Kühle Schläge, Varieté-Wärme So war der erste Abend von "Klassik am Odeonsplatz"

Stoischer Steinlöwe und aufgedrehter Percussionist: Martin Grubinger beim Konzert des Symphonieorchesters des BR. Foto: BrauerPhotos / G.Nitschke

Martin Grubinger und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks am ersten Abend von "Klassik am Odeonsplatz".

Es war ziemlich frisch. Obwohl Martin Grubingers Auftritte eigentlich nie kalt lassen. Das versprachen wenigstens der BR-Hörfunkdirektor Manfred Wagner und der städtische Kulturreferent Hans-Georg Küppers in ihrer gemeinsamen Begrüßung. Aber manchmal kommt es halt anders, als man denkt.

Der österreichische Schlagzeug-Energetiker war für den verletzten Pianisten Lang Lang eingesprungen. Und Rachmaninow ließ sich von drei noch lebenden Kollegen vertreten. Das sorgte für ein paar freie Plätze auf dem eigentlich ausverkauften Platz.

Zuerst arbeitete sich Grubinger im ersten Satz von Tan Duns "The Tears of Nature" von aneinander geschlagenen Steinen zu den Pauken hoch. Er lieferte sich Duelle mit den Schlagzeugern des BR-Symphonieorchesters an riesigen asiatischen Trommeln, ehe das Stück mit einem Zymbelschlag endete. Ein effektvolles Versprechen.

Die chinesischen Trommeln schauten dann aber gelangweilt, arbeitslos und traurig in Richtung Siegestor. Grubinger kühlte mit viel Feinarbeit in einem langsamen Satz aus einem Konzert von John Corigliano mit die Stimmung herunter, als sei der Auftritt auf dem Odeonsplatz das Probespiel für eine Schlagzeugprofessur.

Das BR-Symphonieorchester hat das nötige Feuer solch einen kühlen Abend

Auch der wackere Wiener Bruno Hartl badet beim Komponieren eher lau. Erst nach viel Klingklang kam sein braves Konzert ein wenig in Fahrt. Ein Hauch von Samba, ein Prise Populismus hätte nicht geschadet. Sind die weggelassenen Teile von Tan Duns "The Tears of Nature" wirklich so fad, dass man sie durch ein Best-of akademischer Schlagzeugkonzerte ersetzen muss?

Viele sehnten sich nach Glühwein oder einem steifen Grog. Es kam auch schon zwischendrin zu Absetzbewegungen unter Leuten, die unter dem Sommersakko keine Funktionswäsche trugen. Aber da war ja noch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Das strahlt an guten Abenden eine Wärme aus, die einen Heizpilz ersetzen kann.

Dirigent Manfred Honeck stürzte sich nach der Pause zuerst mit Verve auf den schmissigen k.-&-k.-Walzer "Hereinspaziert" von Carl Michael Zierer. Schon stieg die gefühlte Temperatur. Dann folgte eine vom Dirigenten zusammengestellte Suite aus Antonín Dvoráks "Rusalka". Der Konzertmeister Anton Barakhovsky hatte einen großen Auftritt im "Lied an dem Mond" als Violin-Solo, die Bläser des Orchesters verwandelten die Opernmusik in einen großen slawischer Tanz voller mit Glanz und herzerwärmender Wehmut.

Wieder einmal bestätigte sich das alte Paradox, dass eher leise und getragene Musik bei verstärkten Konzerten am Besten wirkt. Zuletzt noch die "Suite für Varieté-Orchester" von Schostakowitsch, das sonnigste Stück dieses musikalischen Großmeisters des Grants und der üblen Laune. Der durch Stanley Kubricks Film "Eyes Wide Shut" berühmt gewordene Walzer strahlte, die Kälte war vergessen.

Als Zugabe spielte Martin Grubinger auf einer mechanischen Schreibmaschine Leroy Andersons "The Typewriter" - bekannt durch einen Sketch von Jerry Lewis. Nett, aber auch altbacken, wenn man dran denkt, was Grubinger aus einer einzelnen Trommel herausholen kann. Aber zum Glück schickte das Symphonieorchester noch den Rausschmeißer-Walzer aus dem "Rosenkavalier" von Richard Strauss hinterher. Die Horngruppe schmetterte wie eine Herde Elefanten. So kommen Kunst und Stimmung zusammen. Und der anfangs recht kühle Abend war vollends gerettet.

Lesen Sie hier: Manfred Honeck über den Dirigenten-Beruf

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