Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" mit Diana Damrau und Rolando Villazón läuft in der Staatsoper: Die musikalische Seite dominiert harmloses und oberflächliches Dahingeplätschere.

München - Operette ist angesagt: In Spalanzanis Zauberstube geht es zu wie bei einem Kindergeburtstag. Der Titelheld erscheint in kurzen Hosen, um seiner ersten, großen Liebe nahe zu sein: Publikumswirksam bewegt sich die Puppe Olympia wie eine Marionette, baumelt mit den Beinen brav von links nach rechts, reißt zackig die Arme in die Höhe und trillert herzallerliebst.

Schon zu Beginn lässt Diana Damrau keine Zweifel aufkommen, wer an diesem Abend in der Staatsoper die Kohlen aus dem Feuer holen wird. Mutig hat sie alle drei Sopranpartien in Offenbachs Oper übernommen. Die Koloraturen der Olympia gelingen hinreißend, später dann, als todkranke Antonia, wird sie leider von der Regie in eine alberne Stummfilm-Pose gezwungen. Mit schwarzer Perücke im weißen Nachthemd (Kostüme: Buki Shiff) geistert sie über die Bühne und gibt Rätsel auf. Als Kurtisane Giulietta darf sie gelegentlich ordinär lachen und resolut die Arme in die Hüften stemmen.

Ein Glück, dass sie sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. Musikalisch setzt Diana Damrau einen Höhepunkt nach dem anderen. Sie ist die grandiose Mitte, um die sich alles dreht. Und der sich auch der Titelheld beugen muss. Vorab war man etwas beunruhigt, ob Rolando Villazón für die Partie des Hoffmann das nötige Stehvermögen mitbringen würde. Auch vor seiner Stimmkrise dürfte er nicht die Idealbesetzung gewesen sein.

Jetzt, wo man ihm anmerkt, wie schwer manche Passagen – vor allem im Giulietta-Akt – zu bewältigen sind, bleiben trotz der dramatischen Vehemenz dann doch Wünsche offen: Wenn er forciert, wird die Stimme eng. Glanz und Durchsetzungsvermögen halten sich in Grenzen. Und auch im Spiel wirkt der Mexikaner zwar ungemein intensiv, aber manchmal allzu aufgedreht. Regisseur Richard Jones lässt ihn seine Liebesabenteuer mit der Flasche in der Hand erzählen – Hoffmann, ein schwadronierender Suffkopf? Wohl eher nicht, aber die Inszenierung hatte ohnehin kaum vor, viele Zwischentöne zu investieren.

Für Jones ist Offenbachs fantastische Oper „Les Contes d’Hoffmann” – so jedenfalls äußerte er sich zuvor in diversen Interviews – in erster Linie „französisch unterhaltender Boulevard”. Oder ein bisschen wie „Alice im Wunderland”: es darf gelacht werden, Melancholie bleibt ausgespart. Die großen tragischen Momente, etwa des Antonia-Aktes, werden rasch abgewürgt: Wenn Crespels Diener Frantz (Kevin Conners), der viel lieber ein Opernstar geworden wäre, in einem Couplet bedauert, wie wenig seine Gesangskünste beachtet werden, dann liefert er das hurtig an der Rampe ab.

Eigentlich ein Kabinettstückchen, wozu aber auch gehört, dass der Dirigent einmal auf die Bremse tritt, anstatt vorbei zu rasen. Doch sonst achtete Constantinos Carydis am Pult des Bayerischen Staatsorchesters vor allem darauf, dass die Musik der Eleganz der französischen Spieloper verpflichtet blieb. Die Atmosphäre der Olympia-Szenen war mit Verve und Temperament eingefangen. Schade, dass man sich auf einen Einheitsraum festgelegt hatte (Bühne: Giles Cadle). So fand die berühmte Barcarole, die ja eigentlich den bezaubernden Reiz einer venezianischen Sommernacht einfangen soll, lieblos zwischen Tür und Angel statt.

Immerhin: Diana Damrau, Rolando Villazón, Angela Brower (Niklausse) und auch der prächtige kanadische Bassist John Relyea, der alle vier Bösewichter singen durfte, sorgten dafür, dass die musikalische Seite deutlich über eine Inszenierung dominierte, die insgesamt dann doch allzu harmlos und oberflächlich dahin plätscherte.