Viele schwule Senioren schämen sich für ihre Sexualität – noch immer. Doch es gibt auch ein paar Rückzugsmöglichkeiten. Die AZ hat sich in einer Münchner Herrensauna umgesehen.

Im Erdgeschoss wirbt das bayerische Pilgerbüro für Reisen zum Papst. Die Männer, die sich ein Stockwerk tiefer treffen, sind nicht viel jünger als der Papst, auch sie haben sich für ein Leben unter Männern entschieden. Ihre Welten könnten aber nicht unterschiedlicher sein.

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Am Tresen verabschiedet sich gerade ein älterer Herr. Er setzt seine karierte Schiebermütze auf, klopft mit den Fingerknöcheln auf die Bar, ein lockeres „Sauber bleiben“ für die Mitarbeiter und schon ist er zur Tür hinaus.

Im Nachbarzimmer sitzt ein grauhaariger Schnauzbartträger auf einer rustikalen Eckbank aus schlichtem, klobigem Holz, schlürft Weißbier und liest Zeitung. Bis jetzt unterscheidet den Raum nichts von der Schafkopfkneipe um die Ecke, in der sich Rentner jede Woche zum Stammtisch treffen. Nur der leichte Eukalyptusduft und die tropische Lufttemperatur stören das Bild. Dann biegen von der anderen Seite des engen Ganges zwei Herren um die Ecke, ein knappes, um die Hüften geschwungenes Handtuch bedeckt nur das Allernötigste. Ihr musternder Blick verrät, dass sie nicht nur zum Weißbier-Schlürfen gekommen sind.

Raymond Lamar Salewski betreibt in der Dachauer Straße eine Herrensauna für ältere Schwule. „Die Leute denken immer, wenn sie über 30 sind, sind sie alt. Ich versuche, diesem Trend entgegenzusteuern“, sagt er. „Altenkult statt Jugendwahn“ ist sein Motto. Hier soll sich die ältere Generation wohlfühlen, ohne den übertriebenen Jugend- und Schönheitskult, der sich sonst gerne in der Schwulenszene zeigt. „In anderen Herrensaunas in München fühlen sich meine Gäste oft nicht wohl zwischen den ganzen jungen Fitness-Studio-Körpern. Ich will den Leuten einen Platz geben, an dem sie sich nicht ausgegrenzt fühlen“, sagt Salewski.

Zu seinen Kunden gehören deshalb schwule Best-Ager, aber auch Männer, die ihren 80. Geburtstag längst hinter sich haben und körperlich Behinderte. Sie können hier ihre Sexualität ausleben. Und das ohne schiefe Blicke. Hier sind sie unter sich. Wer hinein will, wird vor der schweren Kellertür erst einmal streng durch eine Kamera gemustert.

Die Herrensauna am Hauptbahnhof ist eine der ältesten Saunas Münchens. Eine Trockensauna, mit Öl beheizt. „Bei einer Dampfsauna würde man hier unten eingehen“, sagt Betreiber Salewski. Vor rund 60 Jahren wurde sie als Badeanstalt gegründet. Für Leute, die sonst keine andere Möglichkeit hatten, um zu duschen. Im Laufe der Jahre entwickelte sich die Sauna zum Geheimtipp in der Schwulenszene, lange Zeit aber inoffiziell. „Wenn man den Bademeister mit seinen Schlappen hat kommen hören, sind alle auseinander geflogen“, erinnert sich Salewski.

Heute muss sich niemand mehr verstecken. Wer hierher kommt, weiß, was ihn erwartet. Frauen ist der Eintritt längst verboten. Die einzigen weiblichen Lebewesen sind die Zierfischweibchen, die stumm im Aquarium im Barbereich ihre Runden drehen.

Im Haus hat man sich schon lange an die Sauna gewöhnt. „Wir sehen uns nicht, wir hören uns nicht“, heißt es aus dem Bayerischen Pilgerbüro. Früher habe es gelegentlich für Irritationen gesorgt, wenn die alten Herren nach dem Saunabesuch zum Auskühlen in den Innenhof gekommen seien. Das tun sie heute nicht mehr. Seitdem herrscht ein nachbarschaftliches Verhältnis. „Manchmal nehmen wir sogar Pakete füreinander an", sagt Salewski.

