräber ausheben.“ Beim ersten Mal war Beate Engel zehn Jahre alt. Die Mutter konnte ihre Kinder nicht schützen. „Er hat sie geschlagen und missbraucht. Genau wie uns.“ Wegen seiner Trinkerei verliert der Vater immer wieder den Job, ständig muss die Familie umziehen. Trotzdem schafft Beate den Quali, geht auf die Hauswirtschaftsschule und macht eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau. Mit 15 Jahren zieht sie in eine kleine Dachgeschosswohnung – ganz allein. Mit 16 heiratet sie, mit 18 ist sie schon wieder geschieden. „Er war ein guter Mann. Aber ich wusste damals nicht, dass man um eine Beziehung kämpfen muss.“

In München lernt sie ihren „zweiten männlichen Begleiter“ kennen. Einen Namen hat dieser Mann für sie nicht mehr. Sieben Jahre ist sie mit ihm zusammen, sieben Jahre verprügelt er sie. Auch vor den Augen der Tochter, die das Paar 1978 bekommt. Beate Engel ist in dieser Zeit trotz des Kindes berufstätig. Sie arbeitet bei einem Kaufhaus, einem Versandhandel, später in einer Getränkehandlung und als Bedienung. „Ich hab’ immer gleich was gefunden. Ich hab’ ja genug gelernt.“ Doch die junge Frau setzt sich selbst unter Druck. „Du musst funktionieren“, redet sie sich ein – und beginnt zu trinken. „Diese Beziehung war schmerzhaft“, sagt sie trocken. „Aber ich konnte doch nicht jedes Mal zum Arzt rennen, wenn er wieder was kaputt geschlagen hat. Der Alkohol hat gegen die Schmerzen geholfen.“

"Es soll erstmal einer aushalten, was ich ausgehalten hab"

Warum hat sie sich nicht von ihrem gewalttätigen Partner getrennt? „Niemand kann beantworten, warum Frauen sich schlagen lassen und dann wieder zurückgehen. Ich auch nicht“, sagt Beate Engel und man merkt, dass sie oft über dieses Thema nachgedacht hat. „Es ist ein Teufelskreis. Aber irgendwann habe ich den Absprung geschafft.“ Sie lächelt. 1990 überredet sie ihr Chef zu einer Entziehungskur. Drei Monate lässt sie sich behandeln. „Ich hab’ recht viel gelernt auf der Kur.“ Beate Engel nickt. Nein, nicht von den Psychologen, die mit ihr die Vergangenheit aufarbeiten wollten. „Der erste ist weinend weggelaufen, die zweite war mir zu jung“, sagt sie. „Es soll erstmal einer aushalten, was ich hab’ aushalten müssen. Dann kann er mitreden.“ Aber sie begreift, dass sie sich mit der Gewalt in ihrem Leben auseinander setzen muss, damit sie gesund wird. Beate Engel wählt ihre eigene Art der Bewältigung: Auf kleinen Zetteln notiert sie, wer sie in welcher Situation verletzt hat, und legt die Papiere vor sich auf den Wohnzimmertisch. Dann verzeiht sie jede einzelne Tat, knüllt Blatt für Blatt zusammen und wirft es weg. Mit ihrer Mutter habe sie anschließend wieder ein wunderbares Verhältnis gehabt. Ihrem Vater sagt sie: „Ich kann dir verzeihen, aber ich kann’s nicht vergessen.“

Seitdem geht es ihr besser. Psychisch. „Aber so was geht auch auf den Körper, auf die Basis.“ Beate Engel ist 40 Jahre alt, als ihre Nieren versagen und sie der Notarzt ins Krankenhaus bringt. „Dort hab’ ich mich mit Hepatitis B angesteckt“, erzählt sie. Die Ärzte diagnostizieren Osteoporose, Anämie und Polyneuropathie. „Kaum war eins ausgestanden, kam das nächste“, bilanziert Beate Engel traurig. Sie ist erwerbsunfähig und auf Unterstützung vom Amt angewiesen. Mehr als zwei Stunden am Vormittag tragen sie ihre Beine nicht. „Nachmittags muss ich liegen und abends hab’ ich grad noch die Kraft, mir was zum Abendessen zu machen.“

Die tapfere Frau kann die kleine Zwei-Zimmer-Wohnung, in der sie seit 26 Jahren lebt, kaum noch verlassen. Türstöcke und Fensterrahmen müssten schon lange neu gestrichen werden. Dunkle Schatten auf den Wänden erinnern an Bilder, die längst umgehängt wurden. „Ein neuer Anstrich wäre wie Urlaub für mich“, sagt Beate Engel mit sehnsuchtsvollem Blick. Doch für die Renovierung fehlt ihr das Geld. Trotzdem: Obwohl Gewalt, Leid und Armut ihr Leben bestimmt haben, ist Beate Engel kein bitterer Mensch. Wenn ihre Nachbarn Hilfe brauchen, ist die kranke Dame für sie da, berät bei Behördengängen, passt auf die Kinder auf. Mehr soll darüber aber nicht in der Zeitung stehen. „Da muss man nicht damit angeben“, wiegelt Beate Engel ab. „Das ist doch selbstverständlich.“