Mehr als bloß lästige Blutsauger Zecken: So gefährlich sind sie, so schützt eine Impfung

Aufgepasst: Die Zecken-Saison hat wieder begonnen! Foto: dpa

Zecken können ernste Krankheiten übertragen. Auch wenn die weitaus meisten Stiche ohne Folgen bleiben, ist die Gefahr nicht zu vernachlässigen

Sobald die Temperaturen auf über sieben bis neun Grad steigen, erwachen sie aus der Winterstarre. Zwischen niedrigem Gebüsch und Gräsern lauern sie auf ihre Blutopfer: Zecken. Primär haben sie es auf Kleinsäuger, Rehe, Hirsche und sonstiges Wild abgesehen. Aber kommt zufällig ein Mensch des Weges, verschmähen sie auch den nicht. Unbemerkt krabbeln sie oft Stunden auf ihm herum, bis sie eine geeignete dünne Hautstelle gefunden haben. In die bohren sie ihren dübelartigen Rüssel, um eine kleine Ader anzuzapfen und mehrere Tage daran zu saugen. Aufgrund lokal betäubender Stoffe im Zeckenspeichel, spürt das Opfer von alledem nichts.

Eine erwachsene weibliche Zecke kann mit einer Blutmahlzeit von der Größe einer kleinen Ameise auf das Ausmaß einer Kaffeebohne anschwellen. Dann lässt sie sich satt vom Opfer fallen. Zeckenlarven, -nymphen und auch erwachsene Männchen saugen deutlich weniger, nehmen entsprechend weniger an Größe zu und bleiben deshalb auch leichter unbemerkt.

Dreimal Hunger im Leben

Zecken gehören mit ihren acht Beinen – die Larve hat nur sechs – zu den Spinnentieren. Doch anstatt sich mit dem Lebenssaft von Insekten zu bescheiden, haben Zecken Appetit auf warmes Blut von Wirbeltieren – und machen dabei auch vor dem Menschen nicht halt.

Den meisten Zecken reichen drei Blutmahlzeiten im Leben, wobei sie jede eine Entwicklungsstufe weiter bringt, so der Parasitologe Professor Heinz Mehlhorn aus Düsseldorf. Die aus dem Ei geschlüpfte Larve braucht einmal Opferblut, um zur Nymphe weiter zu wachsen. Die Nymphe muss sich einmal sättigen, um sich zur erwachsenen Zecke zu häuten. Und das erwachsene Zeckenweibchen saugt sich schließlich einmal richtig voll, um sich dann vom nur ein bisschen Blut nippenden Männchen begatten zu lassen. Danach legt es in Bodennähe bis zu 3000 Eier ab und der Zyklus kann von Neuem starten.

Findet sich kein Opfer, können Zecken im jeweiligen Stadium bis zu mehrere Jahre hungern und entsprechend verlängert sich ihr Leben. Anders als etwa Kopfläuse, die, versehentlich vom Haar gefallen, nach wenigen Tagen verhungern, sind Zecken also wahre Hungerkünstler.

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Warum sich viele Menschen vor Zecken weitaus mehr fürchten als vor anderen allgegenwärtigen Blutsaugern wie Stechmücken oder Bremsen, hat vor allem zwei Gründe: Zum einen lässt sich eine Zecke nicht einfach abklatschen oder verscheuchen, sobald sie sich einmal festgesaugt hat. Ihr Saugorgan haftet mit einer Art Biozement sehr fest in der Haut. Es bedarf einer Pinzette oder speziellen Zeckenzange und etwas Geschick, um den kleinen Vampir restlos zu entfernen. Manchmal muss dazu sogar der Arzt ran. Zum anderen ist die auch in Deutschland häufige Schildzecke Ixodes ricinus (Gemeiner Holzbock) Überträger von zwei inzwischen prominenten Infektionskrankheiten: Frühsommermeningoenzephalitis (FSME) und Lyme-Borreliose. Beide Infektionen sind über die gesamte Zeckensaison möglich.

