Münchner Biennale für Neues Musiktheater Die Performance "Anticlock" von Mirko Borscht

Die Performance "Anticlock" bei der Münchner Biennale für Neues Musiktheater. Foto: Franz Kimmel

Eine Warnung vor der Performance „Anticlock“ bei der Münchner Biennale für Neues Musiktheater

Imposante, blitzende Riesenröhren führen nach oben. Messgeräte zeigen den Druck an. In einer Ecke steht ein Gabelstapler mit einer Palette Salzsäcke für die Wasserenthärtung. Und es ist so sauber, dass man vom Boden essen könnte.

Die Energiezentrale im Keller des Gasteig ist von brutaler, übermenschlicher Wucht. In der Performance „Anticlock“ von Mirko Borscht darf man hinein. Und das ist auch schon das Beste daran.

Eine leicht verstört wirkende Blondine führt im Rückwärtsgang zur Unterwelt. Während man noch über die anstehende Generalsanierung des städtischen Kulturzentrums nachdenkt, verhandelt die Dame mit einem Wächter samt Hund. Aha, ein Zerberus, denkt der Bildungsbürger, ehe das Theater in Erlebnispädagogik umschlägt.

Man setzt Schlafbrillen auf und wird mit dem Bus in den Stadtteil Am Hart entführt. Die Dame philosophiert bei der Fahrt weiter über die Zeit und die Welt. Dann geht es in ein altes Gewächshaus – eine Zwischenwelt der Untoten, die in Gummistiefeln betreten werden darf. Wer nicht aufpasst, wird ein bisschen nassgespritzt. Jede Fahrt mit der Geisterbahn erregt mehr Jammer und Schrecken im Sinn der Poetik des Aristoteles als diese läppische Performance.

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Auf dem Oktoberfest hätte es zu den Geistern wenigstens Bier gegeben. Und bessere Musik auch. „Anticlock“ bemüht das Brummen der Klimaanlage, fernen Chorgesang in der Unterwelt, vom Busfahrer kuratierte Radiomusik und die Arie der Königin der Nacht, gesungen von Florence Foster Jenkins. Das muss erwähnt werden, weil das neue künstlerische Leitungsduo der Münchener Biennale das solide Komponieren in Interviews emphatisch hochhält.

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„Anticlock“ behauptet, sich mit dem Begriff der Zeit auseinanderzusetzen. Borscht bleibt unter dem Niveau von Michael Endes „Momo“ und verplempert drei Stunden fremder Lebenszeit. In der Uraufführung brachte die lausige Organisation den schlecht informierten Busfahrer fast um die gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeit.

Die Schuldigen zeigten sich nicht. Daniel Ott und Manos Tsangaris waren wohl in der anderen Biennale-Uraufführung. Sie werden gewusst haben, warum. Vielleicht hielten sie auch innere Einkehr über ihre eigene Zukunft und die dieses an sich so wichtigen Festivals. Es würde nicht schaden.

Bis 8.6., 20 Uhr, Treffpunkt Gasteig, Glashalle, 18 Euro

 

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