Metropolispreis fürs Lebenswerk Michael Haneke: Ich hab gut lachen, aber die Welt...

Vor der Gala, vor der Hochschule für Fernsehen und Film in der Gabelsbergerstraße: Michael Haneke. Foto: Christof Arnold

Michael Haneke ist in München und bekommt den Metropolispreis für sein Regie-Lebenswerk. Anlass für Heiterkeit und Abrechnungen.

Vor ihm fürchten sich viele. Denn Michael Haneke hält das Beantworten von „dummen Fragen“ für ärgerliche Zeitverschwendung. Aber er ist durchaus heiter. Gesternabend hat er den Metropolispreis des Deutschen Regieverbandes in der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film bekommen. Zuvor hat er mit HFF-Studenten diskutiert und ein AZ-Interview gegeben. Als Erstes erkundigt er sich nach Ponkie, „die einzige Person, die unfassbar klug in großer Kürze Filme wesentlich analysieren und kritisieren kann.“ Dann geht es los.

AZ: Herr Haneke, Marlene Dietrich hat gesagt: Wer einen Preis fürs Lebenswerk bekommt, ist mit einem Bein schon im Grab! Sie bekommen jetzt mit 73 Jahren dafür den Metropolispreis.

MICHAEL HANEKE: Ich kann den Preis entspannt in Empfang nehmen, weil ich meinen ersten Preis fürs Lebenswerk schon mit 46 Jahren bekommen habe – auf der Fernsehmesse Fipa in Biarritz.

Ihr Film „Wolfszeit“ behandelte schon 2003 Migration und Zivilisationszusammenbruch. Zwischen allen Ihren Erfolgen ist der etwas untergegangen.

Ja, weil er nicht gut war. Ich hatte Besetzungsfehler gemacht, musste dann 20 Minuten rausschmeißen und dann waren manche Geschichten und Szenen nicht mehr schlüssig.

Sie müssten jetzt halt ein Remake machen.

Ach, ich denke, alle Filmprojekte der nächsten Zeit, werden das Thema durchspielen. Das ist ja das Dilemma: Einerseits ist das gut, weil es halt das Thema ist, das uns gesellschaftlich noch lange umtreiben wird, andererseits behandelt man ein Thema auch schnell zu Tode. Im Fernsehne ist es das schon. Erst kommt der Schock auf allen Kanälen und die kurze Beschäftigung, aber dann sehr schnell das „Nicht-schon-Wieder“! Mir ist das zum Beispiel beim Jugoslawienkrieg so gegangen. Es wäre besser, diese Überfrequenzen zu drosseln und über einen größeren Zeitraum hinweg mehr in die Tiefe zu gehen. Das machen Zuschauer aber nur mit, wenn man ihnen noch genügend andere Themen gibt. So aber wird ein Thema durch Überangebot vernichtet, obwohl es noch virulent ist und bleibt. Aber wer jetzt noch was dazu sagt zu berichten, längt nur davon ab, dass niemand weiß, wie das alles gelöst wird.

Wenn man ihren Oscar-Erfolg „Liebe“ nimmt, indem am Ende ein alter Ehemann seine todkranke Frau erstickt: Deutschland hat jetzt gerade eine neues Sterbehilfe-Regelung beschlossen.

Und was ich mitbekommen habe, eine weiterhin konservative. Da wurde eine Chance vertan. Mir ist klar, dass Deutschland und Österreich mit dem Thema aufgrund der NS-Vergangenheit besonders sensibel umgehen.

Wahrscheinlich spielt auch die christliche Kultur da eine große Rolle.

Sicher. Aber es ist einfach der falsche Ansatz, wenn man sagt: Man will alte todkranke Menschen vor dem Druck schützen. Sondern man muss die Freiheit und Würde schaffen, sein Leben selbstbestimmt beenden zu können. Aber mein Film „Liebe“ war kein Plädoyer, weil jeder Zuschauer selbst überlegen konnte, warum der Mann das getan hat: Überforderung oder Liebe – oder eben alles zusammen.

