Krebs-Tod in München Dieter Hildebrandt stirbt mit 86: Stimmen und Reaktionen

"Wäre ich ein Schiff, müsste ich in die Werft. So muss ich nun "Reparaturarbeiten" an mir durchführen lassen", schreibt Dieter Hildebrandt auf seiner Internet-Seite geschrieben. Am 20. November 2013 ist er verstorben. Foto: dpa

"Dass es so schnell zu Ende ging, ist furchtbar traurig": Nach dem Tod von Dieter Hildebrandt äußern sich Weggefährten, Stars und Politiker. Die Stimmen und Reaktionen.

München - Erst am Dienstagabend hatte die AZ von der Krebserkrankung des Kabarettisten Dieter Hildebrandt – in der Nacht darauf ist der 86-Jährige nun seiner schweren Krankheit erlegen. Lesen Sie hier Stimmen und Reaktionen zum plötzlichen Tod des Stars:

Werner Schneyder (österreichischer Kabarettist und Sportkommentator): "Seine Auftritte sind einmalig gewesen", sagte der 76-Jährige der in Oldenburg erscheinenden „Nordwest-Zeitung“. „Auf der einen Seite hatte er immer eine Haltung, eine feste Position, man wusste stets, was er meinte. Auf der anderen Seite war er in der Lage, auch sehr komplizierte Zusammenhänge so zu formulieren, dass jedermann das verstehen konnte.“ In den acht gemeinsamen Jahren auf der Bühne habe er „nie einen Dissens“ mit Hildebrandt gehabt, betonte Schneyder.

Jürgen Kessler (Leiter des Deutschen Kabarettarchivs) und Walter Schumacher (Vorstand der Kabarettstiftung): "Er ist in 60 Bühnenjahren zur moralischen Instanz geworden. Ein trauriger Tag für das Kabarett, das einen seiner Besten verliert. Ein trauriger Tag für die Bundesrepublik, deren Entwicklung Dieter Hildebrandt als profilierter Spötter wider Intoleranz und Dummheit begleitet hat.“ 2005 war er vom Deutschen Kabarettarchiv mit einem „Stern der Satire“ ausgezeichnet worden.

 

Thomas Herrmanns (Der Gründer des „Quatsch Comedy Clubs“): „Dieter Hildebrandt war immer so charmant, dass man seine intellektuelle Überlegenheit nie gemerkt hat.“

Christian Stückl: "Ich habe ihn in meiner Zeit als Regieassistent an den Kammerspielen erlebt – in Produktionen wie „Tschurangati“. Seine Auftritte hatten dort etwas, was uns im Theater oft fehlt: die direkte politische Wirkung. Er konnte Moral so verpacken, dass man darüber lachen konnte und wie mit einem Scheibenwischer Klarsicht bekam. Schade, dass ich nie mit ihm zusammenarbeiten durfte."

Konstantin Wecker (Liedermacher): "Dieter Hildebrandt war für mich mehr als ein Vorbild: eine moralische Instanz und Gegenpol zu den Politikdarstellern, denen man nichts mehr glauben kann. Er war gesegnet mit eimem gerechten Zorn, gerade im Alter: da spürte ich eine echte Wut, die über das Kabarettistische hinausging. Noch vor einer Woche habe ich mit ihm telefoniert - er hat mir gratuliert, dass ich bei Nolympics mitmache. Hildebrandts Tod ist ein herber Verlust für die intellektuelle Landschaft in Deutschland".

