Kultur Punkrock mit Goethe

Komplexität und Widersprüchlichkeit: Fränk (hier das Cover-Motiv) lebt für den Punkrock, doch er blickt kritisch auf die Szene. Foto: Verlag

Ein Hörspiel beleuchtet die neue und alte Münchner Punk-Szene und zeigt, dass auch größte Revoluzzer voller Selbstzweifel sind

Bayreuth hat Christoph Schlingensief überlebt, die Kammerspiele gehen möglicherweise nicht an Schorsch Kamerun zugrunde. Punk ist längst durch die Institutionen marschiert – die einst Vogelwilden sitzen in Chefredaktionen, Aufsichtsräten und auf dem Präsidentensessel des Deutschen Komponistenverbandes.

Punk hat und ist Geschichte, wie gerade München mit dem identitätsstiftenden Dokumentarfilm „Mia san dageng“ begreifen lernte. Aber Punk-Gegenwart gibt es mehr denn je, wie man in Clubs wie dem „59:1“, dem Backstage, der Glockenbachwerkstatt hören oder im prosperierenden „Gaudiblatt“ von Szene-Guru Olli Nauerz nachlesen kann. Das interessanteste Stück Münchner Punk-Selbstreflexion ist allerdings gerade auf CD erschienen: das Hörspiel „Kein Halt in Freimann“.

Das Innenleben des Punkers

Geschrieben und realisiert im Eigenverlag vom Autor Sebastian Kuboth in Zusammenarbeit mit den Musikern Jakob Braun und Alessio Zachariades von der Band Destination: Failure! beleuchtet das Stück die Münchner Szene. Es ist aber nicht dokumentarisch, außer beim umfangreichen Soundtrack, den ein Dutzend lokale Bands teils exklusiv beisteuern. Dem Hörspiel geht es um die innere Verfassung von Menschen, für die Punkrock Lebensinhalt ist: „Kennen Sie das? So Momente, wo man vor Wut platzen könnte?“, beginnt die Hauptfigur Fränk die Erzählung von einem Tag in München, der tragisch an der U-Bahn endet.

Fränk ist ein Punk der ersten Stunde, mit seiner Musik durch verschiedene Szenen gegangen. Mal nüchtern, mal zornig spricht er über Pläne und Träume und ordnet sie in der Realität ein: „Irgendwie bin ich doch auch ein Teil des Ganzen“, sagt Fränk, doch er erkennt: „An klassische Rebellion glaube ich sowieso nicht mehr.“ Da scheint ihm manchmal sogar Goethe näher, den er – ganz Bildungsbürger – zitiert: „Wir erschrecken über unsere eigenen Sünden, wenn wir sie an anderen erblicken.“

Abgeklärt

So ist das Hörspiel stellenweise mehr ein Hörbuch, das auch den Nicht-Punks unter den Hörern Komplexität, Widersprüchlichkeit und Selbstzweifel der Szene auf eine ungewöhnlich abgeklärte Weise näher bringt. Das ist umso überraschender, weil Kuboth (25) ein Punk-Nachgeborener ist: „Ich identifiziere mich mit der Geschichte, aber sie ist nicht autobiografisch.“ Ein Vergnügen sind auch die prominenten Stimmen, die Kuboth auf der CD versammeln konnte: Die Liste reicht von Hansi Kraus („Lausbubengeschichten“) über Eisi Gulp („München 7“) bis zu Gerhard Acktun („Das Boot“).

Eine Botschaft oder eine Auflösung hat das Werk nicht. Doch als Fränk in Freimann stolpert, wird klar: Es gibt keinen Halt, nirgends.

Michael Grill

„Kein Halt in Freimann“ (Doppel-CD mit Soundtrack) ist erhältlich über www.sebastiankuboth.deoder www.kein-halt-in-freimann.de (16.90 Euro)

JETZT LESEN

0 Kommentare