Hagen Bielohlawek (69) sitzt im Rollstuhl – und ist doch immer für seine kranke Gudrun (70) da.

PEISSENBERG Hagen Bielohlawek sitzt am Krankenbett seiner Frau Gudrun und streichelt zärtlich ihre Hand. Die beiden sind seit 42 Jahren verheiratet. Aber wenn sie sich ansehen, lächeln sie wie verliebte Teenager.

Als Gudrun Bielohlawek ins Pflegeheim nach Peißenberg kam, zog ihr Mann ins Betreute Wohnen im selben Haus. Nur so kann der Rollstuhlfahrer seine Gudrun jeden Tag besuchen, von zwölf Uhr mittags bis zum Abendbrot um 18 Uhr bei ihr sein.

Der Umzug hat große Löcher in das kleine Budget des Rentners gerissen: Der Möbelwagen musste bezahlt werden, eine Kaution gestellt, das Bett umgearbeitet. Das Geld dafür hat sich Hagen Bielohlawek von Verwandten geliehen. Nun stottert er die Schulden ab. Doch mehr als 25Euro im Monat kann er nicht zurückzahlen – und diese Hilflosigkeit raubt ihm den Schlaf. Denn eigentlich ist der 69-Jährige ein Kämpfer.

Als Bub erkrankt Hagen Bielohlawek an Kinderlähmung. Seinen rechten Fuß und den linken Arm kann er seitdem nur eingeschränkt bewegen. Trotzdem arbeitet er jahrzehntelang für zwei Weilheimer Firmen, die Zapfsäulen herstellen. Hagen Bielohlawek geht Angeln, zum Schützenverein und manchmal auf Feste.

An Weihnachten 1969 besucht der 1,91-Meter-Mann den Münchner „Club der langen Menschen”. Dort steht sie plötzlich vor ihm, stolze 1,92Meter groß: Gudrun aus Ebersberg, Arbeiterin in einer Lederhandschuh-Fabrik. „Ich hab’ mir einfach die Beste ausgesucht – und das war sie. Ich hab’ zu ihr gesagt: Ich geb’ dir ein Vierteljahr, dann musst du dich entscheiden.” Am 27.7.1970, seinem 27.Geburtstag, führt er seine Gudrun zum Altar.

Bis heute ist das Ehepaar unzertrennlich. „Das geht nur mit Liebe und indem man sich ausspricht, wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt”, sagt er. „Man muss lieb zueinander sein und treu”, sagt sie. Dann schaut Gudrun Bielohlawek zu ihrem Hagen: „Du bist ein guter Ehemann.”

Ein guter Ehemann und ihr Lebensretter. Denn eines Abends im Mai 2010 findet Hagen Bielohlawek seine Frau, die bereits den zweiten Herzschrittmacher hat, reglos im Schlafzimmer. „Sie konnte nur noch mit der Zunge Zeichen geben.” Der Rentner alarmiert sofort den Notarzt. Als er eintrifft, ist Gudrun Bielohlawek schon bewusstlos. „Er hat sie mit Elektroschocks ins Leben zurückgeholt”, erzählt der Ehemann und seine Augen füllen sich mit Tränen. „Es war furchtbar. Aber der liebe Gott war gnädig.”

Gudrun bekommt den dritten Herzschrittmacher, dazu einen Defibrillator. „Da passt einer auf den anderen auf”, erklärt ihr Mann. Seit dem Zusammenbruch ist die 70-Jährige ein Pflegefall.

Im Januar 2011 zieht sie ins Josef-Lindauer-Haus nach Peißenberg. Ihr Mann, der mittlerweile kaum noch laufen kann und einen Rollstuhl braucht, folgt ihr im März. „Dort habe ich sie zum zweiten Mal kurz vor dem Ende erwischt.” Ein epileptischer Anfall. Wieder reagiert Hagen Bielohlawek blitzschnell und holt Hilfe.

Kurze Zeit später klappt der tapfere Mann selbst zusammen. „ Und jetzt hab’ ich auch einen Herzschrittmacher”, sagt er trocken.

Dass er am Essen spart, um die Schulden bezahlen zu können, ist sicher nicht förderlich. Und dass sein Fiat, mit dem er Einkäufe erledigt, unlängst zur Inspektion musste, hat die Situation noch verschärft.

Trotzdem lassen sich die Bielohlaweks nicht unterkriegen und schmieden Pläne: Bis jetzt hat Gudrun ihr Zimmer nicht verlassen. Ihre Muskeln sind schwach vom langen Liegen. Deshalb traut sie sich nicht, in einen Rollstuhl zu steigen. An Heiligabend allerdings will sie all ihren Mut zusammennehmen und sich im Rolli in Hagens Wohnung fahren lassen, um mit ihm zu feiern.