Kinderschützer schlagen Alarm: Kids verrohen, doch gleichzeitig sind sie immer schlechter aufgeklärt. Elternkurse sollen Abhilfe schaffen.

NÜRNBERG „Ich hatte noch nie Sex. Bin ich normal?“ Diese Frage aus dem Mund eines elfjährigen Mädchens schockt. Und steht doch für einen beängstigenden Trend: Viele Mädchen und Jungen haben immer früher Sex, schreiben die Autoren Bernd Siggelkow und Wolfgang Büscher in ihrem Buch „Deutschlands sexuelle Tragödie – Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist...“

Diese Entwicklung werde durch die Pornographisierung der Gesellschaft beschleunigt. Immer mehr Jugendliche würden sexuell verwahrlosen. Sie sind umgeben von tausenden einschlägigen Internetseiten, Filmen und Zeitschriften. Eine Mitschuld trifft dabei die Eltern, die das verrohte Sex-Bild ihren Kindern vorleben – oder sie nicht in ihrem Porno-Konsum kontrollieren. So hätten die Kinder keine Chance mehr zu erfahren, was Nähe und Gefühle wirklich sind.

Die Kinder erleben Sex als Ware, Droge oder als Ersatz für fehlende Liebe.

„Kinder lernen viel mehr aus Vorbildern denn aus Worten“

Einhergehend mit dieser Hypersexualisierung besteht aber – erstaunlicherweise – ein immer größeres Defizit bei der sexuellen Aufklärung, warnt Mukadder Ergün (48), Trainerin des Deutschen Kinderschutzbundes aus Nürnberg. Denn viele Eltern denken, dass sich die Kinder „untereinander und über Pornos und Internetseiten, schon selbst aufklären würden. Doch das ist keine medizinische, ausführliche sexuelle Aufklärung“, sagt Ergün. Sie hält „Elternkurse“ unter dem Motto „Starke Eltern, Starke Kinder“. Sie und ihr Kollege Metin Aycicek (58) wollen darin Eltern einen guten, selbstbewussten Umgang mit ihren Kindern beibringen – inklusive sexueller Aufklärungsarbeit. Und aufzeigen, wie Eltern zu Vorbildern werden. „Kinder lernen viel mehr aus Vorbildern denn aus Worten“, so Ergün.

Dem werden viele Eltern aber nicht gerecht. Ergün stößt immer wieder auf Abgründe. Zum Beispiel, als sie mit Viertklässlern über den Sexualkunde-Unterricht redet: Da rückten die Knirpse damit heraus, dass sie sich daheim Pornos aus dem Internet ansehen. Ergün ließ sich von den Schülern die Web-Adressen geben, forschte nach und ist „aus allen Wolken gefallen. Ich war schockiert von dem, was ich da sah.“ Genauso schockierend: Die Geschichte einer Drittklässlerin, die der Lehrerin detailliert von Porno-Oralsex-Szenen berichtete. Und fragte „was denn der Frau aus dem Mund lief“. „Das geht nicht“, stellt die Lehrerin fest. Sie fordert mehr Bildung für die Eltern im Umgang mit den Medien. „Die müssen in der Lage sein zu kontrollieren, was ihre Kinder zu sehen kriegen“, fordert sie. mm

Mehr über die Elternkurse vom Deutschen Kinderschutzbund auf Deutsch und in Türkisch lesen Sie in der Print-Ausgabe Ihrer AZ am Donnerstag, 11. September.