Seit zwölf Jahren ist die Sauna in seiner Hand – aus reinem Zufall. Er war viele Jahre Gast. Dann starb der Vorbesitzer. Dessen Sohn versuchte ein Jahr lang als Betreiber sein Glück, konnte mit der Schwulenszene aber nichts anfangen. Salewski stieg ein. Mit viel Zeit und Mühe gestaltete er die Räume nach seinen Vorstellungen.

So wie die „Blaue Grotte“, einen langen Raum, dessen Wände wie blauer Felsen wirken. In der schummrigen Ecke steht ein Bett, bezogen mit einem schwarzen Laken. Es ist einer von mehreren Räumen, in die sich die Kunden zurückziehen können. Es gibt zudem einen großen Ruheraum, mit fünf Betten nebeneinander. Hier ruhen sich seine Gäste aber nicht nur aus. „Hier geht es auch zur Sache“, sagt Salewski.

Heute ist die Sauna ein Biotop, ein Rückzugsort für ältere Schwule. Für einige ist es die einzige Möglichkeit, für ein paar Stunden sie selbst zu sein. Denn längst nicht alle leben ihre Homosexualität offen aus. Sie sind in einer Zeit aufgewachsen, in der Leute wie sie als krank galten, akzeptiert weder von der Gesellschaft, noch von der Kirche.

Sie leben heute in einer Welt, die mit Schwulen anders umgeht, in der sich Politiker, Pop-Ikonen, Wirtschaftsbosse und Spitzensportler offen zu ihrer Homosexualität bekennen und in der Schwulenfeindlichkeit nur noch in Fußballstadien eine letzte Bastion hält – und an Rentner-Stammtischen in Vereinsheimen.

Noch nicht alle Alt-Schwulen haben diesen Wandel auch im Kopf vollzogen. Neben bekennenden Homosexuellen kommen auch Gäste, die hier ein zweites Leben führen, mal geheim, mal weniger heimlich. „Ich hatte einen Gast, einen alten Kriegsveteran mit großer Narbe im Gesicht, den hat immer seine Frau hergefahren und wieder abgeholt. Die wusste über alles Bescheid. Das fand ich schon ziemlich cool“, erzählt Salewski.

Manche seien auch in der Sauna die freundlichsten Menschen, wechselten draußen aber die Straßenseite, wenn sie ihn sähen. „Manche haben auch heute noch enorme Schwierigkeiten, ihre Sexualität auszuleben. Es gibt eben viele, die alles verlieren würden, wenn es bekannt würde“, sagt der Saunabesitzer.

Helge P. weiß, wie das ist. Er ist mit seiner Sexualität schon immer offen umgegangen und hat damit früh viel riskiert. Während seines Studiums hat sich der heute 75-Jährige bei seinen Eltern geoutet. Ein schwuler Sohn? Undenkbar. Die Eltern setzten ihn vor die Tür. Das Studium mussten ihm Bekannte zu Ende finanzieren. „Keine schönen Zeiten", sagt er.

So wie ihm geht es vielen bei Gay & Gray, dem Verein für schwule Senioren im Schwulen Kommunikationszentrum (SUB) in München. Denn für viele sei das, was sie früher als Schwule erlebt hätten, immer noch traumatisch, weiß ihr Vorsitzender, Manfred Zorn. Als Mischung aus Freizeitverein und Selbsthilfegruppe versteht sich Gay & Gray deshalb, aber auch ein bisschen Familienersatz soll die Gruppe sein.

Zorn ist erst vor vier Jahren dazu gestoßen, als sein Freund nach 32-jähriger Partnerschaft starb. „Da brauchte ich neue Leute, sonst hätte ich das nicht geschafft“, sagt der 66-Jährige. Mitleid wollen die Senioren aber nicht. Eine bunte Gruppe ist es, die sich im schwulen Kommunikationszentrum im Herzen des Glockenbachviertels einmal wöchentlich zusammenfindet. Die meisten kennen sich seit Jahren, es ist ein Treffen unter alten Freunden.

Wenn es sein muss, leistet Gay & Gray auch Unterstützung und Aufklärung. Etwa bei Diskriminierung im Altersheim. Das Konzept kommt gut an. Mit etwa zehn Mitgliedern ist die Gruppe 2002 gestartet, heute sind es etwa 30 Schwule zwischen 40 und 84 Jahren, die regelmäßig zu den Treffen auftauchen.