Das Mehr an Information führt zum gegenteiligen Effekt: Der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer geißelt die "digitale Demenz". Sie beginnt bereits im Kinderzimmer.

Das noch gar nicht so alte Jahrtausend hat ein modernes Krankheitsbild: die digitale Demenz. Südkoreanische Ärzte fanden bei jungen Erwachsenen vermehrte Gedächtnisstörungen, verbunden mit Abstumpfung – hervorgerufen durch exzessive digitale Mediennutzung. Der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer hat dies in seinem Buch „Digitale Demenz” zum Anlass genommen, um aufzuzeigen „wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen” – so der Untertitel.

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AZ: Herr Spitzer, was sagen Ihre Kinder zu Ihrer digitalen Medienschelte?

MANFRED SPITZER: Fünf sind schon erwachsen. Außerdem habe ich noch eine drei Jahre alte Tochter. Die Großen machen natürlich medienmäßig was sie wollen. Aber sie haben sich alle schon bei mir bedankt, dass sie ihre Kindheit und Jugend nicht vor Fernsehern und Computern verbracht haben.

Der Cliquendruck auf die Kinder, medial präsent zu sein, ist heute aber größer.

Das wird übertrieben dargestellt. Außenseiter sind jene, die zu viel digitale Medien nutzen. Sozialer integriert werden die Kinder und Jugendlichen mit geringerem Medienkonsum. Die Wissenschaft ist da eindeutig.

Wieso entsteht öffentlich ein anderer Eindruck?

Das wird bewusst von der Industrie gestreut nach dem Motto: Wer da nicht drin ist, ist weg vom Fenster. Leider verfängt das bei den Eltern. Sie wollen nicht, dass ihr Kind den technologischen Anschluss verpasst.

Warum sollen Kinder nicht früh den Umgang mit dem Computer lernen?

Es gibt keinen Beweis für einen positiven Nutzen. Sie müssen sich klarmachen, dass unser Gehirn als Kind unglaublich viel mehr und schneller lernt als in späteren Jahren. Aus der Gehirnforschung haben wir eine Menge guter Daten. Sie beweisen, dass Spuren, die durch ihren Gebrauch angelegt werden, zu ihrer eigenen Verfestigung neigen.

Und das heißt?

Wenn sie stundenlang als Jugendlicher ballern, bekommen sie ein „Ballerhirn”. Sie können das später nur noch mit unverhältnismäßig hohem Aufwand ausgleichen. Ich habe in meiner praktischen Arbeit eine Reihe von jungen Männern erlebt, die schon absolute Wracks waren.

Trotzdem ist Computerkenntnis doch für die meisten Jobs erforderlich.

Wenn in der Schule Programmieren gelehrt würde, wäre es vielleicht sinnvoll. Aber dort wird Anwendersoftware gelernt – Produkte von Microsoft sind Schulfach. Und die sind in fünf Jahren veraltet.

Es gibt sehr viele ComputerLernprogramme für Schulkinder. Was ist daran falsch?

Wenn Informationen von Menschen im Dialog oder in einer Diskussion verarbeitet werden, dann ist dies nach allem, was wir wissen, die tiefstmögliche Art der Verarbeitung. Dieser Lerneffekt stellt sich mit Lernprogrammen nicht ein. Die Auswertung der Pisa-Daten zeigt übrigens, dass ein Computer im Jugendzimmer den Schulerfolg negativ beeinflusst. Man muss kein Hirnforscher sein, um zu kapieren, dass stundenlange Mediennutzung nichts Gutes bewirkt.

Manche wollen daher Medienpädagogik als Schulfach.

Da kann ich auch sagen, Alkohol ist Teil unserer Kultur, warum machen wir nicht Alkoholpädagogik?

Das gute Buch, der böse Fernseher und Computer – ist das nicht zu schablonenhaft?

15 Minuten Lesen am Tag und siebeneinhalb Stunden andere Mediennutzung sind leider die statistische Realität. Die Dosis macht das Gift.

Man kann PCs auch zum Lesen und Schreiben verwenden.

Wer das wirklich tut, kann profitieren. Aber 10 bis 12-jährige Mädchen, die Stunden in sozialen Netzen online sind, werden vor allem unglücklich. Das zeigen Untersuchungen.

Das weiß eigentlich auch der gesunde Menschenverstand.

Natürlich, aber sie brauchen dennoch den wissenschaftlichen Nachweis, weil ein lautes Marktgeschrei zugunsten der digitalen Medien ertönt, das geradezu unerträglich ist – und die Politik macht mit.

Ein Beispiel?

Wenn die Bundesanstalt für gesundheitliche Aufklärung suggeriert, Väter sollten ihren Kindern eine Playstation kaufen, damit diese medienkompetent werden, dann ist das Sony-Werbung in einer mit Steuergeldern finanzierten Aufklärungsbroschüre. Obwohl wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass sich mit einer Playstation im Jugendzimmer die Noten verschlechtern. Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat in diesem Frühjahr das Shooterspiel „Crysis 2” als bestes Spiel des Jahres mit 50000 Euro Prämie ausgezeichnet. In welcher Welt leben wir denn?

Sie vermuten Lobbyismus?

Es ist noch schlimmer: Die Experten, die etwa im Bundestag vorgeladen waren, haben jeweils einen Lehrstuhl für Medien. Die sind ja nicht gekauft, so wie das früher bei der Tabakindustrie üblich war. Die Computer- und Innovationstechnikfirmen haben ja noch viel mehr Geld – die kaufen ganze Forschungsinstitute.

Durch das Internet haben – theoretisch – alle die Möglichkeit der gleichen Information und der gleichen Bildung.

Das war doch schon das Argument beim Radio und beim Fernsehen, bei allen neuen Medien. Nur ist immer das Gegenteil eingetreten. Es ist vollständig klar, dass die soziale Kluft durch digitale Medien vergrößert wird. Natürlich kann man stundenlang online hochwissenschaftliche Quellen lesen. Aber das macht keiner – zumindest kein Unterschichtler.

Vielleicht ist es wie bei jeder Mode – auch Facebook geht vorbei?

Das weiß ich nicht, aber meine Hoffnung ist eine andere: Es gibt auch immer mehr Jugendliche, die sagen: Diesen Irrsinn mache ich nicht mehr mit, ich lebe wieder normal, mein Handy soll nur telefonieren, aber sonst bitte gar nichts. Es wird auch wieder ein Privileg sein, offline zu sein.

Manfred Spitzer: „Digitale Demenz – Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen” (Droemer, 366 Seiten, 19.99 Euro)

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