Das Münchner Unternehmen investiert in eine riesige Offshore-Anlage, die rund 400 000 Haushalte mit Strom versorgen kann. Die AZ hat sich das Großprojekt vor Ort angesehen

München/Mostyn - Die Isolatoren knistern, es riecht nach Kuhdung und die Sonne gleißt auf Florian Bieberbachs gelben Bauhelm. Mit zugekniffenen Augen schaut er auf die silbern glänzenden Schaltfelder. Brrz, wieder knistert es leise. „Mehr als 5,3 Millionen Kilowattstunden Strom werden hier im Schnitt täglich ankommen“, sagt er. Ein Drittel davon gehört dann seiner Firma – und damit den Münchnern. Florian Bieberbach ist der Chef der Stadtwerke (SWM). Und die investieren in das Großprojekt.

„Gwynt y Môr“ heißt es, über zwei Milliarden Euro kostet es. Es soll ein großer Beitrag zur Energiewende sein. Knapp 1200 Kilometer von München entfernt, an der walisischen Küste, investieren die SWM in einen riesigen Windpark. „Wenn er fertig ist, wird er der zweitgrößte Offshore-Windpark der Welt sein“, sagt Florian Bieberbach. „Und hier kommt der Strom an.“

Knapp ein Drittel der Anlage gehört den SWM

Florian Bieberbach gefällt, was er sieht: Ein brandneues Umspannwerk nahe der Stadt Saint Asaph. Es liegt in einer sehr ländlichen Gegend, gleich hinter den Transformatoren ist eine Weide, auf der Holstein-Rinder grasen. Ein hoher Maschendrahtzaun trennt sie vom Umspannwerk. Hierher fließt die Elektrizität, die 160 Windräder erzeugen. Sie stehen einige Kilometer nördlich, in der Bucht von Liverpool, an einer Stelle, die zu Wales gehört und in der Irischen See liegt. Der Name „Gwynt y Môr“ heißt aus dem Walisischen übersetzt „Wind des Meeres“.

Und von dem Strom, der aus der Meeresbrise wird, gehören 30 Prozent der SWM. Das Unternehmen teilt sich das Projekt mit dem Essener Energieriesen RWE, der 60 Prozent hält und dem Konzern Siemens, der 10 Prozent hat. Ende des Jahres soll der Park fertig sein und mit einer Leistung von 576 Megawatt so viel Strom produzieren, wie etwa 400 000 Haushalte im Schnitt benötigen.

Knapp neun Jahre ist es her, dass der Bau beantragt wurde. 2008 gab’s dann den Bescheid. 2009 haben die Unternehmen mit den Onshore-Bauten, also den Gebäuden auf dem Festland wie dem Umspannwerk, begonnen. Seit etwa zwei Jahren wird Offshore, also im Meer gebaut. Nun steht der Windpark, die Hälfte der Räder ist bereits in Betrieb. Und in Mostyn ist es wieder ruhiger.

Mostyn ist ein Ort an der Küste. Hier sind die Einzelteile montiert worden, bevor sie aufs Meer gebracht wurden. Jetzt ist das „Gwynt y Môr“-Gelände in Mostyn vor allem viel bracher Kies. Stellenweise verblüht ein Flieder. „Hier wird jetzt ein neues Betriebsgebäude errichtet. Der Windpark bietet dauerhaft 100 Jobs für Ingenieure.“

Das sagt Jonathan Darling. Er betreut das Projekt für RWE und ist sichtlich stolz. „Wir werden rechtzeitig fertig, auch wenn es teilweise schwierig war.“ Vor allem das Wetter hat den Bau verzögert. Im Winter war es mal zwei Monate am Stück schlecht. Und schlecht heißt an der Küste von Wales: richtig stürmisch. Da kann man im Meer nichts montieren. Dann fanden die Arbeiter auch noch drei deutsche Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg am Meeresgrund. Sie wurden weggeschafft und gesprengt.

Und schließlich sorgte noch der Meeresgrund selbst für die ein oder andere Überraschung. „An manchen Stellen war er einfach härter, als wir erwartet hatten“, sagt Jonathan Darling. „Eine Herausforderung für unseren Hammer.“ Der Hammer ist eine riesige Maschine, mit der die Stahlfundamente der Windräder in den Boden gedrückt werden. Das Wasser ist dort zwischen zwölf und 28 Meter tief, die Pfeiler sind zwischen 45 und 64 Meter lang sowie etwa sechs Meter dick. Jeder Pfeiler ist eine Sonderanfertigung.

Auf die Pfeiler kommen dann die Windräder. Insgesamt sind sie bis zu 140 Meter hoch. Die 160 Stück verteilen sich auf knapp 80 Quadratkilometern. Von der Küste aus gesehen wirken sie klein. 13 Kilometer sind es vom Strand bis zum ersten Radl. Die Menschen vor Ort stört das nicht, sie kennen das Bild. RWE hat bereits zwei kleinere Windparks in dieser Bucht. Und auch, wenn alle drei Parks zusammengenommen der größte Windpark der Welt wären, Widerstand regte sich keiner.

Schließlich wollen auch die Briten Ökostrom. Nur gut 70 Kilometer entfernt von dem neuen Windpark steht das Atomkraftwerk Wylfa. Die Waliser wollen es abschalten. Ein Teil des Ersatzstroms könnte aus „Gwynt y Môr“ kommen.

„Eingespeist wird der Strom dort, wo er produziert wird, um Verluste durch lange Transportwege zu vermeiden“, sagt Florian Bieberbach. Aber der walisische Strom nütze auch den Münchnern: „Man muss sich das europäische Strom-Verbundnetz wie einen großen Energie-See vorstellen. Jeder speist in diesen See ein, jeder nimmt etwas. Und jede regenerativ erzeugte Kilowattstunde macht den See sauberer.“

In elf Jahren Ökostrom für ganz München

Für die SWM hätten Projekte in München klaren Vorrang, sagt Bieberbach. Zudem investiert das Unternehmen aber im europäischen Ausland, etwa in Frankreich, Schweden, Spanien oder eben Wales. „Bis 2025 wollen wir so viel Ökostrom in eigenen Anlagen produzieren, wie ganz München verbraucht. Im Moment haben wir davon schon 39 Prozent.“

Florian Bieberbach steht jetzt am Strand bei Abergele, wo man einen diesigen Fernblick auf „Gwynt y Môr“ hat. Er zieht sein Handy aus der Tasche und macht ein Foto von sich, fürs Internet. Eine Böe fährt ihm durch die ordentlich gekämmten Haare. Gut so. Er knipst. Darf man ruhig sehen, dass hier der Wind weht.