„Hell’s Bells“ in der Mitte, nackte Brüste im Regen ganz vorne: AC/DC rocken im Olympiastadion ihr Heimspiel samt Geisterbahn-Bühne. Die AZ-Kritik zum Konzert in München.

München - Jetzt zieht er sich erst recht aus, da kann es noch so viel regnen: Angus Young, Lead-Gitarrist, Springteufel vom Dienst und letztes verbleibendes AC/DC-Gründungsmitglied schmeißt trotz Dauerregen und Herbsttemperaturen nach dem halben Set seine rote Schuluniformjacke ins Eck. Bald steckt auch das weite weiße Hemd nicht mehr in der Hose und der inzwischen Sechzigjährige wälzt sich auf dem klatschnassen Steg vor der Bühne, als wäre es der letzte Schultag. Dass er dabei noch ein Gitarrensolo aus der Hüfte feuert, versteht sich von selbst.

AC/DC können eigentlich machen, was sie wollen. Nach den Konzerten 2001 und 2009 ist München so eine Art Heimspiel. Alle gespielten Songs sind Hits und alle Hits werden gespielt: „Shoot to Thrill“ und „Back in Black“ gleich zu Beginn, „Hell’s Bells“ in der Mitte, „Highway to Hell“ als Zugabe. Es könnte auch umgekehrt sein und würde genauso gut funktionieren. Mit den blues-melierten Hard Rock der Australiern kann wenig schiefgehen.

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Die Bühne sieht 2015 aus wie eine Geisterbahn, davor liegt das Olympiastadion wie ein Meer rot blinkender Teufelshörnchen. Es schüttet zwar das ganze Konzert durch, aber für Blitz und Donner sind immer noch AC/DC mit „Thunderstruck“ zuständig. Das Münchner Publikum lässt sich von ein bisschen Wasser auch nicht den Spaß an seinem Mega-Event nehmen: Im Trocknen kann ja jeder rocken.
 
Brian Johnson tänzelt und krächzt über die Bühne wie Foxy Grandpa, der rüstige Verführer und Gentleman. Angus Young führt seine über Jahrzehnte perfektionierten Hüpf-Choreografien auf. Stevie Young, der neue Gitarrist, der für seinen dementen Onkel Malcolm eingesprungen ist, hält fast das ganze Konzert über unscheinbar neben dem Schlagzeug die Stellung.
 
Dass mit Malcolm Young mal eben das vorletzte Gründungsmitglied der Band ausgewechselt wurde, hatte in den letzten Wochen für eine Menge Schlagzeilen gesorgt. Beim Konzert spielt die Personalie aber gar keine Rolle, die Band erwähnt den Wechsel mit keinem Wort, wie sie auch sonst kaum Ansagen macht. Nur die Musik soll sprechen. Bands wie AC/DC sind eben inzwischen gut laufende Maschinen, an denen eine ganze Industrie hängt. Die lässt man nicht mal eben still stehen oder auch nur stocken.
 
Eine Besucherin zeigt ganz vorne ihre Brüste in die Kamera
 
Das bringt natürlich Routine mit sich – der einzige Vorwurf, den man der Band an diesem Abend machen kann. Klar: Die eigentlich brutal simplen Songs kann man fast nur stumpf runterspielen. Aber das funktioniert eben. Botschaften oder Moral gibt es keine. In den Songs geht es fast immer nur, kaum verschleiert, um Sex und Saufen. AC/DC sind eben das reine Körperliche: Bier trinken und tanzen auf der Tribüne. Den Bass spüren, der pro Song nicht mehr als drei verschiedene Noten zu spielen braucht. Eine Besucherin zeigt ganz vorne ihre Brüste in die Kamera und alle zusammen sind nass. Aber man war da und kann sagen, „ich bin bei AC/DC im Regen gestanden. Geil war’s.“