Metropoltheater Eine famose "Alice" mit Musik von Tom Waits

"Alice" im Metropoltheater. Foto: Jean-Marc Turmes

Das Metropoltheater zeigt „Alice“ nach Lewis Carroll mit Musik von Tom Waits

An Bühnenversionen dieser Geschichte herrscht in München kein Mangel. 2007 wurde im Nationaltheater Unsuk Chins Oper „Alice in Wonderland“ nach Lewis Carroll uraufgeführt. In der Vorweihnachtszeit tanzt das Staatsballett wieder Christopher Wheeldons Luxusversion als Familienstück. Nebenan, im Residenztheater, läuft der gleiche Stoff ebenfalls für jüngere Zuschauer.

Die 1992 am Hamburger Thalia-Theater uraufgeführte „Alice“ von Tom Waits und Robert Wilson ist darüber ein wenig in Vergessenheit geraten. Dieses Hochkultur-Musical galt immer als blasser Wiedergänger des legendären „Black Rider“. Zu Unrecht, wie nun der Regisseur Philipp Moschitz im Metropoltheater nachweist. Aber nicht für Kinder, sondern ausdrücklich für Erwachsene, wie der behaarte Unterleib auf dem Plakat unmissverständlich ankündigt.

Keine unschuldige Beziehung

Waits, Wilson und ihre Texter Kathleen Brennan und Paul Schmidt unterschlagen den Sprachwitz und die Unsinnsdialoge nicht. Aber sie bändigen die Gefahr der Zerfaserung durch die Verdichtung der episodischen Geschichte auf ein Thema: die Obsession von Charles Dodgson alias Lewis Carroll für die junge Alice Liddell. Als diese Beziehung ihre Unschuld zu verlieren droht, versetzt der schwammige ältere Mann das Mädchen in eine Traumwelt, in der er als Weißes Kaninchen an ihrer Seite bleiben kann.

Im Metropoltheater lässt sich die Vorlage kaum von der kongenialen Umsetzung durch Moschitz trennen. An Robert Wilsons Bildertheater denkt man kaum. Alice ist eine von Vanessa Eckart geführte Puppe. Sie ist buchstäblich das Objekt der Begierde und ihre Maske ein Spiegel der männlichen Wünsche. Beim ersten Anflug von erwachsenem Selbstbewusstsein wird sie für ihren Bewunderer uninteressant und klappt zusammen.

Eine Alice, die mit Kindergeburtstagen im Theater versöhnt

Wenn Dodgson-Carroll (Thomas Schrimm) am Anfang dadaistisch nach Buchstaben und Worten sucht, ist das ernster als in den üblichen „Alice“-Vorstellungen: Im Metropoltheater könnte es auch ein dementer Mann sein, der mit seiner Erinnerung ringt. Irgendwann legt er Alice nahe – man könnte auch von Zwang sprechen – in eine Melodica mit Schlauch zu blasen. Das ist eine poetische, unheimliche und zugleich auch sexuell aufgeladene Szene.

Diese Offenheit und die Vieldeutigkeit ist ein Vorzug der Inszenierung wie der Vorlage. Der zum Diakon geweihte Dogdson-Carroll ist selbst auch Opfer sexuellen Missbrauchs: Da lässt eine Szene mit Chorknaben eigentlich keinen Zweifel offen. Von all dem berichtet die Bühnenfassung in einem locker schaurigen Bänkel-Tonfall, zu dem die zwischen Swing, rauchigem Jazz und sinistren Balladen changierenden Songs beitragen. Sie werden von einer Band unter Leitung von Andreas Lenz von Ungern-Sternberg im Hintergrund begleitet.

Wer schon ein paar Alices hinter sich hat, weiß zu schätzen, wie vielschichtig die famose Maria Hafner die Herzkönigin hinlegt: erst als sanfte Parodie auf Elizabeth II., die erst langsam in den schrillen Ton verfällt, der bei dieser Figur mit ihrem „Kopf ab!“-Geschrei unerlässlich ist.

Ein böses Märchen für Erwachsene

Dass auf der eher kleinen Bühne an der Floriansmühlstraße kein Budenzauber möglich ist, gerät der Aufführung zum Vorteil: Die Bühne von Thomas Flach besteht aus einer hochgestellten, drehbaren Scheibe mit eingebauten Schiebetüren. Sie knallen beim Köpfen zusammen, sind aber auch die perfekte Sitzgelegenheit für eine Diseuse mit Zylinderhut, die ihre schönen Beine zeigen möchte. Die Kostüme von Cornelia Petz sind auf Nahsicht berechnet – etwa die beiden Schafe mit Zottelperücken und dem Wollknäuel auf dem Kopf. Oder der Huhn-Hut mit den wackelnden Schenkeln.

Trotzdem steht die Schauspiel- und Sangeskunst im Vordergrund. Alle Darsteller spielen mehrere Rollen. Sebastian Griegel wirkt immer wieder wie ein Double von Thomas Grimm als Dodgson-Caroll, bis sich die beiden gegen Ende als schwarzer und weißer Ritter gegenübersehen. Das sorgt für eine weitere dramaturgische Verdichtung des Stoffs.

Diese „Alice“ vervollständigt nach vielen Jahren die 1998 mit „The Black Rider“ begonnene Tom-Waits-Trilogie des Metropoltheaters. Ihr Zauber versöhnt mit dem Stoff nach vielen Theater-Kindergeburtstagen. Und nach dem Applaus bei der Premiere zu urteilen: Das wird ein Renner.

Floriansmühlstraße 5, wieder Sa. und So. (Warteliste) sowie am 2., 3., 7., 9. und 10. Dezember sowie im Januar, Telefon 32 19 55 33

 

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