Münchens Star-Zeichner Uli Oesterle Ausstellung: Echt der Wahnsinn, diese Stadt

Am Lenbachplatz zu sehen ist diese Szene aus Uli Oesterles "Vatermilch" – mit St. Maximilian im Hintergrund. Foto: Uli Oesterle/Daniela Hofner

Münchens Star-Zeichner Uli Oesterle wird auf dem Comicfestival mit einer Ausstellung gefeiert – und zwei Großformate sind am Lenbachplatz zu sehen.

Hector Umbra, der melancholische Münchner Comic-Antiheld, ist wieder da. In der neuen Episode "Getrennte Wege" trifft der Mann, der die Wahnvorstellungen der Anderen sehen kann und auf die Songs von Tom Waits steht, auf eine Multiple Persönlichkeit. Das kann nicht gut gehen.

Der Münchner Zeichner Uli Oesterle hat den Schattenmann und mit ihm ein meist dunkles München geschaffen, in dem das neugotische Rathaus noch mehr nach "Gothic" aussieht. Oesterle selbst hingegen, geboren 1966 in Karlsruhe und zweifacher Familienvater, wirkt so gar nicht düster, sondern trotz akutem Abgabe-Stress erstaunlich aufgeräumt.

Seit 2008 logiert er mit seinen acht Kollegen vom Design-Studio "Die Artillerie" (das sie 1995 gegründet haben) in Schwabing – und entwirft ein München, das meistens eher nach Tegernseer Landstraße aussieht. Gerade kam Oesterles neues Buch "Kopfsachen" heraus. Darin sind einige Graphic Novels, die bisher nur zum Teil in Deutschland erschienen sind, mit der neuen Umbra-Story kombiniert. Darüber hinaus ehrt ihn das Comicfestival mit einer Ausstellung, und zwei seiner Zeichnungen sind bis 30. Juni als Großformate auf dem Billboard am Lenbachplatz zu sehen.

Auf die Frage nach dem gewissen Wahnsinns-Potenzial, das man braucht, um sich Figuren wie Umbra und seinen Freund Osaka auszudenken, erzählt Oesterle: "Ich hatte mit 23 vorübergehend Gedächtnisschwund und eine Aphasie mit Wortfindungsproblemen, konnte auch Schrift plötzlich nicht mehr lesen. Da hatte ich Angst, ich werde verrückt. Und ich habe eine Ahnung davon bekommen, was es heißt, wenn der Kopf nicht so funktioniert wie gewohnt."

Seither werden Alpträume wahr in seinen Comics – und oft nehmen sie ein schlimmes Ende: Ein Horror-Baby sperrt seinen fiesen Vater in der Sauna ein, ein Mann mit einem sich verselbständigenden Tattoo endet als Skalp beim Tätowierer. Dafür hat Oesterle den perfekten Stil gefunden. Geprägt hätten ihn dabei, wie er erläutert, Hergés "Ligne claire" ebenso wie die Amerikaner Charles Burns und Mike Mignola – und die Ästhetik des expressionistischen Films vom "Cabinet des Dr. Caligari" bis "Nosferatu".

Doch bleiben Grenzgänge für Oesterle auch im echten Leben Thema: Im Herbst 2016 hat er bei einer Kunst-Aktion mitgemacht, im Rahmen derer er drei Tage als Obdachloser durch München getingelt ist. Ein bitterer Selbstversuch – aber, so Oesterle: "Das kann theoretisch jedem von uns passieren". Das beschäftigt ihn nicht zuletzt deshalb, weil sein Vater in Alkoholismus und Obdachlosigkeit abrutschte, nachdem er sich von der Familie getrennt hatte. Der Sohn hat ihn erst "als Leiche im Sarg" wieder gesehen.

Das ist auch der Antrieb für das aufwändige Buchprojekt "Vatermilch", dessen erster Band 2020 erscheinen wird. Der Protagonist ähnelt dem verlorenen Vater, vieles ist verfremdet, aber auch ein Alter Ego Uli Oesterles kommt darin vor. Er wagt die schmerzhafte, aber intensive Aufarbeitung eines Traumas durch seine Kunst.

Wenn er die Zeit dafür hat: Derzeit arbeitet er auch noch im Endstadium an einem Wimmelbild für ein Puzzle: Eine altehrwürdige Bibliothek, belebt wie der Stachus zu Stoßzeiten, in der Schriftsteller und ihre Romanfiguren auftauchen. Hector Umbra ist natürlich auch dabei.


Roberta De Righi Comicfest, Alte Kongresshalle, bis 28. Mai, Do 12- 19, Fr/Sa 10-19, So 10-18 Uhr

Uli Oesterle: "Kopfsachen", Carlsen Verlag, 16,99 Euro

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