Ludwig Thoma Michael Lerchenberg über den schwierigen Bayern

Der Schriftsteller Ludwig Thoma. Foto: dpa

Der Ludwig-Thoma-Kenner Michael Lerchenberg hat ein Buch über den Dichter geschrieben

Am Samstag ist Ludwig Thomas 150. Geburtstag. Am Freitag geht die Monacensia den verschiedenen persönlichen, literarischen und politischen Aspekten dieses Charakter-Schriftstellers (1867 – 1921) nach. Michael Lerchenberg hat ihm zum Geburtstag ein Buch gewidmet, das Thoma kommentiert zu Wort kommen lässt. Übermorgen ist Lerchenberg mit seinem Programm in München.

AZ: Herr Lerchenberg, Ludwig Thomas Dauerangriff auf die Pfaffen ist doch in Zeiten, in denen die katholische Kirche an Autorität so stark eingebüßt hat, veraltet, oder?
MICHAEL LERCHENBERG: Klar, gibt es keine Zentrumspartei mehr, die die katholische Weltsicht in der Politik stark macht. Aber noch in der Adenauerzeit hat die katholische Kirche über CDU und CSU massiv in die deutsche Politik hineinregiert. Und Hirtenbriefe von der Kanzel, wie man als guter Katholik zu wählen habe, gab’s lange noch. Heute ist das differenzierter, weil es ja zum Beispiel einen Konflikt zwischen CSU und den Kirchen gibt, was die Flüchtlingspolitik anbelangt. Die Kirchen wollen mit ihren Grundhaltungen natürlich auch eine politische Rolle spielen. Aber Pfarrerfiguren wie im Roman „Andreas Vöst“, über die sich konservative Kreise aufgeregt haben mit Sätzen, dass Thoma den Pfarrer wie einen „Dämon des Hasses, ein Scheusal von Falschheit, einen Satan der Heuchelei“ dargestellt habe, sind heute sicher nicht mehr typisch.

Sie selbst sind ja aus der katholischen Kirche ausgetreten. Warum ist Thoma nicht ausgetreten?
Man kann katholisch geprägt glauben und trotzdem ein großes Problem mit der Amtskirche haben. Und zu Lebzeiten Thomas war das Austreten kein Thema, da wurde man eher rausgeschmissen, also exkommuniziert.

Warum wurde Thoma das nicht?
Da müssen Sie die katholische Kirche fragen, aber bei Thomas Beerdigung hat der Ortspfarrer bei der Diözese angefragt, ob er den Thoma bestatten dürfe. Und bei Wiederverheiratung, Abendmahlsfragen, Abtreibung, Zölibat und Ähnlichem gibt es ja immer noch genug Reibung zwischen katholischer Kirche und Gesellschaft.

Thoma hat auch die evangelischen Pastoren angegriffen.
Weil er als wirklich Liberaler gegen jegliche Zensur und den klerikalen Einfluss im Kaiserreich war, die protestantischen „Sittenvereine“ heuchlerisch fand.

Aber Bismarck hat er interessanterweise verehrt.
Und er wollte immer eine Bismarck-Biografie schreiben! Für Thoma war dessen Kulturkampf gegen die katholische Kirche interessant, und er schätzte als sehr gebildeter und historisch interessierter Intellektueller die Außenpolitik Bismarcks, die – im Gegensatz zum säbelrasselnden Kaiserreich unter Wilhelm II – versuchte, Frieden zu sichern. Und Thoma war – auch als Chefredakteur des liberalen „Simplizissimus“ bis 1914 eher ein Pazifist.

Der dann aber hurra-patriotisch in den Ersten Weltkrieg ziehen wollte...
...wie die allermeisten anderen auch! Er wurde aber nicht genommen, weil der bayerische Musterungs-Major ein von ihm gehörnter Ehemann war, so dass Thoma als Sanitäter versuchte, nah an die Front zu kommen.

Thoma war ein romantischer Liebhaber, von Frauen in intellektuellen Kreisen oder gar der Politik hat er aber nicht viel gehalten.
Ja, in dieser Hinsicht war er reaktionär, obwohl er ja eine berufstätige Mutter hatte, die als Witwe ein ganzes Wirtshaus und Hotel schmiss und im „Simplizissimus“ für die sexuelle Befreiung der Frauen schrieb.

