Können die Koreaner auch Sport? Kia: Der Stinger setzt den Stachel an

, aktualisiert am 10.10.2017 - 13:48 Uhr
Angriff auf die obere Mittelklasse: Mit dem Stinger schickt Kia eine neue, schicke Sport-Limousine auf die Straßen. Foto: Kia

Die Marke KIa steht für zuverlässige Autos, die mit guter Qualität und umfangreichen Garantieversprechen locken. Aber: Kia kann auch Emotion und dicke Hose!

Palma de Mallorca - Woran denken Autokäufer, wenn sie den Namen Kia hören? Spontan fällt ihnen meist ein, dass der koreanische Hersteller erfolgreiche Massenprodukte mit guter Qualität liefert und aus dieser Selbstsicherheit heraus eine Sieben-Jahre-Garantie gewährt. Seit sich der Autokonzern den deutschen Peter Schreyer als Chefdesigner vom Volkswagen-Konzern holte und in den Vorstand berief, machte auch das Design überraschend große Sprünge, die den Autos nun ein absolut modernes Aussehen bescheren. Für diese Tugenden möchte Kia auch künftig stehen, aber das reicht den Managern wohl nicht mehr.

Als Beweis für das Draufsatteln in Sachen Image rollen die Koreaner eine Coupé-Limousine der Mittelklasse namens Stinger (Stachel) aus den Werkshallen, die mit beachtlichen Leistungsdaten aufwartet. Und schon rückt die etablierte Leistungsgesellschaft im Premiumsegment in den Fokus, wie BMW 4er, Audi A5 und Infiniti Q50. Nein, man sieht sich speziell zu den deutschen Kraftpaketen von BMW und Audi nicht als Konkurrenz, um dort massenweise Käufer abzujagen. Aber es soll ein klares Signal sein, dass Kia es mindestens genauso gut kann - oder sogar noch besser. Matthias Troge, Leiter Produktmarketing von Kia Deutschland, fasst das Ziel in knappen Worten so zusammen: "Der Stinger ist als Speerspitze für die Marktentwicklung gedacht, als Aushängeschild für die Marke."

Markantes Design und unaufgeregte Kraft

Das mag aufs Erste sehr hoch aufgehängt erscheinen, aber der Stinger verursacht beim Erstkontakt auf Mallorca erst einmal ergriffenes Schweigen. Nicht nur das Design verrät: Hier wird nicht der Versuch unternommen, mit lauwarmen Wasser zu kochen. Der Tigernasengrill, die seitlichen Nüstern, die lange Motorhaube, die kurzen Überhänge, die geschwungene Seitenlinie mit den Muskeln über den Radhäusern und die vier verchromten Endrohre beim Topmodell GT, die links und rechts keck zu je Zweien gebündelt sind, sind ein Statement. Könnte der Stinger sprechen, würde er wohl sagen: So sieht man eben aus, wenn man es bis auf 370 PS bringt, 510 Nm auf die Kurbelwelle wuchtet und in 4,9 Sekunden von Null auf 100 sprintet. Aber ein Krawallbruder bin ich nicht!"


Das Kraftpaket: Im Top-Modell Stinger 3.3 T-GDI AWD GT leistet ein V6-Turbobenziner mit 370 PS seinen Dienst. Foto: Kia

Und tatsächlich: Der V6-Motor verrichtet seine Arbeit im Schulterschluss mit dem Achtgang-Automatikgetriebe eher gelassen brabbelnd, als wolle er dem Fahrer mit sonorer Stimme zuraunen: "Du kannst Dich auf mich verlassen. Wenn Du plötzlich Leistung brauchst, dann lasse ich mit nicht lumpen." So ähnlich würden es die rot lackierten Bremssättel wohl auch formulieren - nur mit gegensätzlicher Blickrichtung. Auch hinter die Fahrwerksqualitäten können die Piloten einen Haken setzen, denn der Stinger fühlt sich selbst bei härtester Gangart auf der abgeschlossenen Rennstrecke "Circuito Mallorca" nicht überfordert. Er wirkt insgesamt sogar sehr unaufgeregt. Damit die Kraft nicht sinnlos mit durchdrehenden Rädern verpufft, werden beim GT immer alle vier Räder angetrieben. Für die Basisversionen mit dem 2,0-l-Turbobenziner mit 188 PS und dem 2,2-l-Turbodiesel mit 147 PS ist die Sportlimousine als Hecktriebler (zum ersten Mal bei Kia) konzipiert. Je nachdem, ob sanftes Dahingleiten oder eher flottes Fahren angesagt sind, stehen fünf Fahrprogramme zur Auswahl, die Lenkung, Fahrwerk und Schaltcharakteristik beeinflussen.

Ob die Leistungsdaten des GT im Vergleich zu den direkten Mitbewerbern beim Kauf entscheidend sind, sei dahingestellt. Schließlich wird sich die künftige Kundschaft eher nicht auf Rennstrecken herumtreiben. Der Reiz, sich den Stinger zu kaufen, geht eher vom Gesamtpaket aus: Die Serienausstattung ist so komplett, dass den Marketing-Strategen in Ingolstadt und München die Spucke wegbleiben dürfte. Wer bei der genannten Konkurrenz alles das haben will, was im Stinger zur Serienausstattung gehört, beschleunigt den Rechnungsbetrag mit Turbokraft in Tausender-Schritten nach oben.

Es geht um Leistung, nicht um Benzinsparen

Die Koreaner haben dagegen beim Serienumfang einfach nichts vergessen: Lederausstattung, elektrische Vordersitze mit Memory-Funktion, Sitzheizung und beim GT Sitze mit verstellbaren Seitenwangen, Klimaautomatik, 8-Zoll-Navigationsbildschirm, Premium-Soundsystem, digitaler Radioempfang, Head-up-Display, LED-Scheinwerfer, Rundumsichtkamera, Smartphone-Ladestation und mehr. Die Aufzählung ließe sich auch locker durch nahezu alle Assistenzsysteme und Sicherheitsdetails bis hin zur aktiven Motorhaube für den Fußgängerschutz verlängern. Das Meiste davon gibt es bereits in der Basisversion für 43.990 Euro. Beim Kraftmeier am oberen Ende, dem 3.3 T GDI AWD GT sind es dann 54.900 Euro.

Der Stinger ist vielleicht nicht das Auto, das man in Zeiten von Abgasdiskussionen und Dieselskandal erwartet hätte. Denn zumindest bei der Technik zum Reinigen der Diesel-Emissionen muss Kia noch gewaltig nachbessern. Und der ganz dicke Benziner dokumentiert über die Tankquittungen mit seinem EU-Verbrauch von 10,2 l/100 Kilometer ebenfalls, dass er nicht für Energiespar-Rallyes konzipiert wurde, sondern für einen vorderen Platz bei der Leistungsshow.

Die Entwicklung des Stinger war abgeschlossen, als die öffentliche Diskussion in dieser Thematik aufbrandete, und die Marketing-Strategen wollten den Verkaufsstart nicht verschieben. Denn am 20./21. Oktober sollen die Händler den Stinger ihren Kunden zeigen. Die größte Aufmerksamkeit wird das durchtrainiert wirkende Image-Signal der Marke sicher in den leuchtenden Farben "High Chroma Red" oder "Microblau Metallic" erzielen. Diese beiden Farben wären auch unsere Wahl. Wer eher Freude an einer unauffälligen Teilnahme am Straßenverkehr hat, der bekommt den Stinger auch in einem unverbindlichen mausgrau.

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