Bruno Jonas (Scheibenwischer-Jollege von Hildebrandt): „Er war einmalig“. Aus Sicht seines früheren „Scheibenwischer“-Kollegen Bruno Jonas hat niemand die Kabarett-Szene der Bundesrepublik so geprägt wie Dieter Hildebrandt. „Er war in seiner Art, Kabarett zu machen, Maßstab setzend“, sagte Jonas am Mittwoch der Nachrichtenagentur dpa in München. „Er war einmalig.“ Die Zusammenarbeit mit Hildebrandt, mit dem Jonas von 2000 bis zu Hildebrandts Ausscheiden 2003 fest im „Scheibenwischer“-Team war, sei sehr prägend gewesen. „Wir haben sehr viel miteinander geschrieben, gedacht, gesponnen, diskutiert, debattiert.“ Er habe an Hildebrandt gemocht, dass er „ein sehr spontaner und schneller Denker“ war – und sehr neugierig. Zum letzten Mal hätten sich die beiden vor 14 Tagen bei Hildebrandt zu Hause getroffen. „Da war er noch voller Tatendrang und wollte im Dezember wieder auf die Bühne“, sagte Jonas. „Er war ein Kämpfer.“

Hans Well (Liedermacher der aufgelösten Band "Biermösl Blosn"): Der Liedermacher und Texter der aufgelösten Band „Biermösl Blosn“, Hans Well, hat den gestorbenen Kabarettisten Dieter Hildebrandt als moralische Instanz gewürdigt. „Mit ihm verlieren wir alle nicht nur einen auch im hohen Alter noch geradezu jugendlich frischen Ausnahmekabarettisten und klugen Kommentatoren unserer politischen und gesellschaftlichen Zustände, sondern auch eine echte moralische Instanz, bei der Anspruch und Wirklichkeit nicht auseinandergingen“, sagte Well der Nachrichtenagentur dpa. „Mir persönlich fehlt in Zukunft ein wunderbarer Mensch, der mir auch in schlechteren Zeiten immer als Freund zur Seite stand.“

Well berichtete, er habe von der Krebserkrankung des 86-Jährigen gewusst. „Dass es so schnell zu Ende ging, ist furchtbar traurig“, fügte der Liedermacher hinzu. „Er erzählte mir vor circa zwei Wochen noch von seinen Plänen für ein Abschlussprogramm.“ Hildebrandt war in der Nacht zum Mittwoch in einem Münchner Krankenhaus gestorben. Noch im April hatte er zusammen mit der neuen Formation von Hans Well, den „Wellbappn“, in Altomünster nahe Dachau auf der Bühne gestanden.

Christian Ude (SPD und OB von München): „Noch in diesem Jahr haben wir umjubelte, virtuose Auftritte voller Kraft und Witz erleben und mitfeiern dürfen – da ist es einfach nicht zu fassen, dass er plötzlich nicht mehr da sein soll. Dieter Hildebrandt war ein unerbittlicher Aufklärer, eine kritische Instanz und moralische Institution und er war auch ein kämpferischer Humanist, der die Welt besser und die Gesellschaft menschlicher machen wollte. Er ist nie dem Mainstream nachgelaufen, sondern hat sich oft mit Mächtigen angelegt und stets Farbe bekannt hat. Hildebrandt hat angestiftet zur Aufsässigkeit und eingeladen zur politischen Einmischung. Er war ein Glücksfall für die deutsche Demokratie.“

Markus Rinderspacher (SPD): Die SPD-Fraktion im bayerischen Landtag hat Dieter Hildebrandt als „unbestechlichen Wächter unserer Gesellschaft“ gewürdigt. „Dieter Hildebrandt war die Stimme der Menschlichkeit, die Stimme der Empörung und auch die Stimme des heiligen Zorns. Mit intellektueller Schärfe und Brillanz hat er politische Entwicklungen und Entscheidungen analysiert und auf ihren Kern reduziert“, sagte der Fraktionsvorsitzende Markus Rinderspacher am Mittwoch in München. „Wie kein anderer Kabarettist hat er es geschafft, Politiker zu stellen und an ihre Verantwortung zu erinnern.“ Hildebrandt war in der Nacht zum Mittwoch im Alter von 86 Jahren an Krebs gestorben.

