König Ludwig II und Bernhard von Gudden Der Mann, der mit dem Märchenkönig im Starnberger See endete

Der König und sein Psychiater Foto: Husum-Verlag

Eine Ausstellung im Meierhof von Kloster Benediktbeuern beschäftigt sich mit dem Psychiater, der den Märchenkönig begutachtete und mit ihm im Starnberger See starb.

Wer war „Der Mann, der mit Ludwig II starb“? Der Münchner Bayern-Experte Alfons Schweiggert versucht den Psychiater Bernhard von Gudden zu rehabiliteren - gegen alle Klischees und Vorurteile.

AZ: Herr Schweiggert, Sie zeigen den bislang als „Königsmörder" beschimpften Gudden in einem neuen Licht. Befürchten Sie nicht, dass Gugelmänner Ihre Ausstellung verwüsten?

ALFONS SCHWEIGGERT: Nein, das sind friedliche Ludwig -Verehrer. Aber aus Berlin kam von einem „Ludwig-Experten" schon der Ruf, die Ausstellung zu verbieten. Doch diese Ausstellung ist keine gegen Ludwig II., sondern die erste seit 128 Jahren, die sich seriös mit seinem Gutachter Gudden befasst.

Der Psychologe Heinz Häfner hat in  „History of Psychiatry" gerade veröffentlicht, es seien „keine belastbaren Hinweise auf eine ernste psychische Störung des Königs gefunden worden".

Auch  Häfner, der mir für die Ausstellung wichtige Informationen gab, weiß, dass Dr. Gudden nicht der erste war, der merkte, dass mit dem König was nicht stimmte. Schon viele Jahre vorher brodelten Gerüchte im Volk und die Presse tuschelte über die eigenartige Lebensweise des Königs. Ebenso auch andere Ärzte, so Karl August Solbrig, Leiter der Oberbayerischen Kreisirren-anstalt in München und Guddens Vorgänger. Auch er äußerte sich über die Verhaltensauffällig-keiten des Königs , die ihn an Ludwigs Bruder Otto erinnerten. Oder Ludwigs Zahnarzt, Franz Carl Gerster. Er hatte zwei Jahre vor der Entmündigung des Königs nach einer Vierstunden- Audienz bei Ludwig die Regierung dringend aufgefordert, dem König ärztliche Hilfe zukommen zu lassen, bevor es zu spät ist, was damals aber abgelehnt wurde.

Der schwerste Vorwurf, der eines ärztlichen Kunstfehlers ist, Gudden habe Ludwig gar nicht gesehen und untersucht...

… was auch bei dem kontaktscheuen König als unmöglich erachtet wurde. Noch heute kommt es vor, dass ein Gutachten nach Aktenlage erstellt wird, wenn ein Patient nicht bereit ist, sich einer Untersuchung zu unterziehen.

Und zu welchem Ergebnis kam Gudden in dieser frühen Zeit der Psychiatrie?

„Originäre" oder „primäre Verrücktheit", im Gutachten als "Paranoia" bezeichnet, die übrigens der Gudden-Schüler, Prof. Emil Kraepelin, bereits 1883 beschrieben hatte.

Aber es wird doch immer wieder gesagt, dass der König seinen Regierungsgeschäften bis zum Schluss nachkam.

Ja, die Akten bearbeitete er regelmäßig, aber die vielen Repräsentationspflichten vernachlässigte er mit den Jahren immer mehr. Als er am Ende dann den Hoffriseur ausschickte, um Minister zu entlassen oder Züchtigungsbefehle anordnete, auch wenn diese nicht ausgeführt wurden, dann sorgte das für große Beunruhigung. Ängste, Aggressionsausbrüche, totale Abschottung, das hielt man  für Symptome einer seelisch-geistigen Störung. Natürlich konnte Ludwig auch sehr freundlich sein und sich  normal verhalten. Auch das hat Kraepelin betont, dass es bei „Paranoia" Phasen der Normalität gibt. Doch sie werden von wahnhaften Schüben unterbrochen, die mit den Jahren zunehmen.

