Kunstfoyer der Versicherungskammer Peter Keetman-Ausstellung: Die Formen der Welt

Die Ausstellung zeigt Bilder des Fotografen Peter Keetman. Foto: Nachlass Peter Keetman / Stiftung F.C. Gundlach

Eine umfassende Schau im Kunstfoyer der Versicherungskammer würdigt den zu wenig bekannten Fotografen Peter Keetman.

München - Er sah Strukturen im Gewimmel, und wo keine Strukturen waren, da schuf er sie. Der Sprungturm in Prien am Chiemsee aus den 50er Jahren etwa. Andere Fotografen hätten vielleicht einzelne Badende herausgegriffen, Peter Keetman trat einen Schritt zurück, erfasste das gesamte Gerüst mit seinen parallelen Böden und Leitersprossen und seinen Querverbindungen – und machte die Menschen auf diesem luftig-lustigen Bild gewissermaßen zum schmückenden Beiwerk.

Zu seinem Markenzeichen wurden freilich Strukturen, die er selbst schuf: Peter Keetmans spiralenförmige Lichtpendel-Schwingungen sind modernistisch-abstrakt, sie passten in die Zeit. Für diese effektvollen Aufnahmen mit Langzeitbelichtung ließ er eine Glühbirne an einem Drahtseil pendeln.

Besonders raffiniert, archaisch und modern zugleich, wurden diese Lichtzeichnungen, wenn die Kamera dabei auf einem Grammophon-Teller stand. Das Ergebnis sieht dann aus wie eine Schnecke.

Die Ausstellung "Gestaltete Welt" mit mehr als 300 Aufnahmen im Kunstfoyer der Versicherungskammer-Kulturstiftung würdigt einen Fotografen, der international immer noch erstaunlich unbekannt ist, obwohl er nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Jungen Wilden zählte.

Keetman wurde 1916 in Wuppertal geboren, später zog er unter anderem an den Chiemsee, 2005 starb er in Marquartstein. Seine Ausbildung erhielt er an der damaligen Bayerischen Staatslehranstalt für Lichtbildwesen in München bei Hanna Seewald und Hans Schreiner. Nach dem Krieg sollten Meisterkurse in München und Stuttgart folgen. Im Kriegsdienst bei den Eisenbahnpionieren in Russland, wo er auch fleißig fotografierte, verlor er ein Bein. Eine Folge dieser körperlichen Einschränkung war denn wohl, dass Keetman vor allem in der Region, oft direkt vor der Haustür arbeitete, sagt Kurator Sebastian Lux von der Stiftung F.C. Gundlach. Von der Hamburger Stiftung stammen die meisten Werke der Schau, weitere kommen vom Folkwang-Museum Essen. Und – wenig überraschend: Keetman arbeitete auch Strukturen heraus, wenn er aus dem Haus seinen Gartenzaun fotografierte.

Ausbrechen aus der traditionellen Form, das wollte er. Ebenso wie andere junge Fotografen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Die noch sehr der Tradition verhaftete Stuttgarter Ausstellung "Die Photographie 1948", in der Keetman auch vertreten war, kam bei der Kritik gar nicht gut an.

Noch am Tag der Eröffnung aber fanden sich die Aufbruchwilligen zusammen. Ihr Ziel: mit dem Konservatismus brechen! Die Gruppe, die ab 1950 unter dem Namen Fotoform an die Moderne der Vorkriegszeit anschloss, war geboren. Neben Keetman gehörten ihr Toni Schneiders, Siegfried Lauterwasser, Wolfgang Reisewitz, Ludwig Windstosser und Otto Steinert an, 1950 kamen noch Heinz Hajek-Halke und Christer Christian dazu. Die Mitglieder tauschten ihre Bilder zur Begutachtung aus, und jeder schrieb auf die Rückseite jedes Bildes seinen Kommentar. Die Ausstellung im Kunstfoyer der Versicherungskammer zeigt einige dieser Bilder und der angefügten Kommentare. Sie lesen sich wie die Anmerkungen aus heutigen Internet-Foren, freilich ohne die dort üblichen Beleidigungen. Manchmal gab es ausführliche Begründungen zum Urteil, manchmal schrieben die Kollegen einfach nur "Nein".

Für Keetmanns spielte München und das Umland eine große Rolle

München und das Umland spielen eine große Rolle im Werk Keetmans. Während der NS-Zeit fotografierte er eine Hakenkreuz-Standarte auf dem Königsplatz. Nein, sagt Lux: Man habe auch nach langer Recherche keinen Hinweis darauf gefunden, dass Keetman sich mit dem Gedankengut der Nazis identifiziert habe. Er hat einfach im Bild festgehalten, was sich seinem Auge bot. Und die Formen waren nun mal streng. Aus der Zeit nach dem Krieg gibt es Fotos von Eisläufern im Prinzregentenstadion. Oder ein flirrend-wimmelndes Bild vom Stachus, das vielfach verfremdet wurde und dadurch besonders modern-urban wirkt.

München wurde bei Keetman von der Hauptstadt der Bewegung zur Stadt in Bewegung. Er war aber, anders als einige seiner Kollegen, kein Trümmerfotograf. "Lebenskreise einer Stadt" hieß der von ihm illustrierte München-Bildband und -Kunstführer.

Lustvoll in die Form stürzte sich Keetman 1953 für einige Tage im Volkswagenwerk in Wolfsburg. Es war keine Auftragsarbeit, es ging nicht um das Erfolgsprodukt VW Käfer, es ging auch nicht darum, wirtschaftswundermäßig ölverschmierte Arbeiter zu zeigen. Keetman feierte die Formen, die die Massenproduktion mit sich brachte.

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