2,8 Kilometer lang und knapp 400 Millionen Euro teuer: Die Untertunnelung des Mittleren Rings im Südwesten ist zur Hälfte bereits fertig. Was wo genau gebuddelt wird – im AZ-Überblick.

MÜNCHEN - Auf Münchens längster Baustelle geht es rund. Bagger, Riesen-Bohrer, Flüssigbeton-Laster, dazu Teermaschinen, Radlader und Kräne – auf insgesamt 2,8 Kilometern nördlich und südlich des Luise-Kiesselbach-Platzes wird zeitgleich aufgerissen, betoniert, zugeschüttet und gebuddelt, was das Zeug hält. 150 bis 200 Menschen arbeiten hier – und alle haben ein Ziel: Bis zur zweiten Jahreshälfte 2015 sollen die zwei Röhren am südwestlichen Tunnel fertig sein, sollen die Dauerstaus ein Ende haben. Die AZ hat sich auf der Megabaustelle umgeschaut.

„Wir arbeiten auf der gesamten Strecke“, erklärt Johann Wittmann, der bereits die Arbeiten am Richard-Strauss-Tunnel geleitet hat. Im März 2009 ging’s auf der Heckenstaller- und der Garmischer Straße los, Halbzeit für das knapp 400 Millionen Euro teure Projekt war im vergangenen März. Wenn alles fertig ist, werden die Fahrzeuge aus dem Süden zunächst 600 Meter im Heckenstaller-Tunnel unterwegs sein, dann am Kiesselbachplatz 360 Meter ohne Deckel zurücklegen, um anschließend in den 1,5 Kilometer langen Luise-Kiesselbach-Tunnel abzutauchen.

Ein Sisyphos-Werk ist Kleinkram gegen die Herausforderungen dieses Projekts. Weil zum Beispiel auf 2,8 Kilometern Mittlerer Ring unzählige Gas-, Strom-, Wasser oder Fernwärmeleitungen verlegt sind, die alle für die Bauarbeiten umgelegt und umgeleitet werden müssen – allein dafür gehen 50 Millionen Euro drauf. Weil am Ring große Häuser stehen, deren Zu- und Abfahrten nicht gleichzeitig von den Tunnel-Buddlern versperrt werden dürfen. Und weil die ganze Zeit der Verkehr weiter rollen muss – so weit es denn möglich ist. Bisweilen stehen auch (fast) alle Räder still.

Schon die Koordinierung der Verkehrsführung, der jeweils nötigen Verschwenkungen und Absenkungen, ist ein kleines Wunderwerk der Logistik. An einer Stelle wird noch gegraben, daneben richten Arbeiter bereits eine provisorische Trasse für die nächste Verschwenkung vor. „Insgesamt legen wir den Verkehr auf der gesamten Strecke in mehreren Abschnitten vier Mal um“, erklärt Tunnel-Experte Wittmann.

Ernst wird es noch im Dezember an der Kreuzung Heckenstaller-/Passauer Straße. Dort wird der Verkehr so heftig verschwenkt, dass Wittmann schon jetzt weiß: „Das gibt wieder drei Wochen Probleme.“ Dann, so die Erfahrung der Tunnelbauer, haben sich die Autofahrer wieder umgewöhnt – und es fließt wieder einigermaßen. Derzeit werden mit Hochdruck die Bohrpfähle für die künftigen Tunnelwände gesetzt und die Tunnel-Deckel gegossen. „Knapp 70 Prozent der Bohrpfähle und rund 45 Prozent der Deckel sind bereits fertig“, so der Experte vom Baureferat. Sie werden ins Erdreich gegraben und aufs Erdreich gelegt.

Wenn alles betoniert ist, geht die Buddelei richtig los: Dann erst wird das Erdreich weggebracht, entstehen die Tunnel-Hohlräume. 600000 Kubikmeter Kies müssen dafür abtransportiert werden. Danach beginnt der Innenausbau.

68000 Quadratmeter Tunnelfläche werden am Schluss entstanden sein. Zum Vergleich: Am Richard-Strauss-Tunnel sind es 52000 Quadratmeter. Trotz der deutlich größeren Dimensionen schaffen es die beteiligten Firmen am Kiesselbachplatz in derselben Zeit. Ein Grund: Sie haben etwas mehr Platz, können gleichzeitig mehr Maschinen einsetzen. Und: Im Osten musste der Verkehr doppelt so oft umgelenkt werden wie beim aktuellen Projekt. Auch das hat viel Zeit gekostet.

„Wir liegen im Terminplan“, kann Johann Wittmann beim langen Marsch über die Großbaustelle verkünden. Eine Pause gönnen sich die Arbeiter nur zwischen Heiligabend und dem Dreikönigstag. Ansonsten wird durchgearbeitet, bis endlich alles fertig ist.

Südwest-Tunnel: Der Verkehr drittelt sich

Südwesttunnel: Der Verkehr drittelt sich

Rund 120000 Fahrzeuge passieren derzeit täglich den Luise-Kiesselbach-Platz, in der Garmischer Straße sind es rund 100000 – Tag für Tag. Neben dem Verkehrsfluss von Nord nach Süd am Mittleren Ring bedient diese Route auch noch die Zu- und Abfahrten der A95 nach Garmisch und der A96 in Richtung Lindau sowie die Ring-Verbindung rüber zur Salzburger Autobahn.

Dass das durch Ampeln schon ohne Baustelle nicht ohne dicke Stauungen abging, ist klar. Wenn die „Tunnelbaumaßnahme Mittlerer Ring Südwest“, so der offizielle Name, abgeschlossen ist, soll es auf der Oberfläche komplett anders ausschauen: 5000 Fahrzeuge verbleiben dann auf der Garmischer Straße. Und nur rund 40000 am Kiesselbach-Platz. Der Rest taucht in die Tunnel ab.