Tony Parsons über London, seinen neuen Krimi, James Bond, Krawalle und die Flüchtlingssituation

 

Eine Uni hat er nie von innen gesehen, die Schule verließ er mit 16 Jahren. Aber mit seinem literarischen Talent wurde Tony Parsons einer der legendären Pop-Journalisten Englands. Er verbrachte viel Zeit mit den Sex Pistols, schrieb aber auch die Autobiographie von George Michael und war Kolumnist für etliche Medien. Seine eigentliche Leidenschaft aber ist die Literatur und – seit seinem erfolgreichen Debüt als Genreautor – der Kriminalroman. Parsons Detective Max Wolfe ermittelt im Londoner West End. Der liebevolle alleinerziehende Vater bekommt es mit Fällen zu tun, die nichts für zartbesaitete Seelen sind. Im neuen Krimi „Mit Zorn sie zu strafen“ wird eine Familie ausgelöscht – mit einem Bolzenschussgerät. Nur der jüngste Sohn scheint überlebt zu haben, doch er ist verschwunden. Wolfe und sein Team haben nur eine Spur. Es gab so einen Fall schon vor mehreren Jahrzehnten – und der Mörder ist wieder auf freiem Fuß ...

AZ: Herr Parsons, Sie haben einen Roman geschrieben, von dem man Alpträume bekommen kann.

TONY PARSONS: Aber die Realität ist dann doch immer viel grausamer, wie wir gerade in Paris erleben konnten. In einem Roman haben sie normalerweise noch einen Helden, ein bisschen Licht, egal wie dunkel die Geschichte ist. Wir wollen, dass das Böse bestraft wird, dass alles zu einem guten Ende findet. Das ist wohl auch die Funktion von Kriminalromanen. Es geht viel mehr um das Licht als um das Dunkel.

In Ihrem Roman sterben aber auch Menschen, die andere Autoren wohl am Leben gelassen hätten.

Ich denke immer, der Leser muss sich ein Happy End verdienen. Ich meine damit, dass zwischendurch nicht alles gut ausgeht, nicht im Leben und nicht in meinen Büchern. Wir leben in einer Zeit, in der man sich in den sozialen Netzwerken öffentliche Hinrichtungen anschauen kann. Es ist schwer für einen Krimiautor, mit der Grausamkeit der realen Welt zu konkurrieren.

Müssen Sie nicht großen Zorn oder sogar Hass in sich spüren, um so schreiben zu können?

Nein, ich denke, das Element der Angst ist wesentlich wichtiger. Einer unserer größten Instinkte ist doch, unsere Kinder zu beschützen. Ich glaube, dieser Instinkt ist sogar größer als das Verlangen nach Essen, Sex, Schutz. Welche kosmetischen Veränderungen unsere Gesellschaft auch immer durchmacht, man muss sich als Autor diese Urangst nutzbar machen.

Spricht da der Vater?

Solange man kein Kind hat, versteht man das nur theoretisch. Als Vater spürt man diese Angst körperlich. Ich habe eine 13-jährige Tochter, sie fährt mit der U-Bahn durch London. Selbst wenn ich es wollte, kann ich mir nie zu 100 Prozent gewiss sein, dass ihr Schulweg sicher ist.

London ist nicht nur Ihr Wohnort, sondern auch ein Thema in Ihrem Roman.

Sir Arthur Conan Doyle schreibt über das viktorianische London, Raymond Chandler über Los Angeles im 20. Jahrhundert: Sie reflektieren ihre Zeit und die Zumutungen der Epoche – um nur zwei meiner Vorbilder zu nennen. Ich schreibe über diese Zumutungen des Londons von heute.

Die Stadt verändert sich rapide – nicht immer zum Vorteil.

In den letzten zehn Jahren ist die globale Geldelite nach London gezogen, das hat alles verändert. Eine Menge schmutziges Geld wird hier gewaschen. Oligarchen, Drogenbarone – alle kaufen sich hier ihre Villen. Früher gab es zwei Arten von reichen Menschen: Die einen hatten geerbt, die anderen ihr Geld verdient. Nun kommen die, die ihren Reichtum gestohlen haben. Die Männer, die erste Klasse fliegen, werden jetzt von denen mit den Privatjets verdrängt.

Max Wolfe könnte sich als Polizist eine Wohnung in London wohl auch nicht mehr leisten.

Mag sein, aber haben Sie schon mal darüber nachgedacht, dass James Bond ein Beamter ist? Und er lebt wie ein Lord.

