Loriot, Söder, Reiter und eine einmalige Chance Der Kampf um die Paul-Heyse-Villa

Im Krieg wurden Teile der klassizistischen Heyse-Villa in der Luisenstraße zerstört. Sie wurde etwas einfacher rekonstruiert und steht weiterhin in der Denkmalschutzliste für die Maxvorstadt - Meisi Grill im Hofbräuhaus, wo ein paar Werke ihrer großen Sammlung vorübergehend Asyl gefunden haben. Foto: Petra Schramek/Daniel von Loeper

Der Kampf um die denkmalgeschützte Paul-Heyse-Villa ist in der entscheidenden Runde: Kommt jetzt die „Komische Pinakothek“?

München - Es wäre eine unendliche Geschichte, wenn sie nicht am Samstag enden würde. Es geht um 3,2 Millionen Euro oder – ab Montag – vielleicht schon um sieben Millionen. Oder noch mehr. Jetzt noch hat der Freistaat Bayern die Chance – oder er verpasst sie und müsste hinterher Millionen mehr hinblättern.

Es geht um die denkmalgeschützte Villa des Münchner Literaturnobelpreisträgers Paul Heyse (1830–1910). Eine Immobilie in Bestlage, direkt hinter der Glyptothek, schräg gegenüber vom Lenbachhaus in direkter Nachbarschaft zum Kunstareal der Pinakotheken. Das weckt Begehrlichkeiten.

Was bisher geschah

Vor rund sieben Jahren kaufte die Immobilienfirma des Gütersloher Miele-Chefs, Reinhard Zinkann, von den Erben des Farb- und Lackfabrikanten Ludwig Rosner das Gebäude in der Luisenstraße 22. Seine Firma für Immobilien-Entwicklung hatte Großes vor: Denkmalschutz wegklagen und auf dem 1300-Quadratmeter- Grundstück einen fünfstöckigen Gebäuderiegel bauen, wo jetzt nur eine Mauer und ein einstöckiges Ateliergebäude den schönen Garten säumen. Reinhard Zinkann handelte sich damit einen Münchner „Shitstorm“ ein, der bis in die Presse nach Gütersloh schwappte, was dem Kaufmann mit seinem Familienunternehmen zusetzte. Er vertiefte sich in den Fall, der zuvor für ihn nur abstrakt über den Schreibtisch gegangen war, und pfiff vor anderthalb Jahren – auf seinen guten Ruf bedacht – seine Immobilienfirma zurück.

Das FRECHE Projekt „Komische Pinakothek“

Jetzt trat eine umtriebige Münchnerin auf den Plan, die mit ihrem Charme und der Unterstützung durch den Vorstand ihres „Fördervereins Komische Pinakothek“ Reinhard Zinkann zu etwas Außergewöhnlichem bewegte. „Außergewöhnlich stimmt“, sagt die Galeristin Meisi Grill: „Aber das Angebot ist vor allem generös und zeigt, dass Herr Zinkann eben kein kalter Investor ist, sondern unser kulturelles Projekt unterstützt.“ Der Förderkreis will in und aus der „Hauptstadt der Satire“, vom Simplizissimus bis Polt und Hanitzsch die „Weltstadt mit Scherz“ machen, mit Spitzweg, Pocci, Valentin, Gulbranson, Hürlimann. Und der Nachlass Loriots würde hier ebenfalls Platz finden, ehe er nach Hannover abwandert.

„Die Sammlungen sind alle da: im Stadtmuseum, Lenbachhaus und in der Graphischen Sammlung“, sagt Meisi Grill, die selbst noch über einen großen Fundus satirischer Zeichner verfügt: von Flora bis Hurzlmeier, Janosch, Haderer, Waechter oder Tomi Ungerer.

Was ist die einmalige Chance?

Zinkann will die Immobilie, die ihm bisher kein rechtes Glück gebracht hat, verkaufen. Er hat im September dem Förderkreis ein Angebot unterbreitet: Der Verkauf der Immobilie zum Selbstkostenpreis plus bisherige Verwaltungskosten, also zirka 3,2 Millionen Euro. Und jetzt kommt das Bayerische Finanzministerium ins Spiel – oder die Stadt München. Denn die müssten das Objekt kaufen. Thomas Goppel, ehemaliger Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst, begeisterte das Finanzministerium und bekam einen Termin bei Markus Söder, der sich auch für das Projekt Komische Pinakothek erwärmte, aber eben noch keine Finanzierungszusage gemacht hat.

Seitens der Stadt signalisierten schon vor Jahren sowohl der Kulturreferent Hans-Georg Küppers Unterstützung wie auch Ex-OB Christian Ude und der neue Oberbürgermeister Dieter Reiter. Eine Chance also, dass Stadt und Staat gemeinsam den Satirestandort München schmücken.

Für ZUSAMMEN zehn Millionen

Euro soll alles zu haben sein Drei Mal seit Herbst gelang es dem Förderverein, eine Verlängerung des Angebotes von Reinhard Zinkann zu erwirken. Jetzt läuft die Frist am Samstag aus. Währenddessen hat der Verein bereits einen Umbau- und Finanzierungsplan für die Paul-Heyse-Villa vorgelegt. Experten der „Immobilien Freistaat Bayern“, die Grundstücke und Gebäude für Bayern erwirbt, verwaltet oder verkauft, haben den Sanierungsbedarf bereits eingeschätzt. Der Förderverein selbst kommt auf geschätzte 4,5 Millionen Euro. „Alles in allem ist die Komische Pinakothek für unter zehn Millionen zu haben“, sagt Meisi Grill. Die laufenden Betriebskosten könnten durch ihren Verein und seine Spender, den Museumsshop und die Verpachtung des Museumscafés, das bisher eine Weinhandlung mit Imbiss ist, gedeckt werden.

Und wie geht DIE Geschichte jetzt Weiter?

Drei Szenarien sind denkbar: Der Freistaat erklärt schnell und verbindlich seine Kaufabsicht zum angebotenen Vorzugspreis zugunsten der Komischen Pinakothek. So könnte diese dann an diesem wunderbar geeigneten Ort entstehen.

Oder der Freistaat zögert – und das Angebot verfällt. Um die Paul-Heyse-Villa jetzt einer anderen kulturellen Nutzung im Kunstareal zuzuführen, müsste der Freistaat dann zum hohen Marktwert kaufen. Es gibt Pläne für einen Info-Point für das gesamte Kunstareal, auch staatliche Sammlungen, die bisher kein eigenes Museum haben, hätten gerne ein eigenes Haus – wie die „Graphische Sammlung“, die bisher innerhalb der Pinakothek der Moderne untergebracht ist.

Oder die Villa wird auf dem freien Immobilienmarkt an einen anderen Privatinvestor verkauft. Die Chance, das Kunstareal interessant weiterzuentwickeln, wäre vertan. Aber wenn der Kulturstaat Bayern hier schwächelt, wäre ja noch die Kulturstadt München gefragt. Aber es eilt.

Lesen Sie hier: Paul-Heyse-Villa: Bitte keine "Eingriffe"!

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