Zumindest das FSME-Risiko ist hierzulande aber deutlich geringer, als es seine nicht zuletzt auch von pharmaindustriellen Interessen geschürte Medienpräsenz vermuten lässt, stellte der Mikrobiologe Professor Alexander S. Kekulé, Direktor des Instituts für medizinische Mikrobiologie des Uniklinikums Halle, klar.

FSME

Erreger der FSME ist ein Virus, das befallene Zecken über ihren Speichel an ihr Saugopfer abgeben. Selbst infiziert haben sich die Zecken in der Regel als Larve oder als Nymphe bei ihrerseits mit dem FSME-Virus durchseuchten Mäusen oder anderen Kleinsäugern. Das heißt, ein relevantes FSME-Risiko besteht nur dort, wo es eine größere Zahl FSME-infizierter Kleinsäuger gibt. Risikogebiete finden sich laut Robert Koch-Institut in Deutschland vor allem im Süden des Landes, also in Bayern, Baden-Württemberg, im südlichen Hessen und im südöstlichen Thüringen, wobei eine Tendenz zur Ausbreitung besteht. Europaweit gelten vor allem große Teile Österreichs unter 1200

Meter Höhenlage, Osteuropas und des südlichen Skandinaviens als Risikogebiete.

Risikogebiete?

Allerdings ist selbst in erklärten FSME-Risikogebieten das Infektionsrisiko zum Glück relativ gering. Auch dort ist nur eine kleine Minderheit aller Zecken viruspositiv: Laut Robert Koch-Institut 0,1 bis 5 Prozent. Das heißt, sogar in Risikogebieten kommt nur jede tausendste bis zwanzigste Zecke als möglicher Überträger des FSME-Virus infrage. Und selbst wer von einer viruspositiven Zecke gestochen wird und sich infiziert, übersteht die Attacke zumeist beschwerdefrei. Das Immunsystem erledigt die eingedrungenen Viren – oft ohne dass der Betroffene etwas merkt. Lediglich etwa 30 Prozent aller Infizierten entwickeln ein bis drei Wochen nach dem Stich einer infizierten Zecke grippeähnliche Symptome wie Kopf- und Gliederschmerzen sowie leichteres Fieber. Diese Symptome klingen innerhalb etwa einer Woche ab und für die meisten der symptomatischen Patienten ist die Sache jetzt ebenfalls überstanden.


FSME-Hochrisiko-Gebiete: Die Stadt und der Landkreis München (weiße Fläche) sind davon umgeben.

Der zweite Intervall ist sehr viel ernster

Bei bis zu einem Drittel der symptomatischen Patienten kommt es aber nach einem beschwerdefreien Intervall von einigen Tagen zu erneuten, jetzt schwereren Symptomen. Hohes Fieber, ein deutlich beeinträchtigtes Allgemeinbefinden mit starken Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen zeigen an, dass das Virus das zentrale Nervensystem attackiert.

Die Patienten entwickeln eine Hirnhautentzündung (Meningitis), die sich auf das Gehirn (Enzephalitis) und das Rückenmark (Myelitis) ausdehnen kann. Mit der Schwere der Erkrankung wächst das Risiko für anhaltende Beeinträchtigungen wie Konzentrations-, Gedächtnis- und Antriebsstörungen, chronische Kopfschmerzen, motorische Defizite bis hin zu Lähmungserscheinungen. Bei rund einem Prozent der schwer Erkrankten muss mit einem tödlichen Ausgang gerechnet werden. Wohl aufgrund einer nachlassenden Immunkompetenz, sind Ältere häufiger als Jüngere gefährdet.

Die aktuelle Meldestatistik

Seit Einführung der Meldepflicht für FSME-Infektionen im Jahr 2001 wurden bundesweit jährlich zwischen 200 und 550 Betroffene, die meisten aus Bayern und Baden-Württemberg, erfasst. Laut einer aktuellen Mitteilung des Bayerischen Gesundheitsministeriums wurden aus dem Freistaat im letzten Jahr 159 labormedizinisch bestätigte

FSME-Patienten gemeldet. 134 dieser Patienten mussten vorübergehend stationär versorgt werden und einer verstarb.