Nach Ihrem Oscar-Triumph für „Liebe“, haben da – wie es immer heißt – sofort Hollywoodproduzenten angerufen, um Sie für ein Projekt zu ködern?

Genauso war’s. Ich habe dann auch die Drehbücher gelesen, aber die waren alle Blödsinn. Und wenn dann mal eines nicht schlecht war, hat es aber mich nicht interessiert. Ich bin kein Regisseur, ich bin ein Autorenfilmer, der eben eigene Geschichten realisiert. Ich muss zu einem Thema das Gefühl haben, ja, dazu habe ich was zu sagen. Ich bin das Gegenteil von Hollywood und habe ja auch keinen Hollywood-Oscar bekommen, sondern den „Auslands“-Oscar.

Aber sie waren ja in allen Hauptkategorien nominiert.

Ja, ein Wunder! Aber eben dort nicht gewonnen.

Warum machen Sie nicht mal eine Komödie und sagen zu Christoph Waltz: „Komm, wir entkommen der Imagefalle! Wir machen was, wo wir beide nicht ewig die Bösewichter sind!“

Weil ich Komödien nicht kann. Ich habe ja vor dem Film Theater gemacht und einmal eine Klipp-Klapp-Schnelligkeits-Komödie: „Glück zu dritt“ von Eugène Labiche. Und ich habe schon beim ersten Probentag gemerkt, das wird beschissen.

Warum können Sie Komödien nicht?

Weil das Leben nicht lustig ist.

Aber Sie lachen doch gern.

Ja, mit mir hat es das Leben ja auch gut gemeint, aber die Welt ist nicht zu lachen.

Sie haben zuletzt aber auch Oper gemacht: in Paris Mozarts „Don Giovanni“ als Managertyp und in Madrid die „Così“. Wie passt die fantastische Oper zu ihrem hart-realistischen Stil?

Eben, letztlich nicht! Diese zwei Da-Ponte-Opern eigenen sich für moderne, realistische Inszenierungen. Aber das war’s dann auch, auch wenn viele großen Häuser und die Salzburger Festspiele an mich hinreden. Ich will ja einen Stoff auch nicht vergewaltigen. Oper braucht Bilder. Ich aber bin kein Bilder-Regisseur, sondern ein Geschichten-Regisseur. Ich sage auch zu den Studenten: Ihr Beruf ist, eine Geschichte glaubwürdig zu machen!

Und was raten Sie an Filmhochschulen den Studenten?

Aufhören!

Wirklich?

Ja, ich versuche schon, zur Desillusionierung beizutragen. Aber ich arbeite gerne mit Studenten zusammen, weil das den Blick auf die Gegenwart schärft. Man selbst hat ja einen gleichaltrigen Freundes- und Bekanntenkreis.

Und was fällt Ihnen bei der Jugend auf?

Mit Generationen ändert sich immer das Lebensgefühl. Es ist heute einerseits lockerer, anderseits viel weniger lustig, heute in einem künstlerischen Beruf was machen zu wollen. Früher hatte man viel mehr Möglichkeiten.

Wirklich?

Ja, auch ich habe zeitweise hart kämpfen müssen und schlecht verdient. Aber versuchen sie heute mal, ein Filmprojekt beim Fernsehen unterzubringen. Und viele Schienen mit experimentelleren Stoffen und kleineren Formate sind abgeschafft. Und für größere Spielfilme werden ihnen von Idioten indiskutable Bedingungen diktiert. Und es heißt: Friss oder stirb.

Was machen Sie in München?

Ich kenne die Stadt ja nicht mehr. Dass ich viele Jahre im Lehel gelebt habe, ist zu lange her. Außer in Wien gilt für mich: Hotel und Arbeit! So kann ich leider sagen: Ich war schon überall und kenne nichts!

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