Konzertsaal Bitte nicht abreißen!

So sah der Kongresssaal mit dem umlaufenden Fries von Hermann Kaspar in seiner Zeit als Konzertsaal aus. Foto: Deutsches Museum

Bayerns oberster Denkmalpfleger Egon Johannes Greipl hat nichts gegen die Isarphilharmonie. Aber er fordert einen sorgsamen Umgang mit dem Kongresssaal als architektonischem Dokument

Ungeliebte Gebäude lässt man am besten erst leer stehen. Irgendwann regnet es hinein. Dann nimmt die Bausubstanz Schaden. Bald reden alle von einem Schandfleck. Und plötzlich geht es ganz schnell mit dem Abriss, ob mitten in der Stadt oder irgendwo draußen im Land.

Der Kongresssaal des Deutschen Museums könnte dafür ein gutes Beispiel werden: Auch da hingen schon mal die Dachrinnen einen Winter lang in der Luft. Niemand liebt den verwahrlosten Kasten. Kaum hat Kunstminister Wolfgang Heubisch den Standort für einen Konzertsaal vorgeschlagen, träumt Christian Ude auch schon ungeniert vom Abriss des angeblichen „Nazi-Baus”, was wegen des Baubeginns im Jahr 1928 nur sehr bedingt richtig ist.

"Denkmalschutz lebt im und mit dem Wandel"

Bayerns oberster Denkmalpfleger Egon Johannes Greipl hat gar nichts gegen eine Umwandlung der Kongresshalle in eine Isarphilharmonie. Er lobt den Standort sogar als „hervorragend”. Aber aus professionellen Gründen stört ihn der kurze Prozess, der dem größten Stahlbetonskelettbau seiner Zeit gemacht zu werden droht.

„Denkmalschutz lebt im und mit dem Wandel”, so Greipl. „Er steht weder für Käseglocke und Musealisierung, noch für die übereilte und gnadenlose Beseitigung von Geschichte zugunsten von so genannter Stararchitektur.” Zum Denkmalschutz gehört für ihn nicht die Entsorgung, sondern das Weiterleben der Geschichte, was die Verwandlung der Funktion eines Gebäudes einschließt.

Seit 40 Jahren steht der Kongresssaal auf der Denkmalliste

German Bestelmeyers Kongressbau ist dafür ein gutes Beispiel: Nach seiner Eröffnung im Jahr 1935 war die vom Museumsgründer Oskar von Miller und dem ersten Architekten Gabriel von Seidl entworfene Dreieinigkeit aus Sammlungsbau, Bibliothek und Veranstaltungssaal vollendet. Obwohl ursprünglich für wissenschaftliche und technische Vorträge konzipiert, war der Kongresssaal in der Nachkriegszeit bis zur Eröffnung der Gasteig-Philharmonie vor allem ein Konzertsaal. Zuletzt waren dort ein Planetarium und Kinos untergebracht, die mangels Wirtschaftlichkeit jedoch in Konkurs gingen.

Der Kongresssaal steht seit 40 Jahren auf der Denkmalliste. Seinem Abriss würde auch der riesige Mosaikfries von Hermann Kaspar zum Opfer fallen. Der ist gewiss keine Schönheit, aber ein bemerkenswertes Dokument für die Kontinuität in der Kunst nach 1945. Sein Schöpfer wirkte an der Innenausstattung von Hitlers Reichskanzlei mit und zierte das Haus der Kunst mit noch vorhandenen Hakenkreuz-Mäandern. Trotzdem beauftragte ihn das demokratische Bayern mit einem Staatswappen-Gobelin im Senatssaal des Landtags. Und der vor dem Krieg begonnene Fries im Kongresssaal wurde erst 1955 fertiggestellt.

„Was Geschichte war, sollte weiterleben im Neuen”, findet Greipl. „Denkmalschutz ist nachhaltig, ungeheure Massen von Bauschutt nicht.” Die Residenzpost und der Abriss des Schönbornschen Hofguts im unterfränkischen Öttershausen sind warnende Beispiele. Die Begeisterung für eine Isarphilharmonie sollte die warnenden Stimmen des Denkmalsschutzes nicht völlig übertönen. Zu viel gutes Altes wird derzeit von durchschnittlicher Investorenarchitektur kaputt gemacht. 

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