Impfen gegen FSME

Die ständige Impfkommision (STIKO) am Robert Koch-Institut rät Menschen, die in FSME-Risikogebieten naturnah unterwegs sind, zur alle drei oder fünf Jahre aufzufrischenden Schutzimpfung. Diese Empfehlung wird auch unter Experten kontrovers diskutiert.

Während die einen angesichts moderner Mobilitäten und instabiler Risikogebiete eine Ausweitung der Impfempfehlung wünschen, warnen andere vor einer Überprotektion unter Inkaufnahme nicht ausgeschlossener Nebenwirkungen. Insbesondere bei Kindern, die so gut wie nie von ernsten FSME-Verläufen betroffen sind, wird eine kritischere als die oft übliche Nutzen-Risiken-Bewertung der Impfung diskutiert.

Borreliose

Anders als gegen FSME, gibt es gegen die Lyme-Borreliose keine Schutzimpfung. Verantwortlich für diese bakterielle Infektionskrankheit sind mit dem Syphiliserreger verwandte Borrelien. Wie das FSME-Virus, nehmen Zecken auch die Borrelien bei der Blutmahlzeit an infizierten Kleinsäugern auf.

Mit diesen Borrelien sind in ganz Deutschland laut Stichprobenanalysen fünf bis zu 35 Prozent aller Schildzecken behaftet. Das Risiko, von einer borrelienpositiven Zecke gestochen zu werden, ist also ungleich größer als an ein FSME-Virus-positives Exemplar zu geraten.

Doch auch ein solcher Stich geht meistens glimpflich aus. Laut einer im August 2014 ins Netz gestellten Information des Robert Koch-Institutes, liegt die Wahrscheinlichkeit, sich in Deutschland durch einen Zeckenstich mit Borreliose zu infizieren, bei durchschnittlich 5 Prozent.

Offensichtlich wird aber auch hier das Immunsystem mit den meisten Infektionen problemlos fertig. Weniger als die Hälfte der Infizierten erkranken, wobei aber von einer hohen Spontanheilungsrate ausgegangen wird. Allerdings sind auch langwierige und leidvolle Verläufe, etwa mit Beteiligung des Herzens oder des Nervensystems, möglich.

Bei Wanderröte immer zum Arzt

Erstes – aber leider nicht immer vorhandenes beziehungsweise wahrgenommenes – Symptom einer Borreliose ist die so genannte Wanderröte (Erythema migrans). Einige Tage bis Wochen nach dem Stich entwickelt sich um diesen eine euro- bis handtellergroße Rötung, die sich ausdehnt und dabei zur Mitte abblasst. Allgemeinsymptome wie Kopf- und Muskelschmerzen mit Fieber und Abgeschlagenheit können hinzutreten. Da spezifische Antikörper zu diesem Zeitpunkt oft noch nicht nachweisbar sind, besteht Konsens, beim Auftreten eines Erythema migrans unabhängig vom Laborergebnis eine zwei- bis dreiwöchige Antibiotikatherapie zu starten. Die Erreger werden damit rasch und sicher wieder eliminiert und schwerer zu behandelnde Spätformen abgewendet.

Zecke erkannt - Gefahr gebannt

Die Borrelien befinden sich im Verdauungstrakt der Zecke und werden meist erst zum Ende des Bluttankens in das Opfer gewürgt. Werden Zecken in den ersten acht bis zwölf Stunden des Saugaktes entdeckt, mit einer Zeckenzange oder -karte nah am Rüssel gepackt und ohne ihren Hinterleib zu quetschen heraus gezogen, ist eine Infektion höchst unwahrscheinlich.

Es lohnt sich also, sich und seine Kinder nach einem Aufenthalt in Wald oder Wiese nach den kleinen Blutsaugern abzusuchen. Da sie warmweiche Hautstellen bevorzugen, sollte man besonders Kniekehlen, Achselhöhlen, Gürtellinie, Nabel, Leistenbeugen, Haaransätze, Pofalte sowie den Kopf hinter den Ohren inspizieren. So manche Zecke erwischt man dabei sogar noch vor dem Stich.

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