Was hat denn Max Wolfe von Ihnen?

Ich mag die Balance, wie Ian Fleming mit James Bond umging. Fleming war nicht so heldenhaft, aber wenn es um Frauen, die Drinks und den Krieg geht, dann hört man Flemings authentische Stimme. Genauso tauche ich manchmal authentisch in Max auf.

Sie haben einen Vertrag für sechs Wolfe-Romane. Sie verbringen also eine Menge Zeit mit ihm.

Jedenfalls kann ich jetzt verstehen, warum Sir Arthur Conan Doyle Sherlock Holmes umgebracht hat. Nein, das war ein Scherz. Ich bin noch mit Wolfe in den Flitterwochen, ich fühle mich nicht gefangen. Außerdem hat Doyle ja auch den besten Holmes geschrieben, als er ihn auf Druck der Öffentlichkeit wieder zum Leben erwecken musste: Der Hund von Baskerville. Also, man kann als Autor auch aus Verzweiflung das Beste machen.

Ihr Stil ist spektakulär knapp und sehr schnell.

Das muss so sein, erst recht, wenn man eine Serie schreibt. Das ist meine Haltung. Es geht natürlich auch anders, wenn Sie sich Stephen King oder J. K. Rowling anschauen. Wahrscheinlich traut sich bei denen kein Lektor mehr zu kritisieren. Deren Bücher werden immer fetter, ich meine nicht dicker oder größer, sondern fetter.

Womit wir bei Ihrem Humor wären.

Natürlich braucht man Humor als Element der Befreiung in einem düsteren Krimi. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit dem Stereotyp des britischen Humors! Der ist nämlich gar nicht so anders als der deutsche. Wenn Deutsche und Briten Hunde wären, dann gehörten sie zur gleichen Rasse.

Reden wir lieber über die Klassengesellschaft.

Da kennen wir Briten uns aus, darum waren wir auch in Indien so erfolgreich. Wir haben das Kastensystem verstanden. Ich komme zwar aus der Arbeiterklasse, aber als ich aufwuchs, wurde unsere Kultur, Mode und Popmusik von allen umarmt. Es war eine Illusion, wie ich 40 Jahre später weiß.

Wie meinen Sie das konkret?

Wir hatten im Jahr vor den Olympischen Spielen schlimme Ausschreitungen in London. Die Menschen kehrten gewissermaßen in ihre Volksgruppen zurück: Die Schwarzen standen zusammen, die Sikhs, die Weißen, getrennt nach Klassen, auch. Und ich hatte das Gefühl: Wo ist mein Stamm? Ich lebe in einem großen Haus im Stadtteil Hampstead, meine Wurzeln sind aber die Arbeiterklasse, ich verstehe ihre Instinkte, ihr Ethos, ihren Patriotismus, ihre Vorurteile. Aber ich kann nicht mehr behaupten, ein Teil von ihnen zu sein. Ich lebe im Exil. Sie wohl bald auch. Warum begehen sie eigentlich nationalen Selbstmord?

Wer, die Deutschen?

Genau. Was sie machen ist doch tragisch.

Wir haben eine Millionen  Menschen ins Land gelassen, die vor Krieg geflohen sind, zumindest mehrheitlich.

Für mich ist das Verhalten ihrer Regierung näher am nationalen Selbstmord als ein großartiger Akt menschlicher Barmherzigkeit.

Was haben sie gegen Menschlichkeit?

Überhaupt nichts. Aber ich denke etwas ganz anderes, was sich Frau Merkel wahrscheinlich nicht denkt, weil sie keine Kinder hat. Die Auswirkungen auf die Gesellschaft werden nicht unbedingt jetzt spürbar sein, weil die meisten Aufgenommenen ja dankbar sind. Aber was passiert, wenn Deutschland es nicht schafft, die Menschen zu integrieren? Dann erzeugen sie eine ganze Generation frustrierter, entwurzelter Menschen. Das ist gefährlich. Immigration ohne Integration funktioniert nicht. Ich hoffe natürlich sehr, dass meine Befürchtungen falsch sind, aber ich glaube, dass die deutsche Gesellschaft in 20 Jahren, homophober, antisemitischer und frauenfeindlicher sein wird als heute. Und das wäre schrecklich.



Tony Parsons: „Mit Zorn sie zu strafen“ (Bastei Lübbe, 320 Seiten, 14.99 Euro)