Diesen Samstag findet mitten in München eine verstörende Inszenierung statt: Behinderte werden zum Schein mit einem Baseballschläger verprügelt. Was das soll, erklärt hier der Initiator

MÜNCHEN Schwarz gekleidete Männer dreschen mit Baseballschlägern auf wehrlose Rollstuhlfahrer ein. Blut fließt, Menschen schreien – mitten auf dem Stachus. Mit dieser krassen Inszenierung will eine Gruppe behinderter Aktivisten am Samstagnachmittag auf ihre Benachteiligung im Alltag aufmerksam machen. „Die UN-Behindertenrechtskonvention ist seit 2009 in Deutschland rechtsgültig. In unserer Lebensrealität ist sie aber nicht angekommen“, sagt Andreas Vega, der am Samstag dabei sein wird.

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Der 51-jährige Münchner leidet seit frühester Kindheit an einer Muskelerkrankung. „Ich kann meine Arme und Beine nicht bewegen, sitze deshalb im Elektrorollstuhl.“ Ohne ihn könnte Vega weder einkaufen, noch seinen Hund Berta ausführen oder sich ehrenamtlich engagieren, etwa beim Verein „VbA – Selbstbestimmt Leben“, zu dessen Vorstand er gehört.

Als sein Rolli unlängst streikte, war das für Andreas Vega eine Katastrophe. „Hätte ich ihn eingeschickt, wie es üblich ist, hätte das für mich bedeutet, dass ich die Wohnung zwölf Tage lang nicht verlassen kann.“ Mal schnell einen anderen auszuleihen, sei unmöglich: „Mein Rollstuhl ist angepasst, ich kann in keinem anderen sitzen.“ Die Lösung wäre ein Ersatz-Gefährt für den Notfall, sagt der Münchner. „Aber das zahlt die Kasse nicht.“ Und genau in dieser Weigerung sieht Vega einen Widerspruch zur UN-Konvention. Denn dort heißt es in Artikel 20: „Die Vertragsstaaten treffen wirksame Maßnahmen, um für Menschen mit Behinderungen persönliche Mobilität mit größtmöglicher Selbstbestimmung sicherzustellen, indem sie unter anderem den Zugang zu hochwertigen Mobilitätshilfen (...) ermöglichen, auch durch deren Bereitstellung zu erschwinglichen Kosten.“

Andreas Vega hat sich schließlich selbst geholfen – und einen Spezl nach Thüringen ins Rollstuhl-Werk geschickt. „Er ist über Nacht gefahren, ich habe meinen Rolli am nächsten Abend zurück bekommen.“

Doch nicht jeder Behinderte hat solche Freunde, von zuverlässigen Beratern ganz zu schweigen. „Wenn Sie behindert sind, sind Sie auf sich allein gestellt“, sagt Vega. „Die Beratung der Sozialhilfeträger ist eher mau.“ Über die Mitarbeiter des Bezirks Oberbayern, die für Eingliederungshilfen vom Pfleger bis zum KFZ-Zuschuss zuständig sind, sagt Vega: „Die Sachbearbeiter vermitteln einem eher den Eindruck, dass sie dafür da sind, Anträge abzulehen.“

Aus diesem Gefühl heraus entstand im Winter 2010 der Arbeitskreis „Behindertenkonvention von unten“. Da hatten Vega und mehrere Rolli-Bekannte gerade eine Mitteilung vom Bezirk bekommen, dass ihnen der KFZ-Zuschuss gestrichen werden soll. „Dabei kann ich mit meinem schweren Rollstuhl die öffentlichen Verkehrsmittel kaum nutzen.“

Mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen wollten er und seine Mitstreiter fortan auf ihre Situation aufmerksam machen. Im März 2011 überreichten sie Bezirkstagspräsident Josef Mederer eine „Goldene UN-Konvention“. „Das gab einen ziemlichen Aufruhr, der dazu geführt hat, dass der Sozialausschuss des Landtags sich mit dem KFZ-Zuschuss und anderen Dingen beschäftigt hat“, sagt Andreas Vega zufrieden. Auch der Flashmob am Hauptbahnhof sei gut angekommen. „Wir haben Lärm gemacht für das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben.“

In dieser Hinsicht gebe es noch viel zu tun. „Die meisten Behinderten werden ins Heim gesteckt, obwohl vielleicht auch eine ambulante Betreuung möglich wäre“, sagt Andreas Vega. „Laut UN-Konvention ist Selbstbestimmung ein Menschenrecht. Ein Heim kann selbstbestimmtes Leben aber nicht ermöglichen. Dort sind Sie der Struktur, dem Personalmangel und der Hausordnung unterworfen.“

Auf all das wollen der Münchner und seine Mitstreiter am Samstag ab 14 Uhr hinweisen. Zu dem martialischen Schauspiel mit dem Namen „Krüppelschlagen – Schläge gegen Menschenrechte“ hat ihnen ein Attac-Aktivist geraten: Die Schläger tragen Schilder auf dem Rücken mit der Aufschrift „Bezirk Oberbayern“ oder „Krankenkasse“, die Prügel sollen die Tiefschläge versinnbildlichen, mit denen Behinderte im Alltag konfrontiert sind. „In Berlin waren bei einer Behinderten-Demo 2000 Leute“, sagt Vega. „So viele bekommen wir in München nicht zusammen. Anstatt auf Masse setzen wir deshalb auf eine krasse Aktion.“

Aber keine Sorge: Die Knüppel der Angreifer sind nicht aus Holz, sondern aufblasbar, das Blut der Opfer stammt aus dem Fundus eines Theaters.