Am Ende war Thoma ein antisemitscher, verbitterter Spießer, der auch gegen die neue Republik hetzte.
Ja, auch das gehört zu Ludwig Thoma. Er war letztlich ein Monarchist, und am Ende war die Ordnung nicht mehr, sondern Bürgerkrieg und eine extreme Radikalisierung – überall in Europa. Damit kam Thoma nicht zurecht, er verliert die Lebensfreude und schreibt in einem Brief an seine Lebensgefährtin Maidi von Liebermann, die interessanterweise Jüdin ist: „Alles was ich so liebte, ist im Untergang.“ Und er sieht die Heimat in einer Notwehrsituation und wird Propagandist der bewaffneten bayerischen Heimatschutzverbände.

So eine Radikalisierung von Teilen der Bürgerlichkeit erleben wir ja gerade in der Flüchtlingsfrage.
Aber es kommt ja immer darauf an, wie man mit so einer Problemstellung wie der „Angst um die Heimat“ umgeht. Und Thoma ist nicht gut damit umgegangen! Er ist mit seinen Artikeln im „Miesbacher Anzeiger“ wirklich stilistisch und inhaltlich weit über das tolerierbare Maß hinausgeschossen. Das ist abschreckend und zutiefst verstörend! Aber eben auch ein Abbild jener Zeit.

Aber was macht so eine Figur aktuell?
Er bleibt ein besonders sprachgewaltiger, vielseitiger Autor, der – zugegeben seine Zeit – grandios beschreibt. Aber er hat auch Satiren geschrieben, die bis heute den bayerischen Politbetrieb charakterisieren können. Und dann war er bis zum Ersten Weltkrieg ein absolut liberaler, leidenschaftlicher Verteidiger der Meinungs- und Pressefreiheit gegen jegliche moralische oder religiöse Beeinflussung oder polizeiliche Zensur. Dafür ist er sogar ins Gefängnis gegangen – und dieser Thoma ist mir der liebere, der bis heute Vorbild sein kann.

In Ihrem Buch „Von Scheinheiligen und Heiligen“ sind auch Texte, die zensiert wurden.
Ja, und das ist das Interessante: Es gibt ja so genannte Thoma-Gesamtausgaben, wie die im Piper Verlag von 1968, und da fehlt wahnsinnigerweise ausgerechnet das Gedicht, für das er ins Gefängnis gegangen ist. Seine letzte Lebensgefährtin, die erwähnte Maidi von Liebermann, hat auch versucht, das Andenken ihres „lieben Ludwigs“ zu schützen. Es gibt bis heute keine schlüssige, komplette, unzensierte Gesamtausgabe.

Sie beschreiben auch, wie Fernsehredakteure vom ZDF noch 1978 bei der Verfilmung von Thomas Roman „Andreas Vöst“ die Hosen voll hatten, weil im Text die Kirche so scharf angegangen wurde. Sie wollten das Drehbuch lieber entschärfen.
Ja, das war wirklich eine peinliche Nummer.

Mit Ihrem Programm „Ludwig Thoma – ein schwieriger Bayer“ sind Sie seit zehn Jahren unterwegs.
Und ich wollte es schon abschließen, aber die Nachfrage ist ungebrochen.

Buch: Michael Lerchenberg: „Von Scheinheiligen und Heiligen – Pfaffen, Pfarrer und Pastoren bei Ludwig Thoma“ (LangenMüller, 210 Seiten, 18 Euro) Veranstaltung: Do, 19.1.2017, 20 Uhr, Black Box, Gasteig, Michael Lerchenberg: „Ludwig Thoma – ein schwieriger Bayer“ und Buchvorstellung. Musik: Eberwein, Karten: 54 81 81 81 und AK. Und am Freitag, 20.1., 20 Uhr im Kurhaus Bad Tölz, Telefon 08041 78 67 15 sowie an Thomas Geburtstag, 21.1., 20 Uhr, in Traunreuth im k1.

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