Dann gibt es die Theorie: Das Gutachten über Ludwig stinke zum Himmel, weil es ein Gefälligkeitsgutachten für die Regierung unter Minister Lutz gewesen sein soll.

Das Gutachten war nachweislich kein Gefälligkeitsgutachten. Gudden verfasste es, weil er überzeugt war, dass der König krank ist. Und das fiel ihm nicht leicht. Er war dem König ja dankbar, der ihn gegen die Münchner Ärzteschaft durchgesetzt hatte, weil er für seinen kranken Bruder Otto den besten Nervenarzt wollte, eben Gudden, den er dann auch geadelt hat. Das ist ja die Ironie des Schicksals: genau diesen König musste Gudden 14 Jahre später begutachten und ihn dann auch noch in Schloss Berg internieren.

Würde man mit heutigem Wissen den Fall Ludwig anders beurteilen?

Heute stehen heute viel mehr Unterlagen und Materialien zur Verfügung als Gudden je einsehen konnte. Seit 1886 bis heute existieren mehr als 30 verschiedene Diagnosen über den König: von narzisstischer Störung über soziale Phobie und Bausucht bis hin zu Borderlin-Störung, schizotype Persönlichkeitsstörung und beginnende frontototemporale Demenz, so Prof. Hans Förstls Ansicht. Was Gudden als "Paranoia" bezeichnete, beurteilt man heute als Störung aus dem schizophrenen Formenkreis.

Also würde heute ein ähnliches Urteil gesprochen?

Heute äußert man sich natürlich sehr viel differenzierter. Aber, dass Ludwigs psychische Entwicklung höchst problematisch war und er sich auf dem Weg in eine schwere seelische Störung befand, schließen viele Fachleute zumindest nicht mehr aus. Da er aber mit 41 Jahren starb, blieb seine weitere Entwicklung ungewiss. Mir ist es wichtig, zu zeigen, dass Gudden nach bestem Wissen und Gewissen und auf wissenschaftlicher Höhe seiner Zeit agierte. Heute sind wir angeblich ja viel toleranter, was abweichenden Lebenswandel betrifft. Was heute aber dennoch alles passieren kann, erlebte man jüngst am Beispiel Mollath.

Gudden wird ja immer nur im Zusammenhang mit König Ludwig gesehen, aber er war ja generell ein fortschrittlicher Psychiater der Vor-Freud-Zeit, ein Reformer.

Ja, ein angesehener Neurologe, Lehrer und Anstaltsleiter Aber in Bayern hielten ihn manche für einen „dahergelaufenen Saupreiß", der es wagte, die Zustände der Oberbayerischen Kreisirren-anstalt in München als reformbedürftig zu bezeichnen. Gudden respektierte Geisteskranke. Er setzte sich für eine zwangsfreie Behandlung seiner Patienten ein, gewährte ihnen Freiräume und forderte mehr Pflegepersonal, alles Forderungen, die auch heute noch modern sind.

Dennoch war die Internierung im engen und ungeeigneten Schloss Berg nicht sehr human.

Schloss Berg war nur ein Provisorium. Etwas später wäre der König sicher ins geräumigere Schloss Linderhof umquartiert worden. Gudden selbst und ebenso die Pfleger benahmen sich dem König gegenüber die 1 ½ Tage, die er in Berg verbrachte, stets respektvoll. Dass er von diesen angeblich brutal behandelt worden sei, ist ein Märchen. Die Ausstellung in Benediktbeuern räumt mit vielen unhaltbaren Vorurteilen und Gerüchten über Dr. Gudden endlich auf.

Alfons Schweiggert: „Der Mann, der mit Ludwig II starb – Dr. Bernhard von Gudden, der Gutachter des bayerischen Königs“ (Husum, 224 Seiten, 16,95 Euro), Ausstellung im Maierhof  des Klosters Benediktbeuern ab 15. Mai

 

JETZT LESEN

1 Kommentar