Lokales Der Futtertrog des Tiergartens

Die Kornkammer des Nürnberger Tiergartens: das Gut Mittelbüg von oben. Foto: Bischof & Broel

NÜRNBERG - 190 Hektar Wald und 88 Hektar Felder liefern neben Grünfutter, Karotten und Kartoffeln auch Weidelgras für Seekühe und Bambus für Pandas

31 Tonnen Karotten, 13700 Salatköpfe, 19,1 Tonnen Äpfel, 6,4 Tonnen Bananen, 73,8 Tonnen Fleisch, drei Tonnen Fisch – das ist ein Auszug aus der Speisekarte des Tiergartens für ein Jahr. Dazu kommen 820 Tonnen Grünfutter. Anders als bei den Bananen kann der Tiergarten Nürnberg dabei darauf zurückgreifen, was hauptsächlich auf den Pegnitzwiesen wächst. Inmitten der Auen steht das idyllische Gut Mittelbüg. Das riesige Gehöft ist die Kornkammer vom Schmausenbuck.

190 Hektar Wald und 88 Hektar Landwirtschaft – gepachtet oder von den Städtischen Werken überlassen – bewirtschaften vier und ein halber Angestellter für den Tiergarten, davon liegen 29 Hektar direkt um Mittelbüg, kurz hinter dem Schwaiger Ortsteil Malmsbach. Immer wieder einmal weckt das Gut, das seit 1928 in Besitz der Stadt ist, Begehrlichkeiten einzelner Stadträte. Es stimmt schon: In den Ställen, Wohnhäusern und Scheunen auf dem weitläufigen Gelände würde sich beispielsweise hervorragend ein Therapiezentrum machen, Mitte des 19. Jahrhunderts waren hier geistig Behinderte untergebracht.

Doch hätte der Tiergarten Mittelbüg und die Ländereien nicht, müsste das Futter zugekauft werden – und das käme teurer. Aus Kostengründen hat der Tiergarten auch kein schweres Gerät: Arbeiten für die Mähdrescher wurden neudeutsch „outgesourct“. Das verwinkelte Gehöft steht unter Denkmalschutz, die Wendescheune aus dem 17. Jahrhundert ist das Prunkstück. Auf den Feldern ringsherum wiegen sich Mais, Klee und die Stängel von Topinambur, der Süßkartoffel im Wind. Für die kleinen Knollen stehen die Affen im Tiergarten Schlange. Beregnet werden die Felder mit Wasser aus der Pegnitz. Auf einem großen Acker wiegt sich im Sommer das Getreide, gleich dahinter steht der Bambus dicht wie eine Wand am Pegnitzufer – das einzige, was der „knärschiche“ Panda fressen mag.

Auch die Manatis, die Seekühe, sind nicht ganz unproblematische Speisegäste. Extra für sie wird das Weidelgras angebaut, es ähnelt dem scharfkantigen Hundsgras. In dicken Batzen treibt es nach der Ernte im Wasserbecken der Meeresbewohner, die gerne an dem süßen Gras zutzeln. Herr über Mittelbüg ist Alois Ehrnsperger, der Futtermeister des Tiergartens. Der 62-Jährige ist gelernter Kaufmann und Landwirt, der von der Pieke auf das Geschäft mit der Natur versteht. „Dass die Wiesen an der Pegnitz recht mager sind, macht gar nichts – wir wollen im Tiergarten ja nicht mästen.“

Wollen nicht, aber manchmal lässt sich das nicht verhindern: FdH ist im Streichelzoo nicht kontrollierbar, und wenn sich die Ziegen und Schafe durch die vollen Kinderhände einen Ranzen angefressen haben, so kommen sie auf die „Diätfarm“ Mittelbüg. Im einstigen Küchenraum des Guts waren die 27 Paviane untergebracht, als ihr Affenfelsen im Tiergarten umgebaut wurde. Inzwischen sind die Affen wieder in ihrem Stamm-Quartier. Im Winter wird Mittelbüg zum Notquartier für kälteempfindliche Tiere.

Ganzjährig leben hier der Zootierarzt Bernhard Neurohr, der Delfinforscher Lorenzo von Fersen und einige andere Zoomitarbeiter zur Miete. Die Herde Rotkopfschafe, die auch immer hier ist, gibt auch etwas ab – und zwar ihr Genmaterial. Zoo-Vize Helmut Mägdefrau: „Das ist eine der letzten Herden aus den Pyrenäen, sie dient als Gen-Reserve für ganz Europa.“ Im Zeitalter der Roten Listen bedrohter Tierarten wird die Erhaltung seltener Haustierrassen immer wichtiger. Mittelbüg ist auch Rückzugsort und zwar für verletzte Wildfänge. Vor kurzem lieferte jemand einen verletzten Bussard ab. Der Raubvogel wird hier aufgepäppelt. Das Wichtigste, was er derzeit braucht, gibt’s in Mittelbüg 24 Stunden lang: Ruhe.Susanne Will

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