Kultur Gegen den Jugendwahn

,
Edita Gruberova als Violetta in Verdis "La traviata" vor dreißig Jahren an der Bayerischen Staatsoper. Foto: Sabine Toepffer

Edita Gruberova, die Königin der Koloratur, verabschiedet sich am Samstag im Gasteig (vielleicht) mit einer konzertanten Aufführung von der Rolle der Violetta in Verdis „La traviata“

Mit „La traviata“ begann 1968 Edita Gruberovas Weltkarriere. Ihre Auftritte in New York und München unter Carlos Kleiber sind unvergessen. Nun singt die Sopranistin unter Marco Armiliato in einer konzertanten Aufführung von Verdis Oper. Tenor Pavol Breslik debütiert als Alfredo, Paolo Gavanelli singt den Giorgio Germont. Diese Aufführungen werden als Gruberovas letzte Auftritte in der Rolle beworben, was sie selber mittlerweile etwas anders sieht.

AZ: Frau Gruberova, ist diese „Traviata“ ein Abschied?

EDITA GRUBEROVA: Ein Abschied? Nein. Als ich jetzt im November wieder die Traviata in Hamburg gesungen habe, bin ich richtig auf den Geschmack gekommen. Das war szenisch und nicht modern. Ich konnte mich auf Violettas Schicksal konzentrieren. Es störte nichts Unmusikalisches, und ich passte in die Kostüme.

Ist eine konzertante „Traviata“ einfacher?

Nein. Man muss mehr Emotion und Ausdruck geben, vielleicht auch mehr Mimik. Man hat nur einen Quadratmeter Bühne. Eine „Traviata“ im Gasteig ist außerdem schwieriger als konzertante Aufführungen romantischer Belcanto-Opern von Bellini oder Donizetti. Es stellt sich schon die Frage, wie Violetta stirbt. Vielleicht müssen wir das noch mit Pavol Breslik besprechen.

Ist der Druck groß?

Vor Hamburg habe ich einen Druck verspürt. Die Rolle ist zwar kein Mount Everest für mich, aber ein mittelgroßer Berg. Es hat mir geholfen, dass die Aufführung szenisch war. Ich konnte mich austoben. Aber ich freue mich auf die „Traviata“ in München.

Weil Sie ihr gewachsen sind?

Der Lernprozess endet nie. Eine Rolle entwickelt sich bei mir ständig. Früher habe ich mich auf den Gesang konzentriert, heute ist es das Hineinfühlen in das Befinden von Violetta. Für mich ist die Hauptsache, zu sein und nicht, wie man Koloraturen singt. Ich habe keine Probleme mit Läufen oder Höhen, vielleicht in der Tiefe. Ich erlaube mir immer mehr, das Innerste nach außen zu lassen. Auf eine Art entblöße ich mich. Hier passt das zur Musik, in anderen Werken ist das schwieriger. Ich denke, dass junge Sänger nicht gänzlich nachfühlen können, was das Schicksal von Violetta bedeutet.

Womit Sie den gegenwärtigen Jugendwahn kritisieren?

Wenn es jemanden stört, dass ich bald 64 bin, ist das sein Problem. Mir ist das egal. Hätte ich stimmlich Probleme, würde ich als erste sagen: „Danke, das war’s.“ Es ist schade, nur auf junge Kräfte zu setzen. Erfahrungen gehen verloren. Aber das hat mit der Schnelligkeit des Lebens und der Situation allgemein zu tun. Alles muss schön sein, jung, frisch, neu. Heute sucht man keine Stars, sondern Superstars. Es muss wohl erst ein Unfall wie bei „Wetten, dass?“ passieren, bis wir begreifen, dass das übertrieben und eine Illusionen ist.

Was bleibt als Lehre?

Ich bin nicht fundamentalistisch religiös, aber irgendwo kommt eine Grenze. Sie wird gezogen: „Bis hierher und nicht weiter. Menschen, besinnt euch und kommt zu euch. Baut auf echte Fundamente.“ Das alles sind doch Luftschlösser.

Gilt das auch für Sänger?

Manche scheinen mir nicht stabilisiert, auch emotional. Sie sind mit einer Stimme geboren, aber man muss etwas für sie tun. Man muss Geduld haben und sich Zeit nehmen. Ich bin froh und stolz, dass ich es der Welt noch zeigen kann. Ich habe auf mich aufgepasst, alles andere zeigt die Zeit. Einige jüngere Sänger sind schon am Ende. Das bedauere ich, weil es teilweise große Talente sind. Aber man verheizt sie, und sie lassen sich verheizen. Zu diesem Beruf gehört auch Hirn, das sollte man nutzen.

Marco Frei

11. und 17. Dezember, Gasteig, 19.30 Uhr. Karten unter Tel. 0180 / 54 81 81 81 und Abendkasse

JETZT LESEN

Auch interessant

0 Kommentare