Tiefsinnige Sprüche, eine Telefonnummer, Tiere oder die olympischen Ringe: In London stellen die Athleten ihre Körperkunst zur Schau. Und manch einer fühlt sich ganz ohne Tattoo regelrecht nackt

LONDON - Der Auserwählte sticht auch diesmal heraus aus der Masse. Während der Normalo unter den Tattoo-Olympioniken die fünf Ringe auf seinem Körper spazieren trägt, mag es LeBron James ein wenig großspuriger. Der Schriftzug „Chosen1“ (der Auserwählte) ziert den mächtigen Rücken des Basketballstars des NBA-Champions Miami Heat. Es ist zwar nur eins von gefühlten 30 Tattoos von „King“ James, der lebenden Litfaßsäule.

Doch im olympischen Dorf wissen viele um dieses Märchen: Der derzeit wohl beste Basketballer der Welt, der auch die Telefon-Vorwahl seiner Heimatstadt Akron/Ohio (330) am Unterarm trägt, soll mit den berühmten sechs Buchstaben im Kreuz geboren worden sein. Stimmt natürlich nicht. LeBron James („Mein Körper ist Kunst“) ließ sich das Tattoo erst stechen, als er das Titelbild der Sports Illustrated zierte – die Überschrift zur Story: Der Auserwählte.

Barren-Europameister Marcel Nguyen mag es in Sachen Körperkult lieber eine Nummer kleiner. Obwohl: In verschnörkelter Schrift zieht sich gleich ein ganzer Satz quer über den oberen Brustbereich: „Pain is temporary, pride is forever“ (Der Schmerz geht vorüber, der Ruhm bleibt für immer). Gestochen bei einer zweieinhalbstündigen Sitzung Anfang Mai. Doch Nguyen ließ die Schrift in der Qualifikation lieber verschwinden. Sicher ist sicher auf unsicherem Tattoo-Terrain. „Ich überdecke es vor jedem Wettkampf mit Make-Up und Puder. Von einem Tattoo steht natürlich nichts in den Regeln, aber ich möchte gerade bei Olympia kein Risiko eingehen“, sagt Nguyen.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat inzwischen aber signalisiert, dass es sich um ein Missverständnis handele und der 24-Jährige sehr wohl seinen Leitspruch nach außen tragen dürfte. Leichtathlet Nick Symmonds weiß indes, dass er nicht auf ein Missverständnis hoffen darf – und setzt deshalb auf Tape. Der 800-Meter-Läufer aus den USA wird sich seine linke Schulter bei den Wettkämpfen im Olympiastadion verkleben. Nicht ohne Grund, denn dort prangt der Name einer Werbe- und Design-Agentur. Das Unternehmen aus Milwaukee hatte sich das Stückchen Haut gesichert, das Symmonds bei einem Auktionshaus für 11100 Dollar versteigert hat. Doch individuelle Werbung ist bei Olympia verboten.

Symbol-Tattoos allerdings sind auch in London erlaubt. Hochspringerin Ariane Friedrich trägt einen Tiger auf dem Rücken. Ein Vogel ist auf dem Hals von Italiens Schwimm-Weltmeisterin Federica Pellegrini zu erkennen. Wasserspringerin Christin Steuer hat eine Lilie am Handgelenk, die die Zahl zwölf symbolisiert – für das Olympia-Jahr 2012. Auch die Heroen des Aquatics Centres, Michael Phelps und Ryan Lochte, tragen Tattoos. Überhaupt scheint sich das amerikanische Schwimm-Team mit Haut und Haaren den olympischen Ringen verschrieben zu haben. „Ich bin in der Minderheit“, sagte die dreimalige Olympiasiegerin Natalin Coughlin und fühlt sich ob ihrer fehlenden Tätowierung „nackt“. Ihre Kollegin Elizabeth Beisel entschied sich aus einem besonderen Grund für die Ringe: „Es ist das einzige Tattoo, das dir die Eltern erlauben.“