Luise Kinseher (Nockherberg-Bavaria und Kabarettistin): "Ich habe Dieter Hildebrandt zuletzt auf Dieter Hanitzsch 80. Geburtstag getroffen, da war er so lustig wie immer. Er war in seiner Aufrichtigkeit, in seinem Engagement und mit seiner Energie und seinem Können ein Kabarettist, der über uns allen schwebte. Ich habe von ihm gelernt, dass man als Kabarettist Verantwortung für die Gesellschaft trägt und mich immer an ihm orientiert. Als junge Kabarettistin hatte ich einen Heidenrespekt vor ihm, da habe ich mich gar nicht getraut, ihn anzusprechen. Dann hat er mich bei einer Radiosendung über Frauen und Kabarett mal lobend erwähnt, und ich war völlig positiv überrascht."

Und als ich dann mal meinen ganzen Mut zusammen genommen habe und ihn angesprochen habe, da habe ich erst gemerkt, was für ein wahnsinnig liebevoller, wohlmeinender und offener Mensch er war - völlig frei von jeder Eitelkeit. Der Tod von Dieter Hildebrandt ist ein herber Verlust für die Gesellschaft, denn er war so überaus integer und bis zuletzt ein moralische Instanz.“

Horst Seehofer (Bayerischer Ministerpräsident, CSU): „In tiefer Trauer sagt Bayern Dieter Hildebrandt, der Ikone des politischen Kabaretts schlechthin, ein letztes "Dankeschön"“, sagte Seehofer am Mittwoch. „Dieter Hildebrandt hat mit spitzer Feder und spitzer Zunge über Jahrzehnte Politikern in Deutschland den Spiegel vorgehalten.“ Er sei damit ein Vorbild für Generationen junger Kabarettisten. „Bayern verneigt sich mit Achtung und Respekt vor Dieter Hildebrandt. Unsere Gedanken sind in diesen Stunden bei seiner Familie und seinen Freunden.“

Sigmar Gabriel (Vorsitzender der SPD): „Mehr als ein halbes Jahrhundert lang brachte er uns zum Lachen und regte dabei zugleich kritisches Denken an.“ Unser Land hat einen großartigen Kabarettisten verloren, die SPD einen kritischen Unterstützer.“ Er habe den Geist der Freiheit und ein Verantwortungsgefühl für die Demokratie und den Frieden in der Bundesrepublik verkörpert, „ohne dabei dogmatisch oder gar humorlos zu werden.“

Auch der SPD habe er den Spiegel vorgehalten „und uns damit stets daran erinnert, dass auch die Tagespolitik der SPD unseren Wurzeln in der Aufklärung, der Arbeiterbewegung und im Antimilitarismus gerecht werden muss“. Die SPD habe ihren wohl charmantesten Kritiker verloren, sagte Gabriel. Hildebrandt sei nie der Versuchung erlegen „in postmoderne Beliebigkeit abzudriften oder mit bloßer Comedy für Einschaltquoten zu sorgen“. Man werde seinen linken, demokratischen und im besten Sinne liberalen Geist schmerzlich vermissen, sagte der SPD-Chef.

Gregor Gysi (Linkspartei): Linksfraktionschef Gregor Gysi hat den verstorbenen Kabarettisten als „großen Künstler“ gewürdigt. „Er war genial, humorvoll, provokativ, konsequent und mit der Eigenschaft versehen, Freundinnen und Freunde auch dann nicht zu verlassen, wenn sie in größten Schwierigkeiten steckten“, schrieb Gysi am Mittwoch auf Facebook.

Seine gute Laune sei ansteckend gewesen. „Dieter Hildebrandt war aber auch wichtig für den Zeitgeist, für die politische Auseinandersetzung“, betonte Gysi. Er habe Politikern auch weh tun müssen, um sie zum Nachdenken zu veranlassen. „Wir alle hatten ihn nötig und verdient. Hoffentlich wird die Lücke, die er hinterlässt, nicht zu groß.“

 

 

 

 

 

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