Anamika (16) hat den frühen Tod ihrer Mutter nicht verwunden. Sie leidet an einer Depression. Wie die AZ-Leser ihr helfen können.

MÜNCHEN/ NÜRNBERG - Als die achtjährige Anamika an diesem Morgen aufwacht, steht ihre große Schwester am Bett. Sie hilft ihr beim Anziehen und geht mit ihr ins Wohnzimmer. Dort sitzt schon der Vater auf dem Sofa. Seine düstere Miene erschreckt das Mädchen. In der Wohnung sind Sanitäter. „Vielleicht hat sich Mama beim Aufstehen ja ein Bein gebrochen“, denkt das Kind zuerst.

Es ist der 12. Mai 2004. Der Tag, an dem die Achtjährige all ihre Unbeschwertheit verliert. An dem ihr Leben kippt.

„Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen“, erzählt die heute 16-Jährige. „Der Tag hat sich in mein Hirn gefressen.“ Anamikas Mutter starb mit nur 49 Jahren an einem Herzinfarkt. Sie lag tot in ihrem Bett. „Eigentlich habe ich erst am nächsten Tag begriffen: Es gibt keine Mama mehr, die sich um dich kümmert.“ Das Gefühl, verlassen zu sein, das hat Anamika seither nie mehr losgelassen. „In mir wurde alles so richtig leer.“

Schon bald nach dem Tod der Mutter zieht die neue Lebensgefährtin des Vaters mit ihrem Sohn bei der Familie ein. Die fremde Frau und die Mädchen vertragen sich nicht. Es gibt viel Streit. Anamikas ältere Schwester beschließt zu gehen. Noch minderjährig zieht sie in eine betreute WG – und bricht den Kontakt ab. „Ich hatte das Gefühl, nochmal allein gelassen zu werden“, sagt Anamika. Sie fühlt sich zu Hause immer unwohler. Die Konflikte mit der Lebensgefährtin ihres Vaters spitzen sich zu. „Sie wollte ihn für sich allein haben“, meint die Jugendliche im Rückblick. „Irgendwann war ich an einem Punkt, wo ich nicht mehr weiter wusste.“

Mit nur elf Jahren packt sie ihre Sachen und geht. Eigentlich möchte sie zu ihren Großeltern nach Nürnberg ziehen. Doch ihr Vater erlaubt nicht, dass sie München verlässt. Anamika weigert sich ihrerseits, zurück nach Hause zu kommen. So landet sie im Kinderheim. Knapp zwei Jahre verbringt sie dort.

In dieser Zeit geht die Beziehung ihres Vaters in die Brüche. Er besucht seine Tochter an den Wochenenden, sie nähern sich wieder an. Eines Tages fasst sie Mut und zieht wieder zu ihm. Doch das Zusammenleben funktioniert nicht. „Wir haben uns kaum gesehen, er war immer unterwegs“, berichtet sie von dieser Zeit. „Er war nie für mich da, wenn ich seine Hilfe gebraucht hätte.“

Ende 2010, also vor zwei Jahren, packt sie erneut ihre Sachen. „Ich hab’s nicht ertragen können. Es hat sich immer weiter in mich reingefressen. Diese Einsamkeit in mir. Dieses Gefühl, verloren gegangen zu sein.“ Ihrem Empfinden nach, so sagt sie, sei sie seit langem Vollwaise. Während Anamika das alles erzählt, sitzt sie bei ihren Großeltern im Wohnzimmer. Nach dem gescheiterten Versuch, wie früher zusammen zu leben, stimmte der Vater einem Umzug seiner Tochter nach Nürnberg schließlich doch zu.

Dort haben Oma Gisela (80) und Opa Franz (85, beide Namen geändert) versucht, ihr endlich ein Zuhause zu geben. Doch die seelischen Wunden der Jugendlichen wollen nicht heilen. Ganz sachlich beschreibt sie das Erlebte. Fast, als würde sie über jemand anderen reden. Selbst wenn es nicht um ihre traurige Vergangenheit geht, sondern ganz Alltägliches, ist ihr kein Lächeln abzutrotzen.

Seit einigen Wochen wird sie in einer psychiatrischen Einrichtung in Nürnberg behandelt. Nur am Wochenende ist sie bei den Großeltern. Schleichend hat eine Depression von ihr Besitz ergriffen. Ende November hatte sie ein Gespräch mit ihrer behandelnden Psychologin: „Ich habe ihr gesagt, dass ich keine Kraft mehr habe zu kämpfen.“ Sofort wurde sie daraufhin in die Klinik eingewiesen.

Die 16-Jährige wünscht sich einen Laptop und Klavier-Unterricht

Inzwischen geht es Anamika schon wieder besser. Sie hat wieder Lust auf Unternehmungen. Lust aufs Leben. Trotzdem sagt die 16-Jährige: „Ich habe so viele Ängste, die einfach nicht gehen wollen.“ Die Angst, einsam zu sein. Die Angst, aufzugeben. Dann denkt sie oft an ihre verstorbene Mutter. Erinnert sich, wie sie früher von ihr an der Bushaltestelle abgeholt wurde. Oder wie die Mama vor dem Fernsehen Kissen bestickte. Kissen, die jetzt bei den Großeltern auf dem Sofa liegen. Kontakt zu seinem Vater hat das Mädchen heute eher sporadisch.

Nach Weihnachten darf Anamika wahrscheinlich wieder nach Hause. Obwohl dieser Begriff wohl schon nicht mehr treffend ist. Denn Anamika will nicht bei ihren Großeltern bleiben. Nicht etwa, weil sie nicht alles getan hätten, um ihr ein Heim zu bieten. Im Gegenteil. Warum es sie trotzdem wegzieht? „Ich habe Angst davor, dass meine Großeltern irgendwann sterben. Angst, dass ich in den nächsten Raum gehe und etwas Schlimmes ist passiert.“ Noch einmal diese Erfahrung – das möchte sie sich ersparen. Also schafft sie lieber Distanz.

Im nächsten Jahr möchte sie gerne in eine betreute WG ziehen. Oma Gisela hält Anamika nicht auf. „Für sie ist es, glaube ich, besser, auch wenn ich es bedauere“, sagt die warmherzige Frau. „Wenn es ihr gut geht, geht es mir auch gut.“ Und leise fügt sie hinzu: „Und wenn es ihr schlecht geht, geht es mir auch schlecht.“

Sie und ihr Mann würden der Enkelin gerne vieles ermöglichen. Doch die kleine Rente und ihre Grundsicherung reichen einfach nicht aus. Anamika möchte gerne wieder Klavier-Unterricht nehmen – aber das sprengt das vorhandene Budget. Auch für Nachhilfe-Stunden fehlt das Geld. Und für einen Laptop, der heute schon in der Schule dazu gehört, sowieso. Wenn die Jugendliche ein Referat für den Unterricht vorbereiten muss, tut sie das bei einer Freundin.

Wenn sie mit der Schule fertig ist, will Anamika unbedingt Erzieherin werden. Sie mag Kinder. Mag ihre Fröhlichkeit und Unbeschwertheit. Sie kennen dieses Gefühl noch nicht – dieses Gefühl, verloren gegangen zu sein.