Zu viel Spardruck, zu wenig Zeit für Patienten – und fast die Hälfte denkt ans Aufhören. Was Ärzte an Kliniken belastet und wie das die Patienten gefährdet

München - Wenn ich mal groß bin, will ich Arzt werden. Viele Kinder sagen das. Gewiss, mein Kind, könnte man darauf sagen, gewiss. Aber schau fei, dass du nicht ans Klinikum kommst.

Ganz richtig wäre so ein Rat vielleicht nicht, aber ganz übertrieben leider auch nicht. Denn: Die Belastung für Mediziner an Kliniken wird immer größer. Zeitdruck, der Zwang zu sparen und möglichst Profit zu machen, mehr Kontrolle als Vertrauen – all das setzt den Ärztinnen und Ärzten gewaltig zu. So sehr, dass fast die Hälfte von ihnen ans Aufhören denkt. Der Klinikstress wird zu einem Risiko für die Versorgung und damit zu einer Gefahr für die Patienten.

Diese Zahl ist erschreckend hoch: 44 Prozent der bayerischen Klinikärzte erwägen, ihre aktuelle Tätigkeit aufzugeben. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage der Ärztegewerkschaft Marburger Bund. Bei den Ärztinnen sind es sogar 47 Prozent.

„Kolleginnen und Kollegen verlassen massenweise die Kliniken“, sagt Christoph Emminger, Oberarzt am Schwabinger Klinikum und Landeschef des Marburger Bunds. „Ich fürchte, dass uns auch in München in zentralen Bereichen die Mitarbeiter ausgehen – mit dramatischen Auswirkungen auf die Patientenversorgung.“

Junge Frauen sind die Hoffnungsträger – und besonders belastet

Was die Mediziner aus den Kliniken treibt, zeigt die Umfrage der Gewerkschaft: 59 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte fühlen sich psychisch belastet, 70 Prozent sagen, dass die Gestaltung der Arbeitszeiten ihre Gesundheit beeinträchtigt. Fälle von Arbeitsunfähigkeit wegen Krankheiten wie Burnout werden häufiger. Zu viel Stress, zu viel Arbeit: 91 Prozent wollen eigentlich eine Wochenarbeitszeit bis 49 Stunden, laut Umfrage arbeiten die meisten aber deutlich mehr.

Und dann kommt die Zeit nicht mal beim Patienten an: 64 Prozent sagen, sie hätten nicht genügend Zeit für Patienten. Dafür würden sie allein mehr als eine Stunde täglich mit arztfremden Verwaltungstätigkeiten verbringen. Über ein Drittel gibt an, dafür sogar zwei bis drei Stunden und länger zu brauchen.

Das Leben eines Klinikarztes nähere sich dem eines Akkordarbeiters mit enormer Verantwortung auf komplexem Niveau, warnen Ärztevertreter wie Emminger.

Dazu kommt der wirtschaftliche Druck: Ein knappes Drittel der Klinikärzte fühlt sich häufig und ein weiteres Drittel manchmal durch ökonomische Erwartungen in ihrer ärztlichen Diagnose- und Therapiefreiheit eingeschränkt. Neun Prozent der Befragten sagen sogar, dass das immer der Fall sei. Zugespitzt heißt das: Im Extremfall bestimmt das Geld, was der Patient hat – und wie er behandelt wird.

Der Spardruck macht die Behandlung schwieriger, und wirtschaftliche Ziele setzen die Ärzte zusätzlich unter Druck: „Kollegen müssen sich rechtfertigen, wenn die Station nicht voll ist oder die Fallzahlen nicht steigen“, sagt Emminger. Das passt vielen nicht ins Berufsbild: Ein Alltag als Klinik-Bilanz-Optimierer mit Medizinstudium, nein: Lassen Sie mich raus, ich bin Arzt!

Das betreffe sowohl Ärzte als auch den Pflege-Sektor, sagt Christoph Emminger. Und besonders stark: junge Ärztinnen. Dabei sind gerade diese die Hoffnungsträger der Kliniken, denn der Großteil des Nachwuchses ist weiblich.

Lieber Unternehmen beraten als Patienten behandeln

Das Problem bleibt nicht auf Kliniken beschränkt. Auch niedergelassene Ärzte oder solche, die es werden sollen, lernen in den Kliniken. Daher leidet auch die Weiterbildung und letztlich auch die Qualität der Ärzte mit Praxen unter der kritischen Kliniksituation.

Falls die Ärzte überhaupt aus dem Klinikum in eine Praxis gehen. Die Erfahrung zeige, dass Kolleginnen und Kollegen die Kliniken in vielen Fällen so frustriert verlassen, dass sie die Behandlung ganz bleibenlassen. Sie gehen dann in die Verwaltung, zu Krankenkassen oder Pharmafirmen. „Sehr viele wechseln derzeit auch zu Unternehmensberatungen“, sagt Emminger.

Schuld seien nicht unbedingt die einzelnen Häuser. Klaus-Martin Bauer, Geschäftsführer beim Landesverband des Marburger Bunds, sagt: „Das Problem liegt nicht unbedingt bei den Krankenhäusern selbst, sondern bei den Rahmenbedingungen.“ Es brauche mehr Geld sowie einen höheren Personalschlüssel für Ärzteschaft und Pflege. Die Länder seien zu Investitionen verpflichtet, doch es fehlen enorme Summen – bundesweit rund drei Milliarden Euro.

„Außerdem muss es einen Kulturwandel geben“, sagt Bauer. In den Kliniken gebe es viel Kontrolle, aber zu wenig Vertrauen. Auch das hänge mit der Ökonomisierung der gesundheitlichen Versorgung zusammen.

Also, Kind, werd ruhig Arzt am Klinikum. Aber sieh zu, dass du nicht vergisst, dass du es für die Patienten geworden bist.