Von den Menschen, die ihn kennen, wird der mutmaßliche Mörder Marco F. (19) als seltsam, verhaltensauffällig und als „Opfertyp“ beschrieben – dabei sah er sich selbst offenbar ganz anders.

München - Er schottete sich nach außen ab, lebte in einer wirren Welt voller großäugiger Comicfiguren, Gewalt- und Machtphantasien.

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Marco F. (19) wohnte mit seiner Mutter, seinen beiden älteren Schwestern und zwei Hunden in einer Vier-Zimmer-Wohnung nur 300 Meter von Katrin Michalk entfernt. Die 31-Jährige lief an der Wohnung auf dem Weg von und zur U-Bahn an dem Haus oft vorbei – ohne dass sich die beiden kannten.

Marcos Mutter ist seit Jahren alleinerziehend, die Eltern leben getrennt. Der Vater betreibt ein Lokal in Sendling.

Schon als Baby bereitete der Sohn seinen Eltern Sorgen und Probleme. Der Kleine litt unter Neurodermitis, kratzte sich überall blutig. „Die Mutter hat sich immer sehr gekümmert“, sagt Nachbarin Traudl B. Die 61-Jährige lebt seit Jahren mit der Familie auf einer Etage. Die Mutter habe immer viel gearbeitet, um die große Wohnung halten zu können.

Die Nachbarn beschreiben die Frau als freundlich und unauffällig. „Wenn die Hunde im Treppenhaus Schmutz machten, wischte sie immer sofort hinterher“, sagt einer.

Im PC-Spiel ist er ein Schwertkämpfer

Ihr Jüngster galt im Haus als merkwürdig. Aber einen Mord hätte ihm niemand zugetraut. „Ich hätte nie gedacht, dass Marco zu so etwas fähig sein könnte. Für mich war er ein Opfertyp, einer, der nicht rechts und links schaute. Als Kind wurde er von den anderen verprügelt“, sagt Traudl B.

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Marco B. war extrem in sich gekehrt und verhaltensauffällig. Wenn er im Treppenhaus gegrüßt wurde, habe er nach unten geblickt und „nie ein Wort gesprochen“, berichtet ein junger Mieter. Helga R. (72) aus dem Nachbarhaus: „Meines Wissens war er krank. Ich glaube, er litt unter Autismus. Er ging auch auf eine Förderschule.“

Vor einigen Jahren wurde Marco F. bei einem Ladendiebstahl erwischt, sonst fiel er jahrelang nicht auf – bis November 2012. Da bekam die Polizei einen Hinweis, dass der damals 18-Jährige vor einem Freund damit geprahlt hatte, dass er sich eine Pistole und ein Schwert besorgen wolle, um jemanden „zu überfallen“.

Um eine gezielte Person ging es Marco F. dabei offenbar nicht.

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Sensibilisiert durch die Amokläufe in der jüngeren Vergangenheit ging die Polizei dem Hinweis nach. Der 18-Jährige und seine Mutter bekamen Besuch von der Polizei. Marco F. bekam eine so genannte Gefährderansprache. Auch zu den Beamten äußerte er Gewaltphantasien.

Die Polizei schaltete daraufhin das Jugend- und Gesundheitsamt ein. „Aber die Familie hat Hilfsangebote abgelehnt“, sagte Markus Kraus, Chef der Münchner Mordkommission, am Freitag.
Kurz nach der Gefährderansprache kam es nach AZ-Informationen in der Gegend zu einer Häufung von zerstochenen Reifen in der Tiefgarage, auch ein Auto wurde angezündet. Die Polizei wird nun prüfen, ob es einen Zusammenhang gibt.

Marco F. lebte offenbar in einer wirren Welt. Auf seinem (mittlerweile gesperrten) Facebook-Profil stellte sich der Sonderschüler als Selbstständiger dar, der an der Uni Köln und der TU München studiert hatte. In seine virtuellen Fotoalben stellte er Samuraischwerter, kämpfende Comicfiguren, unscharfe Fotos seiner Hunde und großäugige Manga-Figuren – zeitweise trug er selbst eine Frisur wie eines seiner Idole.

Am 4. Januar steigerten sich seine kranken Phantasien so sehr, dass er loszog, um zu töten. Irgendjemanden.

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