Kundgebung von Bellevue di Monaco Tausende demonstrieren vor der Oper für eine offene Gesellschaft

, aktualisiert am 22.12.2016 - 22:21 Uhr
Gute Stimmung zu Beginn der Demo: Mit dabei sind auch die Grüne Katharina Schulze und der orthodoxe Erzpriester Apostolos Malamoussis (r.). Foto: Daniel von Loeper

Tausende demonstrieren bei der Kundgebung vor der Oper mit Bellevue di Monaco für eine offene Gesellschaft und gedenken der Opfer des Anschlags in Berlin.

 

München - Ein offene und angstfreie Gesellschaft bekommt man nicht geschenkt. Dafür muss man arbeiten“, ruft Matthias Weinzierl vom Bayerischen Flüchtlingsrat ins Mikro. Und jene Menschen, die am gestern Abend auf den Max-Joseph-Platz gekommen sind, stehen für diese offene und angstfreie Gesellschaft. Die Sozialgenossenschaft Bellevue di Monaco, die derzeit an der Müllerstraße drei Häuser für ein Flüchtlingsprojekt saniert, hat die Kundgebung unter dem Motto „Wir sind alle von Wo“ angemeldet. Mehr als 4000 Menschen sind gekommen.

„Salem Aleikum, Friede sei mit euch“, sagt Hajer Dhahri vom Verein Muslimrat. „Ist es nicht endlich an der Zeit, diese Sündenbockmentalität abzustellen und uns mit den wahren Problemen auseinanderzusetzen?“ Diese Probleme sieht sie nicht bei Schutzsuchenden.

Fast hundert Vereine, Verbände und Organisationen aus München sowie die großen Theater haben mit Bellevue dazu aufgerufen, an der Kundgebung teilzunehmen. „Man kann sich nicht aussuchen, wo man geboren wurde“, erklärt Till Hofmann, Lustspielhaus-Chef und Mitgründer von Bellevue di Monaco, den Leitspruch des Abends.

 

Seine Partei kann man sich freilich aussuchen, aber Stadtrat Marian Offman spricht auf der Kundgebung ja nicht für die CSU, sondern für die Isrealitische Kultusgemeinde. Trotzdem muss er sich, als er vor Populismus warnt, einige „Seehofer“-Zwischenrufe aus der Menge anhören.

"Es geht nicht um Muslime"

Applaus gibt’s allerdings, als sich Offman bei der Polizei und den Sicherheitskräften für ihre Arbeit bedankt – nicht nur an diesem Abend. Denn in manchen Situationen riskieren sie ihr Leben für die Sicherheit der Bürger.

Auch der schreckliche Anschlag in Berlin wird thematisiert, und an die Opfer erinnert. Zugleich mahnen die Redner, das Attentat nicht zu instrumentalisieren. „Es geht nicht um Muslime, sondern um Scheindebatten. Es geht um Perverse, die sich an Eskalation aufgeilen, weil sie davon profitieren“, sagt Dhahri.

Ihre Meinung teilen Musiker wie The Notwist und die Hochzeitskapelle, Prevon Moore und Andreas Kowalewitz vom Gärtnerplatztheater, die Nat King Coles, die „The Christmas Song“ schmettern, Candelilla und Willy Astor, der von der „Insel der Glückseligkeit“ singt, auf der wir leben – außerdem Günter Sigl und Barney Murphy von der Spider Murphy Gang und der Syrische Friedenschor.

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"Wir schaffen das! Wenn wir wollen"

Angst und Offenheit sind die Themen des Abends – aber auch vermeintlich sichere Herkunftsländer. „Es ist ungerecht, Menschen nach Afghanistan abzuschieben. Dort ist Krieg“, sagt Matthias Weinzierl, der Geschäftsführer des Bayerischen Flüchtlingsrates. Jassin Akhlaqi von Jugendliche ohne Grenzen, der vor fünf Jahren aus Afghanistan nach München gekommen ist, spricht für seine Freunde, die noch immer in Afghanistan sind. „Ich kenne viele Menschen, die vieles schaffen wollen. Aber sie haben keine Chance, ihr Potenzial zu nutzen.“ Akhlaqi erzählt, dass er hier sein Abitur gemacht hat, Fußball-Schiedsrichter ist und Theater gespielt hat.

Die Füße werden kalt, die Herzen warm. Die Münchner haben nicht nur an diesem Tag gemeinsam ein Zeichen gesetzt, dass sie zammhalten, sondern das Jahr über angepackt. Sie haben Kleidung, Spielsachen und Schulzeug gespendet, sich ehrenamtlich engagiert, Deutschkurse in Flüchtlingsunterkünften gegeben, Kindern an Schulen vorgelesen und sich als Menschen gezeigt. „Wir schaffen das! Wenn wir wollen“, sagt Till Hofmann.

 

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